Dachdecker-Innung Wanne-Eickel 1919-1976


Die Dachdecker-Innung Wanne-Eickel war die örtliche Berufsorganisation des Dachdeckerhandwerks im damaligen Stadtgebiet Wanne-Eickel. Sie entstand 1919 und gehörte damit zu den handwerklichen Organisationen, die sich im Zuge der starken industriellen und baulichen Entwicklung der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg herausbildeten. Ihre Aufgaben lagen insbesondere in der Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen des Dachdeckerhandwerks, der beruflichen Ausbildung und der Förderung des fachlichen Nachwuchses.
Die Innung bestand zunächst als eigenständige Organisation. 1976 wurde sie mit der Dachdecker-Innung Herne zur gemeinsamen Dachdecker- und Zimmerer-Innung für Herne, Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel vereinigt. Diese Organisation besteht in veränderter organisatorischer Einbindung bis heute fort. Der historische Name der Wanne-Eickeler Innung verweist damit auf eine eigenständige Phase der örtlichen Handwerksgeschichte, die eng mit der Entwicklung des Baugewerbes der Stadt Wanne-Eickel verbunden war.[1]
Geschichte
Gründung 1919
Die Dachdecker-Innung Wanne-Eickel wurde 1919 gegründet. Die Entstehung fällt in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen des örtlichen Bau- und Handwerkswesens. Wanne-Eickel hatte sich seit dem späten 19. Jahrhundert von einer ländlich geprägten Gegend zu einer dicht besiedelten Industrie- und Bergbaustadt entwickelt. Der Ausbau von Zechenanlagen, Eisenbahnen, Gewerbebetrieben und Wohnsiedlungen führte zu einer erheblichen Nachfrage nach Bauhandwerkern.
Das Dachdeckerhandwerk nahm innerhalb des Baugewerbes eine besondere Stellung ein. Neben dem Neubau von Wohn- und Geschäftshäusern gehörten die Instandhaltung und Reparatur bestehender Gebäude zu den regelmäßigen Aufgaben der Betriebe. Die Organisation der selbstständigen Handwerksmeister in einer Innung diente dabei sowohl der fachlichen Interessenvertretung als auch der Regelung gemeinsamer Angelegenheiten des Berufsstandes.
Die Wanne-Eickeler Gründung von 1919 ist im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung des organisierten Handwerks nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen. Die örtlichen Innungen bildeten einen wichtigen Bestandteil der handwerklichen Selbstverwaltung und der beruflichen Ausbildung.
Das örtliche Dachdeckerhandwerk
Zu den ältesten nachweisbaren Dachdeckerunternehmen im späteren Innungsbezirk gehörte der Betrieb Diekmann. Josef Diekmann sen. nahm am 24. August 1910 in Eickel ein Dachdeckergewerbe auf. Sein Unternehmen führte unter anderem Dachdeckerarbeiten aus und handelte mit Bedachungsartikeln. Josef Diekmann sen. gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Dachdecker-Innung Wanne-Eickel und war dort über viele Jahre als Lehrlingswart tätig.[2]
Die Entwicklung solcher Familienbetriebe verdeutlicht die Bedeutung des Dachdeckerhandwerks für die örtliche Bauwirtschaft. Mehrere Unternehmen konnten sich über Generationen hinweg behaupten und bildeten zugleich Fachkräfte aus, die wiederum in der regionalen Bauwirtschaft tätig wurden.
Die Innung nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand das Dachdeckerhandwerk vor umfangreichen Wiederaufbauaufgaben. Die Kriegsschäden an Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden und Gewerbebauten führten zu einem hohen Bedarf an Reparaturen und Neubauten. Gleichzeitig veränderten sich die technischen Anforderungen des Berufs durch neue Materialien und Bauweisen.
Die Innungen gewannen in dieser Zeit erneut an Bedeutung. Neben der Vertretung der Interessen ihrer Mitgliedsbetriebe spielte insbesondere die Berufsausbildung eine wichtige Rolle. Die Ausbildung des Nachwuchses, die Organisation der Prüfungen und die fachliche Weiterbildung gehörten zu den zentralen Aufgaben der organisierten Dachdeckermeister.
Für die Geschichte der Wanne-Eickeler Innung ist insbesondere eine Festschrift von Bedeutung. Das Archiv verwahrt eine Akte mit dem Titel „Dachdecker-Innung Wanne-Eickel“, die unter anderem eine Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Innung enthält. Die Akte trägt die Jahresangabe 1969 und befindet sich im Bestand 715 „Innungen und Verbände“.[3]
Zusammenschluss 1976
Eine wichtige Zäsur erfolgte 1976. In diesem Jahr schlossen sich die Dachdecker-Innung Wanne-Eickel und die Dachdecker-Innung Herne zu einer gemeinsamen Innung zusammen. Damit wurde die zuvor getrennte Organisation des Dachdeckerhandwerks der beiden Nachbarstädte beendet.
Der Zusammenschluss stand zugleich im Zusammenhang mit der kommunalen Neuordnung des Ruhrgebiets. Wanne-Eickel und Herne waren bereits 1975 zur neuen Stadt Herne vereinigt worden. Die Zusammenführung der handwerklichen Organisationen folgte dieser kommunalen Entwicklung.
Die neue Organisation bezog schließlich auch das Dachdeckerhandwerk in Castrop-Rauxel ein und entwickelte sich zur Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel.
Der heutige Innungsbezirk umfasst damit Herne, Castrop-Rauxel und das historische Gebiet Wanne-Eickel. Bereits eine landesrechtliche Übersicht von 2001 führt die „Innung für das Dachdecker- u. Zimmererhandwerk Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel“ mit Sitz in Herne und einem Innungsbezirk auf, der Herne, Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel in den Grenzen vom 31. Dezember 1974 umfasst.[4]
Aufgaben und Bedeutung
Die historische Dachdecker-Innung Wanne-Eickel war Bestandteil der handwerklichen Selbstverwaltung. Zu ihren wesentlichen Tätigkeitsfeldern gehörten die Interessenvertretung der Mitgliedsbetriebe, die Förderung des Berufsstandes sowie die berufliche Ausbildung.
Eine besondere Bedeutung besaß die Nachwuchsförderung. Die Innungen wirkten an der Ausbildung und an den Gesellenprüfungen mit. Diese Tradition wird auch von der heutigen Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel fortgeführt, die über einen eigenen Prüfungsausschuss verfügt.[5]
Die Innung erfüllte damit nicht nur eine wirtschaftliche Funktion. Sie war zugleich eine Einrichtung der beruflichen Gemeinschaft und trug zur Weitergabe handwerklicher Kenntnisse und beruflicher Standards bei.
Vom Wanne-Eickeler Berufsverband zur heutigen Innung
Die Geschichte der Dachdecker-Innung Wanne-Eickel ist heute Bestandteil der Geschichte der Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel. Die heutige Innung gehört dem Innungsverband des Dachdeckerhandwerks Westfalen an. Dieser führt sie als eine von 27 Innungen seines Verbandsgebietes.[6]
Nach Angaben der Kreishandwerkerschaft Ruhr besteht die heutige Innung aus 27 Mitgliedsbetrieben unterschiedlicher Größe. Neben kleinen Zwei-Mann-Betrieben gehören auch Unternehmen mit mehreren Dutzend Beschäftigten dazu. Als besonders traditionsreiche Betriebe werden unter anderem Hugo Hellrung aus Herne, Franz Wand aus Castrop-Rauxel und Diekmann Bedachungen aus Wanne-Eickel genannt.[7]
Die historische Entwicklung von der eigenständigen Wanne-Eickeler Innung zur heutigen gemeinsamen Fachinnung zeigt damit exemplarisch die Veränderungen der handwerklichen Organisation im Ruhrgebiet: Aus örtlich begrenzten Berufsorganisationen entwickelten sich größere Fachinnungen, deren Zuständigkeit sich an die kommunalen und wirtschaftlichen Veränderungen der Region anpasste.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Die Dachdecker-Innung Wanne-Eickel gehört zur Geschichte des örtlichen Handwerks und damit zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der ehemaligen Stadt Wanne-Eickel. Ihre Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit dem starken Wachstum der Stadt im Zeitalter von Bergbau, Eisenbahn und Industrialisierung.
Von besonderem Wert für die lokale Forschung sind dabei die überlieferten Innungsunterlagen. Die im Stadtarchiv Herne vorhandene Akte mit der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen bietet einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte der Organisation und ihrer Mitglieder.[8]
Die Geschichte der Innung ist zugleich ein Beispiel dafür, dass die Entwicklung Wanne-Eickels nicht allein durch Bergbau und Industrie geprägt wurde. Das örtliche Bauhandwerk bildete einen eigenständigen und für die Entwicklung der Stadt notwendigen Wirtschaftsbereich. Dachdeckerbetriebe waren an der Errichtung und Unterhaltung der Wohnhäuser, Geschäftsgebäude und gewerblichen Anlagen beteiligt und damit unmittelbar an der baulichen Entwicklung der Stadt beteiligt.
Literatur und Quellen
- Stadtarchiv Herne: Bestand 715 „Innungen und Verbände“, A 8: Dachdecker-Innung Wanne-Eickel, einschließlich Festschrift zum 50-jährigen Bestehen.
- Kreishandwerkerschaft Ruhr: Die Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel, 2025.
- Innungsverband des Dachdeckerhandwerks Westfalen: Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel.
- Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Nordrhein-Westfalen, Nr. 11 vom 12. April 2001.
- Diekmann Bedachungen: Unternehmensgeschichte.
Lesen Sie auch
Einzelnachweise
- ↑ Deutsche Digitale Bibliothek, Akte „Dachdecker-Innung Wanne-Eickel“, Stadtarchiv Herne, Best. 715 Innungen und Verbände, A 8.
- ↑ Diekmann Bedachungen, Unternehmensgeschichte.
- ↑ Deutsche Digitale Bibliothek, Stadtarchiv Herne, Best. 715 Innungen und Verbände, A 8.
- ↑ Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Nordrhein-Westfalen, Nr. 11 vom 12. April 2001, S. 148.
- ↑ Kreishandwerkerschaft Ruhr, „Die Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel“, 2025.
- ↑ Innungsverband des Dachdeckerhandwerks Westfalen, Übersicht der Innungen.
- ↑ Kreishandwerkerschaft Ruhr, „Die Dachdecker- und Zimmerer-Innung Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel“, 2025.
- ↑ Stadtarchiv Herne, Bestand 715, A 8.
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