Radio Bertlich - Herne

Radio Bertlich war ein Elektro- und Unterhaltungselektronik-Fachgeschäft an der Dorstener Straße 263 in Herne-Wanne. Das Familienunternehmen wurde Anfang der 1960er Jahre gegründet und entwickelte sich in den 1970er und 1980er Jahren zu einem der größten Elektrofachmärkte im Herner Stadtgebiet. Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurde der Geschäftsbetrieb am 31. August 2006 eingestellt. Anschließend übernahm die Berlet-Unternehmensgruppe den Standort.
Geschichte
Radio Bertlich wurde Anfang der 1960er Jahre gegründet und entwickelte sich mit dem Boom von Radio-, Fernseh- und später Videotechnik zu einem erfolgreichen Fachgeschäft. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren gehörte das Unternehmen zu den führenden Anbietern von Unterhaltungselektronik in Herne. Zeitzeugen berichten von einem außergewöhnlich hohen Kundenaufkommen, das zeitweise sogar verkehrsregelnde Maßnahmen der Polizei erforderlich machte.
Der Firmengründer galt als Unternehmer der klassischen Generation, der den Betrieb persönlich führte und über Jahrzehnte ausbaute. Das Sortiment umfasste Fernsehgeräte, Hi-Fi-Anlagen, Videorekorder, Haushaltsgeräte sowie Beratung, Kundendienst und Reparaturen.
1973 entstand an der Dorstener Straße ein neues Betriebsgebäude. 1979 wurde der Standort durch ein Lager- und Verkaufsgebäude erweitert; 1985 kamen zusätzliche Kundenparkplätze hinzu.
Legendär war die Warenkontrolle nach der Kasse und der öffentliche Führungsstil des Firmengründers.
Wirtschaftliche Entwicklung
Mit dem Strukturwandel im Elektrohandel verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Die zunehmende Konkurrenz großer Elektronikmärkte sowie Veränderungen im technischen Angebot führten zu sinkenden Umsätzen. Nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter reagierte das Unternehmen nur zögerlich auf neue Entwicklungen des Marktes. Die Unternehmensleitung führte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten dagegen auf die allgemeine Marktentwicklung sowie die Erkrankung des Firmengründers zurück.
Nach Angaben der späteren Geschäftsführerin Brigitte Bertlich konnte der Betrieb in den letzten Jahren nur durch erhebliche private Finanzmittel aufrechterhalten werden.
Betriebsschließung
Am 31. August 2006 wurde Radio Bertlich endgültig geschlossen. Die Belegschaft erhielt ihre Kündigungen im Zuge der Geschäftsaufgabe.
Zwischen ehemaligen Mitarbeitern und der Unternehmensleitung entstand anschließend ein langjähriger Rechtsstreit. Mehrere Beschäftigte vertraten die Auffassung, es habe sich nicht um eine endgültige Betriebsschließung, sondern um einen Betriebsübergang gehandelt, da bereits Verhandlungen mit der Berlet-Unternehmensgruppe geführt worden seien. Sie erhoben Kündigungsschutzklagen.
Die Arbeitsgerichte entschieden jedoch zugunsten der Bertlich GmbH. Nach Auffassung der Gerichte lag eine zulässige Betriebsschließung vor; die spätere Eröffnung eines Berlet-Marktes am gleichen Standort begründete keinen Betriebsübergang.
Die Auseinandersetzung belastete das Verhältnis zwischen der Unternehmerfamilie und zahlreichen ehemaligen Beschäftigten nachhaltig.
Der Firmengründer Heinrich Bertlich starb kurz nach Auflösung der Firma (Löschung am 14. Mai bzw. 6. Oktober 2009) am 14. Oktober 2009 und wurde auf dem Holsterhauser Friedhof beigesetzt.
Nachnutzung des Standorts
Nach der Schließung wurde das Gebäude von der Berlet-Unternehmensgruppe als Elektrofachmarkt weiter genutzt. Nachdem auch Berlet den Standort aufgegeben hatte, standen die Gebäude mehrere Jahre leer.
2018 stellte die Stadt Herne Planungen vor, das Gelände neu zu entwickeln. Die ehemaligen Verkaufsgebäude sollten abgebrochen und durch eine großflächige Filiale des Discounters Aldi ersetzt werden. Hintergrund war die Aufgabe der bisherigen Aldi-Filiale an der nahegelegenen Ackerstraße zugunsten eines größeren Neubaus an der Dorstener Straße.
Bedeutung für Herne
Über mehr als vier Jahrzehnte gehörte Radio Bertlich zu den bekanntesten Elektrofachgeschäften Hernes. Das Unternehmen steht beispielhaft für die Entwicklung inhabergeführter Radio- und Fernsehgeschäfte im Ruhrgebiet: vom wirtschaftlichen Aufstieg während des Unterhaltungselektronik-Booms der Nachkriegszeit bis zum Strukturwandel des Einzelhandels im Wettbewerb mit großen Elektronikfachmärkten und Discountern.
== Stiftung Am 14. April 2010 wurde die Brigitte und Heinrich Bertlich Stiftung mit Sitz in Herne staatlich anerkannt. Die gemeinnützige Stiftung hat ihren Sitz an der ehemaligen Firmenanschrift, Dorstener Straße 263. Ihr Stiftungszweck umfasst insbesondere die Förderung von Bildung, Erziehung und Ausbildung sowie der Kinder- und Jugendhilfe. Alleinvertretungsberechtigte Vorstandsmitglieder sind Brigitte Bertlich und Doris Menze.[1]
Literatur
- Kai Wiedermann: Harte Zeiten. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 6. Januar 2008.
- Lars-Oliver Christoph: Dorstener Straße: Aldi baut Groß-Filiale neben Rewe-Markt. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 30. Mai 2018.
- Stadt Herne: Historische Recherche zum Bebauungsplan Dorstener Straße 263–269, 21. Dezember 2018.
- Stadt Herne: Baugrund- und Altlastenuntersuchung Dorstener Straße 263–269, 7. Mai 2019.
Lesen Sie auch
Quellen
- ↑ Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen: Brigitte und Heinrich Bertlich Stiftung, Stiftungsverzeichnis NRW.
