Reichsbank Herne - Markgrafenstraße
Das ehemalige Reichsbankgebäude an der Markgrafenstraße in Herne (historisch an der Markgrafenstraße 10 gelegen) lässt sich historisch und städtebaulich präzise einordnen. Heute befindet sich an dieser Stelle ein moderner Erweiterungsbau des Finanzamtes Herne.
Gründung der Reichsbank Nebenstelle Herne
Hermann Schaefer schrieb in seinem Buch "Die Geschichte von Herne", S. 40, über die:
"7. Bank- und Credit-Geschäfte. a) Die Reichsbanknebenstelle in Herne. Anfang 1897 traten in Herne Bestrebungen hervor, ein Credit-Institut zu gründen. Bei der Erörterung dieses Gedankens ergab sich das Bedürfnis, gleichzeitig eine Reichsbanknebenstelle errichtet zu sehen. Nach Fühlungnahme mit der Reichsbankstelle Bochum richteten 51 Firmen aus Herne und Umgegend, an der Spitze die Bergwerksgesellschaft Hibernia, eine Eingabe an das Reichsbank-Direktorium in Berlin. Von dort aus forderte man gewisse Gegenleistungen, welche für die Dauer von 5 Jahren übernommen werden mußten. Diese Leistungen sollten bestehen in der unentgeltlichen Hergabe eines Kassenlokals und einer Botenwohnung, sowie in der Garantie für eine jährliche Mindest-Tantième von 3000 Mk. Stadt und Interessenten einigten sich dahin, die Last je zur Hälfte zu übernehmen.
Am 1. Juni 1897 wurde die Reichsbanknebenstelle errichtet. Anfänglich mietweise untergebracht bezog die Bank bald ein von ihr in der Heinrichstraße käuflich erworbenes Haus. Der erste Vorstand war Herr Genzmer. Gegenwärtig wird die Stelle geleitet von Herrn Liebrecht. "
Ehemaliges Reichsbankgebäude (Markgrafenstraße 10)
Das ehemalige Reichsbankgebäude an der Markgrafenstraße 10 in Herne war ein bedeutender Verwaltungs- und Bankbau des frühen 20. Jahrhunderts. Das Gebäude entstand in den Jahren 1923-1925 und gehörte zu einer Reihe repräsentativer staatlicher Neubauten im Bereich der Markgrafenstraße. Heute befindet sich an seiner Stelle ein moderner Erweiterungsbau beziehungsweise ein Teil des Finanzamtes Herne.
Geschichte
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Hernes und der zunehmenden Bedeutung des Ruhrbergbaus entstand Anfang des 20. Jahrhunderts entlang der Markgrafenstraße ein Verwaltungs- und Behördenzentrum. In diesem Zusammenhang wurde auch das Reichsbankgebäude errichtet.
Das Gebäude diente als örtliche Niederlassung der Reichsbank. Wie bei vielen Reichsbankbauten dieser Zeit waren neben den Geschäftsräumen auch Dienstwohnungen für leitende Bankbeamte vorgesehen. Nach seiner Nutzung als Bankgebäude wurde der Bau später abgebrochen. Die Fläche wurde im Zuge der Erweiterung des Finanzamtes neu bebaut.
Architektur
Stilistische Einordnung & Zeitgeist
Das Gebäude wurde mitten in der unruhigen Phase der Weimarer Republik ab 1923 errichtet und im Jahr 1925 feierlich eingeweiht. In dieser Epoche pflegte das preußische Staatsbauwesen für Reichsbank-Neubauten einen sehr spezifischen, repräsentativen Stil, der als späte Reformarchitektur oder sachlicher Heimatschutzstil bezeichnet wird.
- Abkehr vom Prunk: Während im späten 19. Jahrhundert staatliche Banken noch wie italienische Renaissance-Paläste mit üppigem Stuck verziert wurden, dominierte in den 1920er Jahren bereits die geerdete Sachlichkeit.
- Heimatschutz-Elemente: Die Architektur orientierte sich an traditionellen, fast bürgerlich-wohnlichen Formen (wie dem Mansarddach und den Fensterläden), um Vertrautheit, Solidität und wirtschaftliche Sicherheit auszustrahlen – Kernwerte, die eine staatliche Notenbank in den von Inflation geprägten 1920er Jahren vermitteln musste.
Detaillierte Baubeschreibung
Die Fassadengliederung: Die Schauseite zur Markgrafenstraße zeigt eine strenge, regelmäßige Reihung der Fensterachsen. Die Fassade ist verputzt und verzichtet im Gegensatz zu älteren historistischen Bauten auf schweren Sandsteinschmuck.
Das Erdgeschoss (Der Bankbereich): Das Erdgeschoss ruht auf einem soliden Sockel. Die Wandflächen zwischen den Fenstern sind durch vertikale Wandpfeiler (Lisenen) gegliedert. Diese vertikale Gliederung fängt optisch die Last der oberen Stockwerke ab und verleiht dem Gebäude trotz seiner funktionalen Schlichtheit eine monumentale Würde.
Die Obergeschosse (Wohnungen der Bankbeamten): In den Reichsbankgebäuden dieser Epoche war es üblich, dass in den oberen Etagen großzügige Dienstwohnungen für den Bankvorstand (den Reichsbankdirektor) und höhere Beamte untergebracht waren. Dies erklärt die fast wohnliche Gestaltung:
- Alle Fenster der Obergeschosse besitzen hölzerne Klappläden (Fensterläden), die einen starken Hell-Dunkel-Kontrast zur hellen Putzfassade bildeten.
- Zwischen den Fenstern der beiden Etagen befinden sich quadratische bzw. rechteckige Spandrel-Zonen (Brüstungsfelder) mit dezentem geometrischem Dekor, was die Fensterreihen optisch elegant miteinander verbindet.
Das Dach: Das Gebäude wird von einem mächtigen Mansarddach abgeschlossen. Das steile Hauptgeschoss des Daches ist komplett ausgebaut, um weiteren Wohnraum zu schaffen. Auch hier sind die Fenster konsequent mit Fensterläden ausgestattet, um die Symmetrie des Gesamtbaus bis zur Dachkante fortzuführen.
Städtebauliche Bedeutung
Die Markgrafenstraße entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer wichtigen Meile für staatliche und kommunale Verwaltungsbauten im Herner Zentrum. In unmittelbarer Nachbarschaft entstanden monumentale Bauten wie das Königliche Bergrevieramt (Markgrafenstraße 8, erbaut 1912–1914) oder das Finanzamt (Markgrafenstraße 12).
Das 1925 eingeweihte Reichsbankgebäude fügte sich mit seiner strengen, aber handwerklich edlen Architektur perfekt in dieses Behördenviertel ein. Während andere Bauten die Zeit überdauert haben, ging das markante Reichsbankgebäude durch den späteren Abriss für das Stadtbild verloren.
Quellen
- Historische Fotografien des Reichsbankgebäudes Herne.
- Lokale Auswertungen zur Bau- und Stadtgeschichte der Markgrafenstraße.
- Zeitgenössische Unterlagen zum Reichsbankbauwesen des frühen 20. Jahrhunderts.

