Anton Graf (1905–1979) – Unternehmer aus Wanne-Eickel

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel
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Anton Graf
Geboren am: 24. März 1905
Geboren in: Eickel
Gestorben am: 24. Februar 1979
Gestorben in: Herne
Beruf: Unternehmer
Letzte Änderung: 09.02.2026
Geändert von: Andreas Janik


Anton Graf (geboren am 24. März 1905 in Wanne; gestorben am 24. Februar 1979 in Herne) war ein Spediteur, Busunternehmer und Reiseveranstalter. Er starb 1979 in Herne im Alter von etwa 74 Jahren. Graf gilt als einer der bedeutendsten Unternehmerpersönlichkeiten der Stadtgeschichte von Wanne-Eickel und als Gründer des bis heute existierenden Familien-Unternehmens Anton Graf GmbH Reisen & Spedition.

Leben und Bedeutung

Geboren wurde Graf als Sohn des gleichnamigen Bergmanns Anton Graf (Geb. 1864 in Kronówko (deutsch Klein Cronau) in Ostpreußen, gestorben am 29. September 1922 in Wanne) und dessen Ehefrau Marianna Ckloska.
Der Tod seines Vaters wurde in der Gelsenkirchener Zeitung vom 11. Juni 1923 ein Thema:

"Bochum, 10. Juni. In der Nacht zum 29. September spielte sich in der Moltkestraße zu Eickel eine schautige Bluttat ab, welche an zwei Tagen das Bochumer Schwurgericht beschäftigte. Der auf dem Wege  zur Arbeitsstätte befindliche Bergmann Anton Graf wurde 3 Minuten von seiner Wohnung von Personen, die im Hinterhalt lagen, erschlagen. Auf die Hilferufe des Graf lief sein 17jähriger Sohn Anton herbei, der seinen Vater auf dem felde neben einem zur Violinstraße führenden Weg in einer Blutlache liegend fand. Graf starb nach einigen Minuten in den Armen seines Sohnes."[1]  

Die Täter wurden verurteilt.

Unternehmerische Anfänge in Wanne-Eickel

Der Weg zum Unternehmer war für Anton Graf nicht vorgezeichnet: Ursprünglich wollte er Dekorateur werden, fand aber nach dem frühen gewaldsamen Tod seines Vaters zunächst Arbeit im Bergbau. Durch diesen Beruf lernte er auch seine spätere Ehefrau Mathilde kennen, die aus einer Fuhrunternehmer-Familie aus Bochum-Hamme stammte. Sie ermutigte ihn zur Selbstständigkeit.

1928 kaufte Graf seinen ersten gebrauchten Lkw, den er vielseitig einsetzte: Tagsüber transportierte er Waren wie Möbel oder Lebensmittel, an anderen Tagen setzte er das Fahrzeug mit Sitzbänken für Personenfahrten ein. Auf diese Weise begann er, Güter- und Personenverkehr zu verbinden. Bald konnte er weitere Fahrzeuge anschaffen und seinen Fuhrpark erweitern. [2] 1935 kaufte er seinen ersten Omnibus und unternahm Fahrten wie zum Nürburgring. Sein Firmensitz war damals an der Plutostraße, später Eickeler Bruch 36.

Firmensitz in Röhlinghausen und Wachstum

1937 erwarb Anton Graf ein Grundstück in Röhlinghausen an der heutigen Edmund-Weber-Straße, wo der Firmensitz bis heute liegt. Dort baute er den Betrieb weiter aus. In den frühen Jahren bestand das Geschäft aus zwei Hauptbereichen: dem Gütertransport und dem Personenverkehr. Anfangs wurden beide Aufgaben oft mit demselben Fahrzeug bewältigt, später differenzierte sich der Betrieb in spezialisierte Bus- und Speditionsdienste. [3]

Seine Busse trugen bereits seit den frühen Tagen den Schriftzug „Wanne-Eickel“ gut sichtbar, sodass Anton Graf über Jahrzehnte ein gewisser Botschafter seiner Heimatstadt im Reiseverkehr wurde.

Parteimitgliedschaft in der NSDAP

Im Jahre 1938 trat er in die NSDAP ein. Wurde zunächst als Mitläufer eingestuft um kurzzeitig beschuldigt zu werden eine Person an die Gestapo übergeben zu haben (Januar 1947). Abschließen nach Entlastung in die Kategorie V. eingetragen (Januar 1948)[4]

Grafs Reisen und Unternehmensentwicklung

Unter dem Namen Grafs Reisen entwickelte sich das Unternehmen zu einem der größten Reise- und Busbetriebe Deutschlands. Während in den Anfangsjahren einfache Reisen ins nahe Ausland oder innerhalb Deutschlands angeboten wurden, wuchs das Angebot in den folgenden Jahrzehnten auf Linien-, Fern- und Fernbusverkehr, Klassenfahrten sowie touristische Reisen in ganz Europa. [5][6]

Nach Anton Grafs Tod 1979 übernahmen seine Söhne Theodor, Werner und Arno die Leitung des Betriebs und führten die Firma als Familienunternehmen weiter. Im Laufe der Zeit wurden aus wenigen Fahrzeugen über 100 Busse und mehr als 20 Lkw. Bis in die 2010er Jahre hinein beförderte das Unternehmen jährlich Millionen von Fahrgästen – im Reise-, Linien- und Mietomnibusverkehr – und blieb ein wichtiger Arbeitgeber in Röhlinghausen und Herne. [7]

Heute umfasst der Betrieb neben dem klassischen Reiseverkehr auch Linienverkehr, Spedition, Reisebüros und Dienste im Fernbusverkehr, und in mehreren Ruhrgebietsstädten vertreten. [8]

Bedeutung für Herne-Wanne-Eickel

Anton Graf ist in der regionalen Geschichte von Wanne-Eickel vor allem als Unternehmer bekannt, der aus bescheidenen Anfängen ein bedeutendes, bis heute bestehendes Familienunternehmen schuf. Seine Firma hat nicht nur wirtschaftlich Bedeutung, sondern steht auch exemplarisch für die Entwicklung von Handwerk, Verkehr und Tourismus im Ruhrgebiet. Mit seiner Unternehmensgründung leistete Graf einen Beitrag zur lokalen Identität und zur Entwicklung von Röhlinghausen als industriell-verkehrlichem Standort. [9]

Quellen


Wolfgang Berke

Der Mann, der Wanne-Eickel durch die Welt fuhr

47 Jahre lang war Anton Graf unermüdlicher Botschafter seiner Heimatstadt, das stolze „Wanne-Eickel“ haben seine Busse und Lkws Millionen von Kilometern in ganz Europa (und noch darüber hinaus) herumgetragen. Andere Unternehmer sind mit ihren Beschriftungen nicht so großzügig und verstecken den Namen ihrer Heimatstadt zwischen Ruf- und Faxnummer. Nicht so Anton Graf, der ihn schon 1928 unübersehbar auf seinen ersten Wagen pinseln ließ. Daneben natürlich auch noch „A. Graf“ sowie „Genehmigter Güter-Fernverkehr“. Womit eine lange Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm.

Anton Graf war das speditive Gewerbe nicht in die Wiege gelegt. Dekorateur wollte er werden, im Bergbau landete er, als er nach dem frühen Tod des Vaters zur Ernährung seiner großen Familie beitragen musste. Als „Kumpel Anton“ lernte er seine spätere Frau Mathilde kennen, Tochter eines Fuhrunternehmers aus Bochum-Hamme. Die fand, dass ihr ein „Herr Graf“ über Tage besser gefiele und ermunterte ihren Anton, sich selbstständig zu machen. Mit dem gesparten und zusammengekratzten Geld kaufte Anton Graf einen gebrauchten Lkw und verwandelte ihn zu einem Alleskönner: Mit einem Holzaufbau wurden Möbel und Güter transportiert. Und mit einem Kasten, der Fenster und Sitzbänke hatte, Arbeiter zum Werk gefahren oder Sonntagsausflügler ins Grüne.

In den Anfangstagen wurde ziemlich viel hin- und hergeschraubt. Tagsüber Personenfahrten, nachts Warenlieferungen für Metzger und Gemüsehändler. Dann kamen die Städtischen Bühnen Gelsenkirchen als Kunde hinzu, also auch noch einen Anhänger dran für die Kulissen. Bald waren die zunehmenden Aufträge mit Grafs motorisiertem Verwandlungskünstler nicht mehr zu schaffen, neue Fahrzeuge mussten her, der Fuhrpark wuchs zwangsläufig. Ebenso der Firmensitz in Röhlinghausen: Vom Büro in der Wohnung über die Schuppen im Hof eines Kohlenhändlers bis zum ersten eigenen Firmengrundstück an der heutigen Edmund-Weber-Straße.

Die Kunden blieben dem Unternehmen treu. Über Jahrzehnte fuhr Anton Graf für die Chemischen Werke Hüls, später ebenso für Zechengesellschaften und im Liniendienst für die Bogestra. Auch die Theaterleute buchten den Wanne-Eickeler immer wieder. Nicht nur die Gelsenkirchener, sondern nach dem Zweiten Weltkrieg auch Ensembles und Orchester aus Recklinghausen, Essen oder Marl.

Graf-Busse tourten mit Mimen und Musikern durch Westeuropa und Skandinavien, brachten urlaubshungrige Nachkriegsdeutsche über den Brenner nach Italien und unternehmungslustige Ingenieurstudenten nach Nordafrika. Fast zwangsläufige Folge der Reiseaktivitäten: Eigene Reisebüros, mit denen man die Fahrten auch selbst vermarkten konnte. Und ein eigenes Reiseprogramm, das Lust auf die Ferne und auf einen erlebnisreichen Urlaub machte. Jetzt war Anton Graf nicht nur Busunternehmer, sondern auch eigener Reiseveranstalter und Reisemakler. Und natürlich noch Spediteur, denn die Transportflotte des Unternehmens wuchs ebenfalls mit.

Eins blieb Graf aber immer: Ein Familienunternehmen, in das längst die drei Graf-Söhne gewachsen waren, als sich die Busse und Lkws von ihrem Wanne-Eickel-Schriftzug trennen mussten. Sollten irgendwelche Herner gehofft haben, dass Graf ab 1975 kostenlose Reklame für die neue Stadt führe, sahen sie sich enttäuscht. Seit der Städtezusammenlegung steht nur noch „Graf’s Reisen“ auf den Bussen. Die Herkunft ist lediglich klein auf der Tür und am Kennzeichen zu erkennen.

Als Anton Graf 1979 kurz vor seinem 75. Geburtstag starb, gingen seine Söhne Theodor, Werner und Arno in die Verantwortung. Vaters Erbe wurde mit Respekt weiter geführt, Tradition traf Moderne, erkennbar am neuen, kräftigen Gelb, in dem die Busse heute strahlen. Aus dem Ein-Mann-Betrieb der Anfangsjahre ist ein 400-Personen-Unternehmen der Jetztzeit geworden. Mit mehr als 100 Bussen und 3,4 Mio. beförderten Personen hat es Graf’s Reisen zum größten Busreiseveranstalter Deutschlands gebracht (Handelsblatt 2003). Und die dritte Graf-Generation legt selbstverständlich auch schon Hand mit an. Immer noch in Wanne-Eickel, immer noch an der Edmund-Weber-Straße.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors [10]
Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2005

Weblinks

  • Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - NW 1115 / SBE Hauptausschuss Stadtkreis Wanne-Eickel NW 1115, Nr. 4102 - Entnazifizierung Anton Graf , geb. 24.03.1905 (Spediteur)
  • Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - NW 1037-BVI / SBE Der Sonderbeauftragte für die Entnazifizierung im Lande NW NW 1037-BVI, Nr. 720 - Entnazifizierung Anton Graf , geb. 24.03.1905 (Transportunternehmer)

Verwandte Artikel

Quellen

  1. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/17285882
  2. „Mit ‘Grafs Reisen’ von Röhlinghausen in die Welt“, WAZ
  3. „Mit ‘Grafs Reisen’ von Röhlinghausen in die Welt“, WAZ
  4. https://www.landesarchiv-nrw.de/data03/Abt_Rheinland/NW-Bestaende/NW_1037-BVI/~007/NW_1037-BVI-00720/LAV_NRW_R_NW_1037-BVI-00720_0003.jpg
  5. „Anton Graf GmbH Reisen & Spedition“, Wikipedia
  6. „Mit ‘Grafs Reisen’ von Röhlinghausen in die Welt“, WAZ
  7. „Anton Graf GmbH Reisen & Spedition“, Wikipedia
  8. „Anton Graf GmbH Reisen & Spedition“, Wikipedia
  9. „Mit ‘Grafs Reisen’ von Röhlinghausen in die Welt“, WAZ
  10. Aus: Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel 2 Noch mehr Mythen, Kult, Rekorde: Die Zeitreise geht weiter, Seiten 56 - 57

Anton Graf (1905–1979) – Unternehmer aus Wanne-Eickel