Kritische Auseinandersetzung mit dem "Masurenaufruf" von 1908

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Kritische Auseinandersetzung mit dem "Masurenaufruf" von 1908

(Bergarbeiter-Zeitung vom 8. August 1908 zum „Masurenaufruf“) (Quelle: http://library.fes.de/gwp/id/40943)

Der vorliegende Text (Masurenaufruf 1908) aus der „Bergarbeiter-Zeitung“ (1908) ist kein neutraler Bericht, sondern ein kämpferischer, gewerkschaftlich geprägter Leitartikel. Er richtet sich gegen die gezielte Anwerbung ausländischer und ostpreußischer Arbeiter – insbesondere aus Masuren und Nordböhmen – für den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet.

Eine kritische Betrachtung muss daher drei Ebenen berücksichtigen:

  • den historischen Kontext von 1908,
  • die Argumentationsweise und Interessenlage des Textes,
  • den Vergleich mit heutigen Debatten über Migration und Arbeitsmarkt.

1. Historischer Kontext (1908)

Um 1908 befand sich das Ruhrgebiet in einer konjunkturellen Abschwächung nach Jahren starken Wachstums.

Der Steinkohlebergbau war geprägt von:

  • zyklischen Krisen
  • Aussperrungen und „Schwarzen Listen“
  • harter gewerkschaftlicher Auseinandersetzung
  • massiver Binnenmigration

Der Text steht im Umfeld des Alten Verband der Bergarbeiter Deutschlands, der sozialdemokratisch orientiert war und sich gegen Unternehmerpolitik stellte.

Gleichzeitig war die Zuwanderung aus den preußischen Ostprovinzen und aus Österreich-Ungarn bereits seit Jahrzehnten Realität. Diese Migranten wurden später unter dem Begriff Ruhrpolen zusammengefasst.

Wichtig ist: Der Text entsteht in einer Situation wirtschaftlicher Unsicherheit, in der tatsächlich Entlassungen und Lohnkürzungen stattfanden. Die Sorge vor Lohndruck war daher nicht völlig unbegründet, sondern entsprang realen Erfahrungen mit Unternehmerstrategien.

2. Analyse der Argumentation

a) Kein offener Fremdenhass – aber funktionale Abgrenzung

Der Artikel betont mehrfach, man sei „nicht mit Haß gegen die fremden Arbeiter erfüllt“. Diese rhetorische Distanzierung ist bemerkenswert. Dennoch wird faktisch argumentiert, dass Zuwanderung in der Krise den einheimischen Arbeitern schade.

Die zentrale These lautet:

  • Es gibt keinen Arbeitskräftemangel – also dient die Anwerbung nur der Lohndrückerei.
  • Damit verschiebt der Text die Schuld nicht auf die Migranten selbst, sondern auf die Unternehmer, die „billiges und williges Menschenmaterial“ suchten.

Das ist gewerkschaftlich konsequent – aber zugleich entsteht eine implizite Konkurrenzlogik: Arbeitsplätze werden als knappes Gut verstanden, das „fremde“ Arbeiter den „einheimischen“ wegnehmen.

b) Kritik an unternehmerischer Propaganda

Der Text demontiert systematisch die Werbeversprechen des „Masuren“-Plakats:

  • idyllische Kolonie
  • Stall, Garten, Sparmöglichkeiten
  • hohe Löhne
  • keine Entlassungen

Er bezeichnet diese Versprechen als „Sirenengesang“ und „Giftsmischung“.

Hier zeigt sich ein frühes Bewusstsein für Arbeitsmigration als Machtinstrument. Die Gewerkschaft erkennt: Anwerbung dient nicht nur der Produktion, sondern auch der Schwächung organisierter Arbeiterschaft.

Diese Analyse ist aus heutiger Perspektive erstaunlich modern.

c) Nationaler Unterton

Trotz internationalistischer Rhetorik zeigt der Text auch eine nationale Schutzlogik („Schutz der nationalen Arbeit“).

Zugleich wird im Plakat selbst ethnisch segmentiert: Masuren sollen unter sich bleiben, getrennt von „Polen, Österreichern usw.“

Hier wird deutlich:
Nicht nur die Gewerkschaft, auch die Unternehmer arbeiteten mit ethnischer Differenzierung – allerdings mit unterschiedlichem Ziel:

  • Unternehmer: Spaltung zur besseren Kontrolle
  • Gewerkschaft: Verhinderung von Lohndumping

3. Vergleich mit heutigen Debatten

Viele Argumentationsmuster aus dem Jahr 1908 wirken erstaunlich vertraut.

Text der Überschrift
1908 2026
„Arbeitermangel existiert nicht“ Debatte um Fachkräftemangel
„Billiges Menschenmaterial“ Vorwurf des Lohndumpings
Migranten werden schlecht informiert Diskussion um Arbeitsmigration & prekäre Beschäftigung
Krise + Zuwanderung = Konflikt Rezessionen + Migrationsdebatten

Heute ist Arbeitsmigration strukturell anders eingebettet:

  • EU-Freizügigkeit
  • Arbeitsrechtlicher Mindestschutz
  • Sozialversicherungssysteme
  • Integrationspolitik

Dennoch bleiben Spannungen bestehen – etwa bei Saisonarbeit, Pflege oder Bauwirtschaft.

Der entscheidende Unterschied: 1908 gab es keinen umfassenden Sozialstaat, keinen Kündigungsschutz im heutigen Sinne und kaum institutionalisierte Mitbestimmung.
Das Risiko, in eine existenzielle Notlage zu geraten, war deutlich größer.

4. Bewertung aus heutiger Perspektive

Was war berechtigt?

  • Kritik an manipulativer Anwerbung
  • Hinweis auf Lohndruck in Krisenzeiten
  • Warnung vor sozialer Spaltung
  • Analyse von Unternehmerstrategien

Was ist problematisch?

  • implizite Konkurrenzlogik zwischen „einheimisch“ und „fremd“
  • fehlende Perspektive der Migranten selbst
  • paternalistischer Ton gegenüber „betrogenen“ Arbeitern

Die Migranten erscheinen im Text nicht als selbstbestimmte Akteure, sondern als Opfer oder Werkzeuge.

5. Fazit

Der Text von 1908 ist kein fremdenfeindlicher Hetzartikel, sondern ein gewerkschaftlicher Krisenkommentar.

Er zeigt:

  • Migration war schon damals eng mit Konjunktur und Machtfragen verbunden.
  • Unternehmer nutzten Mobilität strategisch.
  • Gewerkschaften reagierten mit Schutzargumenten.

Im Vergleich zur Gegenwart sind die strukturellen Rahmenbedingungen grundlegend anders – doch die Grundfragen bleiben erstaunlich aktuell:

  • Wer profitiert von Migration?
  • Wer trägt die Risiken?
  • Wie verhindert man Lohndumping?
  • Wie vermeidet man soziale Spaltung?

Der Text ist daher weniger als Zeugnis von Fremdenfeindlichkeit zu lesen, sondern als Dokument einer frühen Auseinandersetzung um globale Arbeitsmärkte – im Zeitalter der Industrialisierung.


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Quellen