Trixi Ballett

Die Liste ihrer Show- und Gesangspartner ist lang, da fehlt kaum jemand zwischen Paola und Heino ...

Wolfgang Berke

„Irgend etwas habe ich wohl falsch gemacht ...“

Wenn Beatrix Zschech mal still da sitzt (was selten ist), den Kopf schüttelt und leise sagt: „Irgend etwas habe ich falsch gemacht“, ist man zunächst irritiert. Da leitet ein Wanne-Eickeler Energiebündel mehr als 40 Jahre lang eine kleine, private Gesangs- und Ballettschule, hat eine Ballett- und Chorform erfunden, die es damals noch nicht gab, war und ist mit ihrer Tanz- und Sangestruppe auf Dutzenden von Schallplatten und in Hunderten von Fernsehsendungen präsent, pflegt seit Jahren den grenzüberschreitenden Kulturaustausch, hat Talente gefördert, die später an klassischen Bühnen reüssierten. Und diese Frau will etwas falsch gemacht haben?

Okay, reich ist Beatrix Zschech mit ihren Trixis nicht geworden. Im Gegenteil, sie konnte nie davon leben, hatte „nebenbei“ 25 Jahre lang einen Fulltimejob bei der Ruhrkohle. Das Geld, was ihr die Trixies einbrachten, reichte noch nicht mal für eine festangestellte Kraft. Kein Wunder, wenn man einen Monatsbeitrag von zwei Mark nimmt, wenn woanders schon 20 Mark üblich sind. Wenn man das wenige Geld dann auch sofort wieder für Kostüme, Busse, Helfer usw. ausgibt. Wenn man bis heute nichts gelernt hat und den Monatsbeitrag dort ansiedelt, wo es in anderen Ballettschulen noch nicht mal eine Übungsstunde gibt.

Die allerdings können sich dann nur die Töchter von Frau Doktor und Herrn Direktor leisten. Was wiederum nicht unbedingt die Mädchen sind, die Beatrix Zschech ansprechen will. Die Mutter der tanzenden und singenden Kompanie wendet sich ganz bewusst an Arbeiterfamilien und an Kinder aus sozialen Brennpunkten. Damit wird man zwar nicht reich. Aber man tut zumindest für die Kinder etwas Richtiges – und man kann sogar das Bundesverdienstkreuz dafür bekommen. Die Trixi-Mutter hat es seit 1989.

Begonnen hatte die Mission der Beatrix Zschech mit einer niederschmetternden Diagnose: Die kleine Trixi erkrankte mit fünf Jahren an Kinderlähmung. Eine der therapeutischen Maßnahmen war Ballett. Trixi tanzte, sang und begeisterte schnell die Erwachsenen. Ihre kleine Karriere wurde bald größer, und 1956 sang sie mit Eddie Constantine im Duett „Der Vagabund und das Kind“, einige kleinere Filmrollen folgten. Da Wanne-Eickeler und Wanne-Eickelerinnen nicht so schnell die Bodenhaftung verlieren, machte die der Schule entwachsene Beatrix dann zwei Ausbildungen. Eine tänzerische an der Folkwangschule – und (Kind, lern’ was Ordentliches) eine kaufmännische bei der Ruhrkohle.

In ihrer Freizeit engagierte sich Beatrix Zschech bei der Arbeiterwohlfahrt und begleitete mit der AWO unter anderem Ferienfreizeiten für Arbeiterkinder. Eine ganz verregnete muss es gewesen sein, als Beatrix mit den Freizeitkindern Lieder und Tänze einübte, um sie trotz des Sauwetters sinnvoll zu beschäftigen. Die Kiddies waren von den Volksliedern und den Spitzen-Tänzen derart begeistert, dass sie zu Hause weiter machen wollten. Also gab’s ab 1964 bei der AWO dann Ballettkurse und Chorproben. Und bald auch die ersten Auftritte. Anfangs lief das Ganze noch organisatorisch unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt, 1971 wurde dann das Projekt auf eigene Schienen gestellt. Einen Namen hatte es anfangs auch nicht, irgend etwas musste auf die Plakate, und da die Mütter der Mädchen sowieso immer nur vom „Trixi-Ballett“ und vom „Trixi-Chor“ sprachen, fügte sich Beatrix Zschech ins Unvermeidliche – und bald standen diese Begriffe auch auf allen Plakaten und Ankündigungen.

Davon gab es reichlich, denn die Trixi-Mädchen wurden „rumgereicht“, eroberten Bühnen und Fernsehstudios. Was die kleinen Stars reichlich durch die Gegend schickte, bei Mitschülerinnen für (je nachdem) Spott oder Neid sorgte und manchmal hart an die Grenze ging, die mit einem ordentlichen Schulbesuch noch zu vereinbaren war. Eine bittere Erfahrung mussten die Trixis aber machen: Mit einem Absender „Wanne-Eickel“ war in den 1960ern kein Blumentopf zu gewinnen. Beatrix Zschech schrieb sich die Finger wund – aber was Fröhliches aus dem düsteren Ruhrgebiet? Was Frisches in dem ganzen Dreck? Das mochte keiner glauben.

Erst als Gotthilf Fischer anbot, die Briefe aus Stuttgart abzusenden, kamen die Einladungen zu Veranstaltungen und TV. Dabei war das, was die Trixis machten und bis heute noch machen, durchaus neu und originell: Tanz und Gesang kombiniert – nennt sich heute Musical und ist der absolute Hit. Damals waren die Trixi-Mädchen Pioniere.

Die Liste ihrer Show- und Gesangspartner ist lang, da fehlt kaum jemand zwischen Paola und Heino, zwischen Costa Cordalis und Dieter Thomas Heck. Reisen mit Tanz und Sang aus Wanne-Eickel führten die Trixis nach England, Frankreich, Griechenland oder Polen. Dutzende von Schallplatten und CDs wurden besungen – und gibt es eigentlich irgend eine TV-Unterhaltungssendung, in der die Trixis noch nicht zu Gast waren?


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors [1]
Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2005

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Quellen

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