Stellungnahmen zum Erhalt der Hallenbad Mosaiken August 2022

In der Schwimmhalle des stillgelegten Hallenbades Wanne-Eickel, gebaut 1953/1954, befinden sich an der an der Stirnwand zwei große Mosaikbilder. Dargestellt ist der Augenblick, in dem Amphitrite auf einem Delphin zu Poseidon kommt, um ihn zu heiraten. Hier im Bild Poseidon[1]
In der Schwimmhalle des stillgelegten Hallenbades Wanne-Eickel, gebaut 1953/1954, befinden sich an der an der Stirnwand zwei große Mosaikbilder. Dargestellt ist der Augenblick, in dem Amphitrite auf einem Delphin zu Poseidon kommt, um ihn zu heiraten. Hier im Bild Amphitrite als Meernymphe[1]

Stellungnahme zur Erhaltung der Mosaiken...

...des Künstlers Edmund Schuitz im ehemaligen Hallenbad Wanne-EickelAm Solbad 7“, Herne.

Dr. Hans H. Hanke, Historiker und Denkmalpfleger, Lehrbeauftragter Kunstgeschichtliches Institut an der Ruhr-Universität Bochum, ehem. wissenschaftlicher Referent in der LWL-Denkmalpflege.[2]

In Abstimmung mit:

  • Klaus Kösters, Kunsthistoriker, Museumspädagoge, ehem. wissenschaftlicher Referent im LWL-Museumsamt für Westfalen. [3]
  • Prof. Dr. Roland Günter, Hochschullehrer, Schriftsteller, ehem. Vorstand des Deutschen Werkbunds Nordrhein-Westfalen. [4]

Ausgangslage

In der Schwimmhalle des stillgelegten Hallenbades Wanne-Eickel, gebaut 1953/1954, befinden sich an der Stirnwand zwei große Mosaikbilder. Sie zeigen Amphitrite als Meernymphe und Poseidon, den Gott des Meeres. Geschaffen hat sie im Auftrag der Stadt Wanne-Eickel der Künstler Edmund Schuitz (12.08.1913 in Wanne - 03.11.1992 in Herne).

Das Bad soll abgerissen werden. Es wurde die Frage gestellt, ob und wie die Mosaikbilder zu bewahren seien. In diesem Zusammenhang wird seit Mai 2022 darauf verwiesen, dass Schuitz in den Jahren 1936 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen ist. Diese zu Recht kritisch zu beachtende, aber bisher nicht weiter hinterfragte Information wird nun als Argument gegen eine Erhaltung der Mosaiken vorgebracht. Im Hinblick auf die mangelnde historische Einordnung ist der zuständige Kultur- und Bildungsausschuss der Stadt Herne in seiner Sitzung vom 10. Mai 2022 unvollständig und damit unzureichend informiert worden.

Als Experten haben wir die ausstehende Einordnung jeweils unabhängig nachgeholt. Wir plädieren im Ergebnis mit Nachdruck für eine Erhaltung der Kunstwerke,

  1. weil Schuitz nach Auswertung aller vorliegenden Informationen kein Nazi war,
  2. weil die Werke – grade auch unter Einbindung der augenblicklichen Diskussion – qualitätvolle und aussagereiche Zeugnisse der regionalen Kunstgeschichte sind,
  3. weil die Vernichtung von Kunstwerken im öffentlichen Besitz ein verheerendes Signal ist.

Analyse

1. Das Werk

Die beiden Mosaiken im Hallenbad von 1953/1954 zeigen keinerlei Bezüge zu rechtsgerichteten Tendenzen der Nachkriegszeit. Sie sind sehr qualitätvolle, zeittypische Werke. Zwischen realistischer Darstellung der Personen und expressionistischen Licht- und Wellendarstellungen besticht die Darstellung vor allem durch eine heitere Gelassenheit der Gesichtsausdrücke sowie die legeren Körperhaltungen der Nymphe und Poseidons. Der Rückgriff auf die griechische Antike war nach 1945 ein Hinweis auf die „Wiege der Demokratie“. Dargestellt ist der Augenblick, in dem Amphitrite auf einem Delphin zu Poseidon kommt, um ihn zu heiraten. Es geht hier also nicht um irgendeine kriegerische Heldengeschichte, sondern um die halbwegs emanzipatorische als auch pazifistisch deutbare Liebesgeschichte der beiden griechischen Sagengestalten: Amphitrite widersetzt sich dem anfänglich zudringlichen Werben Poseidons. Erst als der angemessen auftritt, lässt sie sich auf die Hochzeit ein. Mit der Heirat bewirkt sie, dass der zornmütige, die See oft mit Stürmen peitschende Poseidon die Meere zu verträglicheren Orten macht.

Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass es nach unserem Kenntnisstand fast kein ähnlich qualitätvolles Mosaik der Nachkriegszeit ohne religiösen Inhalt im öffentlichen Raum von Herne und Wanne-Eickel gibt. Die auch ohne Kenntnisse der griechischen Sagenwelt unterhaltsame, lebendige und demokratisch gesinnte Darstellung ist keine Selbstverständlichkeit.

Das zeigt zum Beispiel das Nachkriegswerk des berühmten NS-Kunstschaffenden Arno Breker (1900-1991): Er hat ohne Zögern seinen heroischen NS-Stil erfolgreich 1945 bis zu seinem Tod 1991 weitergeführt. Ein Beispiel ist der „Pferdebändiger“, den Breker im Auftrag der Demag 1952 in Duisburg schuf. Das Relief entspricht exakt dem Entwurf, den Breker Ende der 1930er-Jahre im Auftrag von Albert Speer und Hitler für die „Welthauptstadt Germania“ plante. Ein anderes, regionalgeschichtliches Beispiel ist der vielbeschäftigte westfälischen Kirchenmaler Heinrich Rüter (1877 – 1955). Er führte die Darstellung seiner „arischen“, nämlich blonden und blauäugigen Christusfiguren mit heroischem Segensgestus auch nach 1945 noch aus. Noch „eindrucksvoller“ ist die Karriere des Bochumer Bildhauers Heinrich Schroeteler (1915 – 2000), der für die Stadt Herne 1985 die Büste Jürgen von Mangers schuf. Er wirkte an der Ruhr-Universität als angesehener Rekonstrukteur antiker Groß-Plastiken. Schroeteler war bis 1945 U-Boot-Kommandant, Ritterkreuzträger und bis zu seinem Tod Verehrer des „letzten Führers“ Großadmiral Dönitz, dessen Sarg er 1980 mit zu Grabe trug. Bis in die 1990er-Jahre trafen sich bei ihm Kriegskameraden, gelegentlich unter der Reichskriegsflagge. Mit seiner persönlichen Unterschrift als Ritterkreuzträger steigerte er den Wert kriegsverherrlichender Bilder, die hohe Auflagen erreichten. Autogrammkarten, die ihn in seiner NS-Uniform als Ritterkreuzträger zeigten, fertigte und versandte er wohl bis zu seinem Tod im Jahr 2000, um „die Ehre der deutschen Wehrmacht wiederherzustellen“.

Betrachtet man auch vor diesem Hintergrund das ganz anders geartete gesamte Werk des Edmund Schuitz über die Hallenbad-Mosaike hinaus, ist er mindestens seit seinem Kunststudium an der Kunstgewerbeschule Dortmund ein Verfechter und Anhänger des Impressionismus und Expressionismus. Diese Schule reformierte sich unter erheblichem Einfluss des Bauhauses in Weimar/Dessau durch das Wirken einiger Lehrer. Ihre Moderne prägte Edmund Schuitz für ein langes künstlerisches Wirken. Zu verweisen ist auf die Biographie von 2016 und den Katalog „100 Objekte in Herne“ von 2009. Es wird im Übrigen genau sein Hang zu Impressionismus und Expressionismus gewesen sein, der Schuitz im Januar 1933 Schwierigkeiten mit seiner ersten Kunstausstellung im Kurhaus Wanne-Eickel einbrachte, gegen die der Bochumer Polizeipräsident Einspruch erhob. Dass er dem Expressionismus treu blieb, zeigen Illustrationen eines Sizilien-Buches, das in expressiven Linolschnitten berühmte Orte der Insel zeigt, ohne sie national-monumental zu überhöhen. In der offiziellen NS-Kunst hätte diese Art der Darstellung keine Zustimmung gefunden.

Festzuhalten bleibt also, dass die Kunstauffassung und das Kunstschaffen des Edmund Schuitz viele Anhaltspunkte besitzen, die im Gegensatz zur NS-Kunst und damit zur NS-Politik stehen.

2. Die Biographie 1933 bis 1945:

Der Lebenslauf von Edmund Schuitz ist von Ingeborg Müller-Schuitz 2016 ausführlich und glaubwürdig veröffentlicht worden. Das zeigt nicht nur der Vergleich mit der nun erst aufgetauchten Entnazifizierungsakte. Auf beides wird hier Bezug genommen, um die diskussionsrelevanten Beobachtungen herauszuheben.

Schuitz musste als Halbwaise schon als Kind und Jugendlicher helfen, das sehr dürftige und mehrfach einbrechende Familieneinkommen zu erwirtschaften. Als er 19 Jahre alt war, scheiterte auch seine erste, oben erwähnte Kunstausstellung. Nach seiner Ausbildung 1930 bis 1932 an der Werkkunstschule Dortmund wollte er eigentlich in den „Orient“ nach Tunesien, um dort ex- und impressionistisch zu Malen. Er blieb aber aus wirtschaftlicher Not in Italien. 1934 bis 1935 erlangte er ein Stipendium an der Akademie der bildenden Künste in Rom. Dort war er Schüler von Max Röder (1866 – 1947), der Hochschullehrer und Künstler war zeitlebens den Impressionismus verbunden und ist nicht als politisch aktiv bekannt. Um diesen ersehnten und absichernden Studienplatz zu bekommen, musste Schuitz nach italienischem Recht der Faschistischen Studentenvereinigung (G.U.F. Gruppi Universitari Fascisti) beitreten, aus der er nach Abschluss des Studiums wieder austrat. Festzuhalten ist hier, dass die G.U.F. zwar selbstverständlich eine faschistische Organisation war. Allerdings gab es wohl Nischen für Unangepasste, denn in einem ausführlichen Artikel des italienischen Wikipedia heißt es, dass die G.U.F. auch "tatsächlich eine wahre Brutstätte antifaschistischer intellektueller Energien war, maskiert und bis zu einem gewissen Grad geduldet". Schuitz musste also nicht Faschist gewesen sein, um hier Mitglied zu sein.

Die Möglichkeiten von Schuitz, die Zustände im NS-Staat zu beurteilen, waren sicherlich stark eingeschränkt. Man muss sich vor Augen führen, dass der 1933 erst 19jährige Künstler bereits in Italien war, bevor der offene staatliche Terror der NS-Diktatur in Deutschland beobachtet werden konnte. Private Briefe zeigen, dass er aus Verlegenheit über seine missglückte Orient-Reise und seine schwierige Lage in Rom einen Informationsaustausch mit Verwandten und Freunden nur in großen Jahresabständen pflegte. Demnach war er in Italien auf die gleichgeschaltete, also zensierte Presse als Informationsquelle angewiesen. Allerdings las er die Zeitschrift „Corriere della sera.“ Soweit man dies damals sein konnte, war diese Zeitung ziemlich regimekritisch. Auch das ist ein Indiz gegen die Unterstellung, Schuitz sei NS-freundlich gewesen.

Aus seinen biographischen Daten ergeben sich keine Anhaltspunkte, dass er rechtsgerichtete Kunst oder Positionen vertreten hätte. Im Gegenteil verfolgte er seine nicht NS-konforme Expressionismus-Begeisterung weiter, denn er reiste 1934 und 1935 tatsächlich in den „Orient“, nach Libyen und Tunesien. Der kleine Erfolg in Italien mit expressiven Illustrationen eines Sizilien-Buches wurde bereits erwähnt. Er restaurierte in römischen Kirchen Mosaike und Malereien, auch im Vatikan. Sein Leben in Rom ermöglichte ihm einige Jahre über persönliche Bekanntschaften ein durchaus gutes, selbstständiges Leben mit einem auskömmlichen Einkommen. Politisch scheint sein Tun nicht gewesen zu sein. Denn sehr viel Geld verdienen können hätte er wahrscheinlich mit Bildern des Duce, Hitlers oder anderer NS-Motive – was er aber nicht tat. „Mussolini-Andenken“ werden bis heute in Italien produziert und verkauft.

Ein weiterer Hinweis, dass über solche denkbaren Verkaufsstrategien hier nicht spekuliert wird: Der Hattinger Bildhauer Gustav Pillig (1877-1956) war schon 1913 nach Australien ausgewandert und gehörte zwischen 1930 und 1940 zu den bekannten Persönlichkeiten in Melbourne / Australien. Ab November 1933 bot er Deutsch-Australiern in Serie gefertigte Hitler-Porträts an.

Schuitz plante 1936, nach Deutschland zurückzukehren. Dort erpresste der NS-Staat alle Kulturschaffende dazu, in eine NS-Organisation einzutreten, wenn sie eine Arbeitserlaubnis erhalten wollen. Schuitz trat entsprechend von Italien aus der NSDAP sowie der DAF bei. Er war mit solchen, gegenüber NS-Drangsalierungen absichernden Aktionen nicht allein. Stichproben aus Westfalen zeigen, dass etliche nicht angepasste oder sogar zeitweise verbotene Künstler in ihrer Existenznot der NSDAP oder NS-Organisationen beitraten: Alfons Lütkoff, Wilhelm Renfordt, Carl Baumann und Friedrich G. Einhoff gehören zu denen, die im unten angegeben Katalog „Anpassung – Überleben – Widerstand“ dargestellt werden.

In Herne und Wanne-Eickel geschätzt wird der Bildhauer Wilhelm Braun (1880 – 1945), nicht zuletzt durch sein „Dreimännereck“ von 1927, das heute in eine Kopie vor dem Hbf. Wanne-Eickel steht. Er leitete die 1934 gegründete, systemkonforme und von der Gauleitung regulierte „Gilde werktätiger Künstler Wanne-Eickel“. Seit circa 1935 war Mitglied der NS-Reichskammer der Bildenden Künste. Braun hat nicht nur mit einer Hitler-Büste von 1936 der NS-Kunstpropaganda gedient. „Über die näheren Umstände ist allerdings nichts bekannt“, heißt es dazu im digitalen Geschichtsbuch für Herne und Wanne-Eickel.

An der VHS Wanne-Eickel wirkte 1958 bis 1976 der Maler Kurt Janitzki (geb. 1916) als erfolgreicher und beliebter Lehrer. Seit 1938 NSDAP-Mitglied, war er als Student in München Mitglied der Deutschen Studentenschaft. Als Front- und Kriegszeichner sowie als Reserveoffizier war er Teil des NS-Systems. Welcher Überzeugung er war, ist nicht überliefert. Der Gelsenkirchener Entnazifzierungsausschuss kam zu dem Ergebnis: „HJ und NSDAP werden nicht besonders bewertet, kann beschäftigt werden. Kategorie V.“

Bis in die Herner und Wanne-Eickeler Beispiele hinein zeigt sich also, dass die reine Feststellung, ein Künstler sei NSDAP-Mitglied gewesen, keine eindeutige Aussage zu seiner wahren Lebenseinstellung berechtigt. Hierfür müssen das Werk und die Biographie kritisch betrachtet und analysiert werden. Schon 2012 fasste Klaus Kösters seine Forschungsergebnisse zum Thema Künstler in „Anpassung – Überleben – Widerstand“ zusammen: „... die reine Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer oder sogar in der NSDAP war noch kein Beweis für eine nationalsozialistische Gesinnung“.

Zurück zu Schuitz in Italien: Seine einzigen Rückreisen nach Wanne-Eickel erfolgten gemäß den Angaben in seinem Pass erst 1938 für zwei Aufenthalte. Hier blieb er nur kurz, angeblich erschreckt über den Nazi-Staat, laut Angaben seiner Biographin Ingeborg Müller-Schuitz. 1939 war er dann nach eigenen Angaben wohl in Rom als Reklame-Zeichner für ein Stuttgarter Unternehmen tätig. 1940 bis 1945 war er zur Wehrmacht eingezogen und hier nicht etwa – wie mancher anderer konformer Künstler – als Propaganda-Zeichner militärischer Aktionen, sondern als Hornist, Melder sowie Gruppen- und Zugführer.

Fasst man also die Zeit von Edmund Schuitz 1933 bis 1945 zusammen, zeigt sich deutlich, dass seine überlieferten Tätigkeiten in Rom keinen Rückschluss auf rechte Aktivitäten und damit auf eine NS-konforme Gesinnung zulassen. Sein Beitritt zur NSDAP aus Italien kann nach allen vorliegenden Informationen nicht als Beweis einer NS-Gesinnung gewertet werden. Vieles – nicht zuletzt die aufgezeigten Vergleichsbiographien - spricht im Gegenteil dafür, dass die Mitgliedschaft aus einer vom NS-Staat aufgezwungenen Notwehr heraus vollzogen wurde.

3. Die Biographie nach 1945:

Nach Kriegsverletzungen und der Entlassung aus einem britischem Lager kehrte der nun 32jährige Schuitz im Herbst 1945 nach Wanne-Eickel zurück. Als hier Unbekannter und mit dem in der Öffentlichkeit als nutzlos geltenden Künstlerberuf besaß er dementsprechend keinen örtlichen Rückhalt, als er im Juni 1946 vor dem Entnazifizierungsausschuss aussagen musste. Es kann also nicht damit gerechnet werden, dass er hier einen damals sogenannten „Persilschein“ erhielt, also eine harmlose Einstufung trotz einer NS-getreuen Vergangenheit.

Die Entnazifizierungsausschüsse in der britischen Zone wurden 1946 aus Mitgliedern demokratischer Parteien wie der SPD vor Ort gebildet, so muss es also auch in Wanne-Eickel gewesen sein. 1948 erhielt Schuitz seinen offiziellen Entnazifizierungsbescheid. Schon als er 1951 den Sitzungssaal im Amtshaus Eickel ausgestaltete, muss in diesen eingeweihten Kreisen seine überzeugende Entnazifizierung trotz NSDAP-Mitgliedschaft bekannt gewesen sein, sonst wäre es grade in einer sozialdemokratisch regierten Kommune wohl nicht zu einem so prominenten öffentlichen Auftrag gekommen. Das gilt auch für den Auftrag 1952/53 für die Mosaiken im Hallenbad. Zu bedenken ist dabei auch, dass die Konkurrenz durch andere Künstler - wie zum Beispiel den 1950 gegründeten „Freien Künstlerkreis“ - solche Vergaben sicherlich aufmerksam beobachtete.

Eingestuft wurde Schuitz 1948 in die „Gruppe IV. Weniger gefährliche Nationalsozialisten (Anhänger bzw. Mitläufer)“ ohne (!) die damit oft verhängten Geldstrafen oder Bewegungsbeschränkungen. Gemäß dem einstimmigen Beschluss des Entnazifzierungsausschusses, wurde amtlich festgehalten, dass Schuitz nur ein „nomineller Nazi“ war, also ein vermeintliches, nicht überzeugtes NSDAP-Mitglied. Ohne seine - aufgezwungene - NSDAP-Mitgliedschaft wäre er wohl der abschließenden „Gruppe V“ der Entlasteten zugeordnet worden. Jedenfalls kann die Einstufung des Künstlers Schuitz als „Freispruch“ gelten. Der „Freispruch“ spielte in den dann folgenden Jahren des harten Existenzaufbaus keine Rolle mehr und geriet darum in Vergessenheit – zumal Edmund Schuitz „introvertiert, häufig distanziert“ war, also auch gegenüber seiner Familie wohl nicht zu langen Erzählungen neigte.

Sein Werk nach 1945 ist vielfältig. Die größeren Aufträge kann man in christlich-ernste Kirchenkunst sowie heiter-elegante Fenster, Kratzputzarbeiten und Mosaiken im öffentlichen und privaten Raum aufteilen. Alle Arbeiten sind zeitgemäß typische und hochwertige Beiträge zur demokratischen Gesellschaft.

4. Zusammenfassung, Erhaltungswert der Mosaiken:

Edmund Schuitz war kein Widerstandskämpfer. Er war aber auch in keiner Weise Nazi. Er lebte 1933 bis 1945 nicht in Deutschland, sondern in Italien, konnte also gar nicht an NS-Verbrechen aktiv oder passiv beteiligt sein. In Italien zeigte er keine politischen Aktivitäten. Sein überliefertes Werk ist stilistisch nicht mit einer NS-Kunstauffassung zu vereinbaren und ist nicht nur nach 1945 von demokratischen und christlichen Konzepten getragen.

Die allgemeine Forschungslage zum Thema Kunst in der NS-Zeit und Nachkriegszeit ist bestenfalls ausreichend. Auf die allgemeine Literatur zum Thema wird im Anhang verwiesen. In Herne liegen speziell zur NS-Zeit die verdienstvollen Publikationen des Stadtarchivars Ralf Piorr vor. In ihnen findet allerdings noch nicht einmal die oben erwähnte Kunstausstellung im Kurbad Wanne-Eickel von 1933 Erwähnung, eigentlich ein bemerkenswertes und vorwarnendes kulturpolitische Ereignis. Auch in den sonstigen Veröffentlichungen des Stadtarchives oder in der Zeitschrift „Emscherbrücher“ findet nach unserer Kenntnis die Kunstgeschichte Hernes und Wanne-Eickels keine strukturierte Betrachtung.

Bei sachgemäßer wissenschaftlicher Betrachtung zeigt sich, dass das Werk von Schuitz - insbesondere die in Rede stehenden Mosaiken - der Beweis sind, dass seine Kunst anschaulich aufgearbeitet und lehrreich diskutiert werden kann und ein wichtiger Beitrag zu einer ausstehenden Geschichte der Kunst im Raum Hernes sein können.

Der künstlerische Wert der Stadtbad-Mosaike ist unbestreitbar. Der Preis einer Bergung und Bewahrung liegt mit rund 95.000 € in einem sehr tragbaren Bereich und könnte wohl auch ohne Förderung von einem Investor und der Stadt Herne bewältigt werden. Allerdings sind wohl bisher noch längst nicht alle Fördermöglichkeiten geprüft worden.

Dementsprechend sind die in der Sitzungsvorlage vom 10.05.2022 genannten Informationen zur NSDAP-Mitgliedschaft des Edmund Schuitz unsachlich verkürzt und historisch nicht ansatzweise eingeordnet. Auf diese Weise ist - wie eingangs erwähnt - der zuständige Kultur- und Bildungsausschuss der Stadt Herne unvollständig und unzureichend informiert worden. Dieser Tatbestand provoziert unsachgemäße Beschlüsse.

Auf Basis dieser Stellungnahme sei die eingangs formulierte Forderung abschließend wiederholt: Wir plädieren mit Nachdruck für eine Erhaltung der Kunstwerke, weil Schuitz kein Nazi war, weil die Werke qualitätvolle und aussagereiche Zeugnisse der regionalen Kunstgeschichte sind, weil die Vernichtung von Kunstwerken im öffentlichen Besitz ein verheerendes Signal ist.

Dr. Hans H. Hanke

Bochum, 18.08.2022

Quellen

  • Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, NW 1115 / 3694, Entnazifizierungsakte Edmund Schuitz. 1946 – 1948; Entnazifizierungsakte von Kurt Janitzki.
  • Öffentlicher Teil der Niederschrift über die Sitzung des Kultur- und Bildungsausschusses vom 10.05.2022.
  • Ingeborg Müller-Schuitz: Edmund Schuitz - Verzeichnis der Kunstobjekte an / in öffentlichen und privaten Gebäuden 1945 – 1996. 2022.
  • Ingeborg Müller-Schuitz: Briefe Edmund Schuitz aus Italien 1933, 1934, 1936, Reisepass Schuitz.
  • Roland Günter: Edmund Schuitz und seine Kunst-Zerstörer. Stellungnahme. Italien 15.07.2022.
  • UDB Herne, LWL-Denkmalpflege Hans H. Hanke: Das Kunstwerk der Herner Künstlerin Elisabeth HoffmannDer Torschrei“ von 1958. Eintragungsbescheid 13.03.2018.

Internet-Quellen:

Literatur allgemein:

  • Roland Günter: Der Deutsche Werkbund und seine Mitglieder. Essen 2015.
  • Roland Günter: Im Tal der Könige. Ein Reisebuch zu Emscher, Rhein und Ruhr. Essen 1994.
  • Klaus Kösters, Hg.: Anpassung – Überleben – Widerstand. Künstler im Nationalsozialismus. Münster 2012.
  • Klaus Kösters: Geschichtsbilder. Deutsche Geschichte im Spiegel der Kunst. Münster 2014.
  • Hans H. Hanke: Ein Westfale in Australien - der Bildhauer Gustav Pillig. In: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. Zeitschrift hg. v. Westfälischen Amt für Denkmalpflege. Münster Heft 2 / 1999, S. 68 - 70.
  • Hans H. Hanke: Erschütternd auf den Besucher wirken. Die Friedhofsbauten am Freigrafendamm in Bochum, ein nationalsozialistischer Kultort. In: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. Bd. 76 /1998 der Zs. Westfalen, Münster 1999/2000, S. 402 - 441.
  • Hans H. Hanke: Mosaik der Welt. Die Christuskirche Bochum Mitte und der Platz des Europäischen Versprechens. Essen 2009.
  • Hans H. Hanke: Gegen das Vergessen. Denkmalschutz und die Orte des Holocausts. In: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe. Heft 2 / 2021. Bönen 2021, S. 34 – 41.
  • Raphael Gross, Wolfgang Brauneis für das Deutsche Historische Museum, Hg. : Die Liste der "Gottbegnadeten": Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Berlin, München 2021.
  • Clemens Kreuzer: Nazi-Kunst, „artige“ Kunst oder was? Bochumer Kunstschaffen im Dritten Reich. In: Bochumer Zeitpunkte 41. Bochum 2020, S. 54-75.
  • Silke von Berswordt-Wallrabe, Jörg-Uwe Neumann, Agnes Tieze, Hg.: Artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus. Berlin 2016 (Ausst.-Kat. Museum unter Tage, Situation Kunst, Bochum, Kunsthalle Rostock und Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg).
  • Holger Germann: Geht Kunst nach Brot? Die Gelsenkirchener Künstlersiedlung Halfmannshof und deren Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus. Essen 2011.
  • Holger Germann, Stefan Goch, Hg.: Künstler und Kunst im Nationalsozialismus. Eine Diskussion um die Gelsenkirchener Künstlersiedlung Halfmannshof. Essen 2013.
  • Wolfgang Ruppert, Hg.: Künstler im Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien 2015.
  • Turzynska, Kinga: Heinrich Rüter und die Mosaikkapelle in der Christuskirche Bochum. Magisterarbeit Kunstgeschichtliches Institut der Ruhr-Universität Bochum 2003.
  • Oliver Doetzer-Berweger: Söhne des Bürgertums. Kindheit in einer Universitätsstadt im Nationalsozialismus. Göttingen 2010. Max Imdahl: Pose und Indoktrination. Zu Werken der Plastik und Malerei im Dritten Reich. In: Klaus Staeck, Hg.: Nazi-Kunst ins Museum? Göttingen 1988, S. 87 – 99.
  • Klaus Staeck, Hg.: Nazi-Kunst ins Museum? Göttingen 1988.
  • Magdalena Bushart, Bernd Nicolai, Wolfgang Schuster: Entmachtung der Kunst. Berlin 1985.
  • Jochen Hering, Rolf Johannsmeier, Erich Schwerdtfeger u.a.: Schüleralltag im Nationalsozialismus. Dortmund 1984.
  • Joachim Petsch: Kunst im Dritten Reich. Köln 1983.

Literatur Herne:

  • Ingeborg Müller-Schuitz: Vater, Mutter, Kunst und Kind. Kindheit als Tochter des Kunstmalers Edmund Schuitz. Herne 2016 (Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel).
  • Falko Herlemann: Edmund Schuitz. In: Der Emscherbrücher 16, Herne 2013/1, S. 57 – 62.
  • Ralf Piorr: 1933. Der Weg in die Diktatur in Herne und Wanne-Eickel. Herne 2020.
  • Jürgen Hagen: Der Torschrei. Ein moderner Mythos aus Herne-Sodingen. In: In: Der Emscherbrücher 18. Herne 2019/20, S. 55 – 64. (Zur Herner Künstlerin Elisabeth Hoffmann (1914 – 1973))
  • Ralf Piorr, Hg.: Herne und Wanne-Eickel 1933 – 1945. Herne 2013.
  • Axel Janitzki: Der Maler Kurt Janitzki, mein Vater. In: Der Emscherbrücher 15. Herne 2011/12, S. 63 – 66.
  • Angelika Mertmann: Dem Gegenstand verbunden. Der Maler, Zeichner und Grafiker Kurt Janitzki. In: Der Emscherbrücher 15. Herne 2011/12, S. 67 – 78.
  • Angelika Mertmann: Heinrich Wurm (1906 – 1984). Gebaute Atmosphäre. In: Der Emscherbrücher 14. Herne 2008/09, S. 89 – 95.
  • Alexander von Knorre: Künstlergruppen in Herne und Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher, Band 12 (2003/04): Sammler, Künstler und Autoren. Herne 2003. S. 49 – 64.
  • Manfred Hildebrandt: Wilhelm Braun, ein fast vergessener Künstler. In: Der Emscherbrücher, Band 12 (2003/04): Sammler, Künstler und Autoren. Herne 2003. S. 53 – 60.
  • (Oliver Doetzer-Berweger: Aus Menschen werden Briefe: Die Korrespondenz einer jüdischen Familie zwischen Verfolgung und Emigration 1933-1947 (Selbstzeugnisse der Neuzeit) Wien, Köln 2002.)
  • Alexander von Knorre: 100 Objekte Herne. Herne 2009.
  • Ralf Piorr, Hg.: „Nahtstellen, fühlbar, hier ....“ Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel. Essen 2002.
  • Wolfgang Berke: Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel. Essen 2002.
  • Barbara Dorn, Michael Zimmermann: Bewährungsprobe. Herne und Wanne-Eickel 1933 – 1945. Bochum 1987.
  • Manfred Bourée: Herne – Großer Kultur- und Freizeitführer Ruhrgebiet. Band 9, Essen 1985, S. 30 – 31.
  • Wolfgang Gorniak, Hg.: Herne unterm Hakenkreuz. Ausgewählte Quellen zur nationalsozialistischen Herrschaft in einer Ruhrgebietsstadt. Herne 1985, ND 1989.
  • Stadt Herne: Unsere Stadt unter dem Nationalsozialismus. Herne, Wanne-Eickel. Ausstellungsdokumentation Herne o.O.o.J (1983).

Literatur

Lesen Sie auch

Einzelnachweise