Die Lehre von Herne. (Arbeiter-Zeitung Wien 1899)

Arbeiter-Zeitung Wien Nr. 178/1899 S. 2, 1. Juli 1899[1]


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Die Lehre von Herne.

Im westfälischen Kohlengebiet ist ein Theil der Bergarbeiterschaft in eine überaus heftige Bewegung geraten. Am Dienstag ist es in Herne zu einem Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Gendarmen gekommen, bei dem beide Teile von der Feuerwaffe Gebrauch machten. Zwanzig Arbeiter wurden schwer verwundet, fünf von ihnen sind bis jetzt gestorben. Wen die Hauptschuld an diesem schrecklichen Ereignis trifft, ist noch nicht festgestellt. Die Menge, die die Gendarmen angriff, bestand fast ausschließlich aus jugendlichen polnischen Arbeitern, und es ist der Zweifel wohl gerechtfertigt, ob die Art, in der die Behörde den unbesonnenen Burschen von Anfang an entgegengetreten ist, die Katastrophe nicht befördert hat. Aber schon gibt es Leute, die mit ihrem Urteil fertig sind. Sofort nach dem blutigen Vorfall hat der Dortmunder bergbauliche Verein, in dem die Ausbeuter des Ruhrgebietes organisiert sind; eine Mittheilung ausgesendet, in der er die Vereinigung polnischer Arbeiter in Berlin der Anstiftung beschuldigt, und die offiziöse und die Stumm'sche Presse machen sich geschäftig daran, aus den Herner Ausschreitungen einen Beweis für die Notwendigkeit der Zuchthausvorlage abzuleiten.

Selbst die bürgerlichen Blätter wenden sich in ihrer Mehrzahl mit den schärfsten Worten gegen diese infamen Ausnützungs- Versuche. Die „Nationalzeitung" meint, solche Deutungsversuche feien das Äußerste, was in der Spekulation auf die Gedankenlosigkeit des Publikums geleistet werden könnte. Wenn die Zuchthausvorlage auch schon Gesetz wäre, könnte sie ja nicht das Mindeste an der rechtlichen und tatsächlichen Lage ändern. Gegen gewalttätige Ausschreitungen sei das Strafgesetz da, das für die in Betracht kommenden Delikte Gefängnis bis zu fünf Jahren, für die Rädelsführer Zuchthaus bis zu zehn Jahren androhe. Das Blatt erinnert auch daran, dass im Jahre 1884, also unter dem Sozialistengesetz, das noch ungleich schärfere Bestimmungen enthielt als die Zuchthausvorlage, im westfälischen Revier ganz ähnliche Gewalttätigkeiten vorgekommen sind.

Aber es ist nicht nur eine leichtfertige Behauptung, wenn man den Sozialismus in irgendeine Beziehung zu den traurigen Vorfällen bringen will, sondern eine bewusste, eine unerhört niederträchtige Lüge.

Nicht etwa weil die Bergarbeiter von Herne organisierte Sozialdemokraten wären, sondern gerade weil sie es nicht sind, ist es zu dem schrecklichen Zusammenstoß gekommen. Die Sozialdemokraten haben nichts unversucht gelassen, um eine Bewegung zu verhindern, die sie als unzeitgemäß und aussichtslos erkannt hatten.

Schon am 20. Mai hat der Vorstand des sozialdemokratischen Berg- und Hüttenarbeiterverbandes eine Warnung vor Unbesonnenheiten erlassen. Es war vorauszusehen, dass die Erhöhung der Abzüge für die Knappschaftskasse Erregung bei den Arbeitern hervorrufen werde, die von dem ungeheuren Aufschwung des Kohlenbergbaues, der den Aktionären riesige Dividenden und eine Verdreifachung des Aktienwertes gebracht hat, so gut wie keinen Vorteil gehabt haben. Aber die Behörde ist den Bemühungen der Sozialdemokraten, die Arbeiter zu beruhigen, geradezu hindernd in den Weg getreten.

Noch für den Sonntag war eine Versammlung nach Herne einberufen, in der auch ein polnischer Genosse sprechen sollte, um seine Landsleute vor Unvorsichtigkeiten zu warnen. Aber diese Versammlung wurde wegen angeblicher Überfüllung gerade in dem Augenblick auf aufgelöst, da der polnische Referent das Wort ergreifen sollte.

Wenn man die Schuldtragenden des Herner Blutbades zur Rechenschaft ziehen wollte, dürfte man wahrlich nicht bei den unreifen polnischen Burschen stehen bleiben, die in ihrer Unwissenheit und Unbesonnenheit ein schlechtes Gesetz dadurch zu bekämpfen glauben, dass sie Steine auf Polizisten und Gendarmen schleudern. Wenn in Detschland heute auf Arbeiter geschossen und mit dem Säbel eingehalten wird — es ist aber auch auf Frauen und Kinder eingehauen worden —: wer trägt die Verantwortung dafür, wenn nicht die Unternehmer, deren Habsucht und Herrschbegier nicht dulden will, dass sich die Arbeiter vereinigen, um auf gesetzlichem Wege eine Besserung ihrer Lage anzustreben? Diese „nationalen" Unternehmer, für die jeder, der dem Profit keine Anbetung zollt, ein „Vaterlandsloser", ein Schädiger der deutschen Industrie ist, ziehen zehntausende von polnischen Arbeitern an den „deutschen Rhein", um durch die Konkurrenz dieser bedürfnislosen und unwissenden armen Teufel die Kulturansprüche der deutschen Arbeiter zum Schweigen zu bringen.

Während das Reich an der Ostgrenze unmögliche und gewalttätige Germanisierungsprojekte verfolgt, verhindern die Ausbeuter im deutschen Westen mit aller Macht, dass der polnische Arbeiter von der deutschen Kultur Berührungen empfange.. Wohl ist es eine alte Erfahrung, dass es nur Ein Mittel gibt, den gewalttätigen Klassenkampf zu vermeiden, nämlich die Organisation der Arbeiter — wir haben diese Erfahrung bei uns in Brünn glänzend bestätigt gesehen —, aber die deutschen Kohlenindustriellen scheinen ans den Bürgerfrieden weniger zu geben als auf die Zügellosigkeit der Ausbeutung. Sie lassen lieber ein paar Dutzend Menschen erschießen, als dass sie dem deutschen Arbeiter an ihren Riesengewinnen Antheil gönnten, und schrecken vor einem Blutstrom nicht zurück, wenn ihnen die Hoffnung winkt, dem deutschen Arbeiter durch grausame Gesetze die wirtschaftliche Selbstbestimmung zu rauben. Es gibt nur die Eine Wahl: Organisation und Menschlichkeit auf der einen Seite, Knechtschaft und Barbarei auf der anderen. Die deutschen Kapitalisten werden es noch bereuen, ihre Wahl auf der zweiten Seite getroffen zu haben.

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