Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die heimischen Juden

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Autor Kurt Tohermes
Erscheinungsdatum 1987, in: Sie werden nicht vergessen sein, S. 20-22
Wanner Zeitung vom 07.08.1914

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, machte die Kriegsbegeisterung auch vor den hiesigen Juden keinen Halt. Die meisten von ihnen waren innerlich mit der Monarchie verbunden, und so wurde bei Kriegsbeginn in der Synagoge Wanne-Eickel ein "Gottesdienst für Kaiser und Reich" abgehalten. Anschließend kamen die Wanne-Eickeler Juden zusammen und beschlossen, das gesamte Barvermögen der Synagogengemeinde zur Linderung von Kriegsfolgen zur Verfügung zu stellen. Der "Israelitische Frauenverein Wanne-Eickel" opferte sein gesamtes Vermögen ebenso wie die jüdischen Männer-Wohltätigkeitsvereine in Eickel und Wanne. Überdies stellte die jüdische Bevölkerung ihre Synagoge für sanitäre Zwecke des Krieges zur Verfügung." Auf dem Schlachtfeld zeigte sich die Verbundenheit mit dem Kaiserhaus durch Tapferkeit und Opferbereitschaft. Viele der über hundert jüdischen Soldaten aus Herne, Eickel und Wanne erhielten Kriegsauszeichnungen.

Doch den Danksagungen für den "hohen patriotischen Opfersinn", wie der Wanner Amtmann Friedrich Weiberg sich ausdrückte, folgten bald andere Töne. Schon Ende 1914 breitete sich trotz aller propagierter Siegesgewissheit in der Bevölkerung Enttäuschung aus. Die kaiserlichen Generale hatten der Bevölkerung einen "Ausflug nach Paris" suggeriert, stattdessen wurden ständig neue Totenlisten und Kriegsanleihen herausgegeben. Der Wanne-Eickeler Synagogenvorsteher Bernhard Rose setzte sich in seinem Bankhaus besonders für die Zeichnung von Kriegsanleihen ein. Der Krieg veränderte auch das Alltagsleben der jüdischen Bevölkerung. Der jüdische Mitbürger W. Grünewald aus Sodingen und Herne, der nach 1933 nach Argentinien floh, erinnert sich: "Ab 1914 besuchte ich die Oberrealschule in Herne. Direktor war Dr. Witz. Einmal kam er, er war kaiserlicher Oberst, auf den Schulhof geritten. Während des Krieges gab es ein „abwechslungsreiches“ Essen. Morgens Steckrüben-Brot mit Steckrüben-Marmelade, mittags Steckrüben-Gemüse mit Steckrüben-Pudding usw. (...). Meine Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft, und da mein Vater vom dritten Mobilmachungstag bis zum Ende im Krieg war, musste ich als 10-jähriger mit dem Leiterwagen die Extra-Zulagen abholen. Das war ein grünlich aussehendes Fett und wurde Schmalz genannt. Da es keine Schuhe gab, liefen wir in Klotschen" (eine Art Holzpantinen).

Als 1916 deutlich wurde, dass der Krieg verloren war, begann General Ludendorff, sich seiner Verantwortung zu entziehen, indem er den jüdischen Soldaten die Schuld für die militärische Niederlage zuschieben wollte. Im Juli 1916 diskutierten die Repräsentanten der Synagogengemeinde Wanne-Eickel "die zu treffenden Maßnahmen, um den nach dem Kriege zu befürchtenden antisemitischen Bewegungen schon jetzt entgegenzuwirken." Die Niederlage 1918 bedeutete für die hiesigen Juden mehr als den schmerzlichen Verlust von sieben jungen Männern aus der Synagogengemeinde Wanne-Eickel und sechs Männern aus der Herner Gemeinde. Auch ihre Hoffnung, dass dieser Krieg das Ende aller Art von Antisemitismus in ihrer Heimat bedeuten würde, war enttäuscht worden. Der Ausspruch Kaiser Wilhelms II.: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" war von der hier ansässigen jüdischen Gemeinschaft als religiöses Versprechen verstanden worden. Dies zeigt deutlich eine Initiative von Wanner Juden im Jahre 1916, die sich für die Errichtung eines Denkmals mit dem obigen Zitat engagierten.

Die innere Struktur der beiden Synagogengemeinden veränderte sich ebenfalls durch die Niederlage, denn einige jüdische Soldaten kehrten aufgrund Ludendorffs Antisemitismus als Zionisten nach Wanne-Eickel und Herne zurück. In seiner 1986 in Jerusalem erschienen Autobiografie führt M. K. Meyerowitz hierzu folgendes aus: "Ediths Vater kam als Zionist aus dem Weltkrieg zurück. Er sah eine Zeit des größten Antisemitismus "wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat" (so sagte er) heraufkommen. Als Verwandter Georg Landauers [1] hatte er mit ihm viele Unterhaltungen und wäre gern schon im Jahre 1918 nach Palästina ausgewandert, wenn seine Frau ihm gefolgt wäre. So begnügte er sich mit der Mitgliedschaft in der zionistischen Organisation, mit dem Lesen der zionistischen "Jüdischen Rundschau" und der Gegnerschaft, die er in der jüdischen Gemeinde fand."

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Quellen

Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel (Ausstellungsdokumentation), Herausgeber: Der Oberstadtdirektor der Stadt Herne, 1987

Anmerkungen