Eine 300 Jahre alte Kriegsrechnung aus Baukau (Herner Anzeiger vom 11. Juli 1934)

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Der Herner Anzeiger brachte in seiner Ausgabe vom 11. Juli 1934 folgenden Artikel.[1]

Geschichte wirkt oft fern – besonders, wenn es um Ereignisse wie den Dreißigjährigen Krieg geht. Doch auch Orte wie Baukau und Herne waren damals Teil dieser großen europäischen Katastrophe.

Der folgende Text macht das auf ungewöhnliche Weise greifbar: durch eine einfache Alltagsquelle – eine alte Rechnung. Sie zeigt, dass fremde Soldaten tatsächlich hier vor Ort einquartiert waren und die Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mittragen musste.

Dass wir dieses Detail heute kennen, verdanken wir dem Lehrer und Heimatforscher Christian Doering, der solche Dokumente noch sichern konnte. Viele Originale sind inzwischen verloren.

Gerade solche kleinen Funde helfen, Geschichte verständlich zu machen. Sie zeigen: Die großen Ereignisse der Weltgeschichte spielten sich nicht nur weit weg ab – sie fanden auch direkt vor unserer Haustür statt.

Eine 300 Jahre alte Kriegsrechnung aus Baukau

Ein aufschlußreiches unbekanntes Dokument.

Waren die Spanier im 30jährigen Krieg auch in Herne?

Der 30jährige Krieg hat auch für Herne seine Nachteile gehabt, davon dürfen wir überzeugt sein. Leider liegen nur von der nächsten Nachbarschaft schriftliche Ueberlieferungen vor, daß die Bevölkerung dort sehr unter den Einwirkungen dieses Krieges zu leiden hatte. Das Kriegsvolk ließ bekanntlich damals ungezügelt seine Roheiten an dem armen Volk aus. Am schwersten gebrandschatzt und verwüstet wurden bei uns die Orte Wattenscheid, Eickel, Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund, am allerschwersten aber hatte das Vest Recklinghausen zu leiden.

Von den Strünkeder Rittern hatten 2 Söhne des Jobst von Strünkede (gestorben 1602) unter Herzog Christian von Braunschweig gegen die Kaiserlichen gekämpft und wurden daher in Reichsacht getan. Aus dieser mußten sie sich für die erkleckliche Summe von 15 000 Talern lösen. Dies ist eine von den beiden aus dem 30jährigen Kriege stammenden Nachrichten, die die Auswirkungen dieser furchtbaren Zeit in Herne bezeugen.

Die andere Nachricht hat uns der Lehrer Chr. Doering übermittelt, der in dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts eifrig Heimatgeschichte betrieben hat. Doering fand in Baukau an einem Ort, wo noch weitere Schriftstücke und zwar hauptächlich solche aus dem 30jährigen Kriege aufbewahrt wurden, ein interessantes Dokument. Es sei darauf ingewiesen, daß diese überaus wichtigen Schriftstücke heute leider unauffindbar sind; sie mögen längst verschleppt sein. Das ist die Schuld vergangener Jahrzehnte, wo man auf Heimatliches nicht achtete und dieser oder jener Interessierte einfach das an sich nahm, woran er Interesse hatte. Das Schriftstück, das Doering in der Gemeinde Baukau in den 90er Jahren entdeckt hatte, beweist uns, daß spanische Truppen in Baukau und somit sicherlich auch in Herne in Quartier lagen.

Es handelt sich nämlich um eine Rechnung, die der Diener eines spanischen Offiziers vom 24. Juni bis 5. Juli 1634 geführt hat. Diese Rechnung wurde also in diesen Tagen 300 Jahre alt., das heißt ihrem Inhalt nach, denn vorhanden ist sie nicht mehr. Zum Glück hat uns aber der prächtige Christian Doering eine Abschrift dieser Rechnung hinterlassen, die erfreulicherweise in der Originalschrift des Spaniers gedruckt worden ist. Sie lautet in der Uebersetzung nach Ch. Doering:

Junius 1634 25
Des Mittags zu Tisch 15 
An Wein(verzehrt) 10
Und der Diener aß hier 10
Des Abends zu Tisch 15
Nach der Mahlzeit noch drei Maß (Wein oder Bier) 5½

Die mehrere Tage fortgeführten Aufzeichnungen enthalten auch die Worte: „Des Abends war wieder mein Herr nicht hier". Daraus ist mit größter Sicherheit zu schließen, daß die Rechnungsaufzeichnungen von einem Diener stammen.

Ein unmittelbarer Beweis dafür, daß unsere engste Heimat ebenfalls unter den Kriegsschrecknissen zu leiden hatte, ist auch folgendes: Spanische Truppen bezogen im Jahre 1623, wie später noch so häufig, in Recklinghausen Quartier. Davon lagen Musketiere auch in Crange, und diese Burschen raubten im Emscherbruch Schweine und Kühe, wie urkundlich nachgewiesen ist.

Wie es der Bevölkerung erging, besagt am deutlichsten ein Schreiben des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig im Jahre 1632 an Gustav Adolf über das schwedische Heer, denn die Angehörigen der kriegführenden Parteien hatten sich über die Zügellosigkeit ihrer Söldner nichts vorzuwerfen; sie waren in ihrem Tun und Lassen alle gleich. Der Herzog schrieb:
Meine Landleute entfliehen in die Städte oder in Einöden und bauen dort das Elend. Sie werden von der undisziplinierten Soldeska gleich wilden Tieren gejagt, gemartert und erschossen. Die Weibsbilder werden barbarisch geschändet, die Kirchen beraubt, überall solche Untaten verübt, daß sich die Sonne davor entsetzen und verdunkeln möchte, dann hilft kein Weinen, kein Flehen, kein Klagen.

Nicht viel anders wird es unserer Heimat und unseren Vorfahren ergangen sein. Es war eine von den vielen Besatzungs= und Kriegszeiten, und sie beweist, daß der einzelne stets mit dem Schicksal des ganzen Landes und Volkes aufs engste verbunden ist, sei es in guten, sei es in bösen Tagen. Helfen wir also alle mit, ein starkes Deutschland zu schaffen, das nie wieder der Tummelplatz fremder Heere wird, sondern im Dienste des Friedens Ehre, Freiheit und Wohlstand aller vermittelt.

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Quellen