Was ist die Koppenburg? (Brandt 1965)

Von Karl Brandt

Auf der Spur einer weiteren "Burg" in Herne?
Was ist die Koppenburg? - Was ist mit dem „Kapswall'?
von Karl Brandt

Dem Redakteur dieser Zeitschrift war beim Studium alter Herner Karten und einer sehr genauen Planskizze aus dem Besitz der Zeche "Von der Heydt" in dem Geländestück zwischen Bahnhof-, Fabrik-, Baum- und Friedrichstraße ein dort eingezeichnetes rechteckiges Gebilde aufgefallen. Ich wurde danach befragt und stellte zunächst folgendesfest: Es handelt sich um einen bis 10 m breiten Wassergraben, der rechteckig ausgehoben worden ist. Seine Länge beträgt maximal 60 m und seine Breite fast 40 m (Außenmaße). Eine Fläche von fast 45 m Länge und 22 m Breite wird von ihm eingeschlossen. Es ist anzunehmen, dass das aus dem Graben gehobene Erdreich zumeist am Außenrand als Wall aufgeschüttet worden ist. Die Anlage ist NW-SO ausgerichtet. In der Nordwestecke ist der nordöstliche Grabenschenkel auf etwa 16 m unterbrochen, er reicht nicht an den nordwestlichen Schmalschenkel heran. Dieser. letztere greift zudem ungefähr 8 m über den nordöstlichen Langschenkel hinaus. -
Das also ist der Grundriss dieser merkwürdigen Rechteckanlage, deren Südwestecke bis in die Höfe der jetzigen Häuser an der Ostseite der Bahnhofstraße hineinreichte. Robert Dreger, dem wir die im April Heft 1965 von "Herne - unsere Stadt" veröffentlichte klare, authentische Geschichte der für das Bild und Dasein unserer Stadt wichtigen Zeche Von der Heydt verdanken, hatte diese Anlage aus alten Plänen in einen modernen Stadtplan übertragen, so dass wir endlich neben der genauen Größe auch die Lage dieser Anlage erkennen, ja wiedererkennen konnten. - Gerade in diesem Zusammenhang sei nebenbei eingeschaltet, dass sich unsere städtische Monatsschrift ohne Vernachlässigung der aktuellen Aufgaben durchaus auch zu dem gewünschten "Heimatblatt" mit entwickelt hat, wie es eine "Großstadt mit Vergangenheit" nicht entbehren kann, soll nicht das Wissen um diese Vergangenheit unter der Hast unserer Tage und der vielfältigen Überfremdung verschüttet werden. Es sind - oder waren - noch zwei oder drei Herner, denen diese Anlage schon Jahrzehnte "im Kopf herumschwirrte", die Herren Rechtsanwalt Schlenkhoff (auf dessen Grundbesitz der nördliche Teil der Anlage lag), Dr. Reiners und ich. Dr. Reiners und ich waren über den Charakter dieser Anlage nicht gleicher Meinung. Das ist manchmal ein Zeichen dafür, dass beide noch zu wenig darüber wissen! Erwähnt sei, dass Rechtsanwalt Schlenkhoff schon vor Jahren die Genehmigung zur Ausgrabung gegeben hatte - und gerade eine solche hätte uns der Lösung vieler Fragen wohl etwas nähergebracht. Eine solche nähere Befassung hatte ich mir vor Jahren für mein "Altersprogramm" vorgenommen, zumal ich damals hoffte, bis dahin eine ganz ähnliche Anlage in Oer-Erkenschwick "auf anderer Leute Kosten" ausgegraben zu haben, um ein gewisses Vorwissen für Anlagen dieser Form zu erwerben.

Dr. Reiners brachte die Koppenburg, so wurde die in Frage stehende Anlage seit alters her genannt, mit den Oel- und Kornmühlen von Funkenberg in Zusammenhang, die vor dem Nordostende des nordwestlichen Schmalschenkels gelegen haben - und zwar in zwei verschiedenen Gebäuden, die nahe bei einander lagen. Margarete von Asbeck, die Gattin des 1529 von seinem eigenen Schmied erschlagenen Jobst v. Strünkede hat 1539 die Oelmühle erbauen lassen und zwar, wie Joh. D. von Steinen 1757 berichtet, in der sogenannten Koppenburg. Ferner berichtet er, dass Margarete dort einen Teich, also einen Mühlenteich, habe ausheben lassen. Eben diesen Teich identifizierte Dr. Reiners mit unserer Rechteckanlage (in "Die Oelmühle Funkenberg", I, Herner Anzeiger 14. 12. 1935). Die Koppenburg tritt in mehreren alten Dokumenten auch in der Bezeichnung "Kapswall" auf, das ist wichtig, wie wir noch sehen werden. Im Jahre 1789 hat Joh. Wilhelm Funkenberg von der weiter nördlich gelegenen Papiermühle von den Strünkedern die Oelmühle in Erbpacht bekommen. Georg Weusthoff kaufte 1841 von Funkenberg die Oelmühle. Von diesem übernahm 1857 eine Gesellschaft das Besitztum, von der es 1859 in den Besitz der Familie Schlenkhoff überging.

In den folgenden Ausführungen möchten wir nun zunächst ohne einen Ausgrabungsbefund versuchen, die Rechteckanlage zu erklären. Da wäre zunächst zu fragen, ob es bei uns in der Umgebung ähnliche Anlagen gegeben hat. Das muss bejaht werden. Da ist noch heute im Ortsteil Rapen der Stadt Oer-Erkenschwick eine ähnliche Rechteckanlage, die ich vor vielen Jahren dort entdeckte.[1] Sie ist etwa 75 m lang und 40 m breit und liegt ganz in der Nähe eines Baches, der wohl einstmals den Graben speiste. Der umlaufende Graben ist dort an der Nordwestecke des westlichen Schmalschenkels offen, hier befindet sich der Eingang zu der Innenfläche. Diese Anlage muss man für irgendeine Befestigung halten, vielleicht für eine der bei uns zahlreich gewesenen Erdburgen. Da für diesen Fall in Oer-Erkenschwick die Mittel schon bereitgestellt sind, hoffe ich im Herbst 1965 diese Anlage mit dem Spaten untersuchen zu können. - Alle meine auswärtigen Forschungen hatten und haben durchaus, entgegen anderen Versionen, den Zweck, letzten Endes auch Herner ungeklärte Verhältnisse leichter und ohne große materielle Mittel klären zu können.

Ohne also hier die vorerwähnte Anlage eingehender zu beschreiben, sei erwähnt, dass wir noch heute, allerdings im Erdboden steckend, in Herten-West eine weitere Rechteckanlage haben, die sich mit den beiden Erdanlagen vergleichen lässt, nämlich eine der Erdburgen Sienbeck, die wir 1961 durch Schnitte feststellten oder nachwiesen.[2]"Nachwiesen" deswegen, weil sie wie die Herner Anlage auch auf der ersten preußischen Katasterkarte von 1824 aufgezeichnet ist. Die Anlage lag also damals noch offen.

Die Leser merken sicherlich, worauf ich hinaus will: Ich nehme an, dass auch unsere Herner Rechteckanlage eine Befestigung gewesen ist. Dafür spricht der Vergleich mit anderen ähnlichen Anlagen und die alte Bezeichnung Koppenburg. Burg ist nun einmal Burg. Dieses Wort bezeichnet eine Bergemöglichkeit, daran ist wohl kaum zu rütteln und doch zögern wir noch, das in unserem Falle fest zu behaupten, solange nicht Ausgrabungsergebnisse vorliegen, Grabungen, die ich allerdings kaum ausführen werde. Die Koppenburg wurde auch "Kapswall" genannt, womit offenbar die Innenfläche der Anlage gemeint war. Ziehen wir H. Jellinghaus (http://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/titleinfo/138298 Die westfälischen Ortsnamen nach den Grundwörtern), zu Rate, so bedeutet Kapkopf, runde Bergkuppe. Kap sei ein Berg oder Hügel, der an einer Seite abgeschnitten erscheine. Dr. Reiners nahm an, dass das aus den breiten Gräben ausgehobene Erdreich in der Innenfläche als Hügel aufgeschüttet worden sei. "Danach ist der Kapswall nichts anderes als die nach dem Wasser böschungsartig abfallende Erdaufhäufung, die dadurch entstand, dass die beim Anlegen des Teiches ausgehobene Erde inselartig im Innenraum aufgeworfen wurde" (nach Dr., Reiners am angegebenen Ort). H. Jellinghaus schreibt aber, dass es sich um einen Berg oder Hügel handele, der an einer einzigen Seite abgeschnitten erscheine. Der Kapswall fiel aber nach vier Seiten ab. Trotzdem kann er nach der Mühlenerbauung als "Kapswall" bezeichnet worden sein. Dr. Reiners nahm an, dass vielleicht die rechteckige Anlage selbst insgesamt der Mühlenteich gewesen sei, den Margarete von Asbeck (Stammhaus in Gelsenkirchen) habe ausheben lassen; der Innenraum des Teiches der Wieschermühle habe auch Kapswall geheißen. Was damit gemeint ist, kann man sich nicht recht vorstellen.

Unsere Anlage ist jedenfalls eine rechteckige, dem Aufstauen des Wassers dienende Grabenanlage, die man besser als Gräfte bezeichnen könnte, denn einen derartig geformten Mühlenteich gab es wohl nicht. Da der nördliche Teil des westlichen Schmalschenkels verbreitert ist, wie am deutlichsten auf der Katasterkarte Herne von 1824 zu sehen ist, dürfte dieser Teil zum Mühlenteich vergrößert worden sein, zumal nördlich davon, unmittelbar davor die Mühlengebäude lagen. Man könnte also wohl annehmen, dass die Koppenburg mit ihrer Gräfte eher vorhanden war als die Mühle und dass Margarete einen Teil der Gräfte so erweitern ließ, um mit einem Mühlenteich zu einem ausreichenden Wasserreservoir zu kommen. Im Grunde genommen hätte auch die Gräfte allein die Aufgabe eines Mühlenteichs erfüllen können, was sie sicher im Anfang auch getan hat. Im Übrigen ist bisher durch nichts erwiesen, dass tatsächlich der von der Gräfte umschlossene Innenraum mit dem ausgehobenen Erdreich aus der Gräfte besonders hoch angefüllt war. Aus allen kartenmäßigen Darstellungen ist lediglich eine flache Anlage zu erkennen. Sollte jedoch ein Hügel vorhanden gewesen sein, so spräche dies weit mehr für eine alte Burg, für eine sogenannte Motte. Auf solchen leichten, vom Wasser umgebenen Hügeln haben die damals noch recht einfachen Burggebäulichkeiten (meist Türme) gestanden. Auf solchen Motten haben die ersten Burgen von Eickel, Alt-Mengede, Crange, Oer und andere gestanden. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass wir in Herne mehrere dieser Rechteckanlagen gehabt haben und da es mehrere auf verhältnismäßig kleinem Raum waren, ist nicht an regelrechte adlige Burgen zu denken, sondern eher an geschützte Gehöfte. Da ist z. B. der Hilligenwall in Herne-Horsthausen, den wir vor 35 Jahren ausgegraben haben.

Glücklicherweise, denn im letzten Kriege ist er unverständlicherweise unbemerkt abgetragen worden, wenigstens das völlig intakte Kernerdwerk. Derlei ist bezeichnend: Das einzige sichtbare alte Erdwerk weit und breit zerstört. Dieses Kernerdwerk (siehe Verfasser: "Frühgeschichtliche Bodenforschungen im mittleren Ruhrgebiet", Schöningh Paderborn, 1952 - Ein kleiner Rest der Auflage ist im Museum noch zu erwerben) wurde von einem Wall mit vorgelagerter Gräfte umschlossen und dieser gleicht völlig unserer hier behandelten Anlage Koppenburg. Dabei war der Hilligenwall nichts anderes als ein großer befestigter Gutshof, dessen Besitzer schon um 900 n. ehr. als Langwadu (vielleicht die spätere Familie Langforth?) genannt wird. Da es sich nicht um adlige Besitzer handelt, dürfen wir von Gräftenhöfen sprechen, wie der Stammhof Schlenkhoff, Weusthoff und andere in Herne es früher waren. Schon Jahrzehnte verschwunden ist eine rechteckige Gräftenanlage an Wippermanns Kotten in Herne-Horsthausen, worüber Franz Darpe berichtet hat. Zusammenfassend kann man heute wohl sagen, unsere Rechteckanlage etwas nördlich der Bahnstrecke, die sogenannte Koppenburg, mag keine regelrechte "Burg" gewesen sein, sondern ursprünglich der wichtigste Teil eines durch eine umlaufende Gräfte befestigten großen Bauernhofes, wie mehrere andere Höfe in Herne ebenfalls. Bei von Steinen sagt übrigens der Wortlaut einiges, wenn es da heißt, dass Margarete von Asbeck beim Mühlenbau ". . . da sie Arnd Krusen Haus wegbrechen und den Teich ausführen ließe". Nun wissen wir nicht ob dieses Haus im Innenraum der Gräftenanlage lag oder außerhalb. Jedenfalls ist die Stätte dort 1539noch bewohnt gewesen. Mit dem Gedanken, der rechteckig angelegte Graben sei nur und ursprünglich allein der von der Margarete angelegte Mühlenteich, kann man sich demnach nicht befreunden. –

Jedenfalls haben wir hier dank des Anstoßes der Redaktion von "Herne - unsere Stadt" wieder einmal ein heimatkundliches Problem aufgerollt, das zwar nicht von überörtlicher und wissenschaftlicher Bedeutung ist, aber einen Bestandteil unserer Heimatforschung darstellt, der Forschung, die sich immer aus vielen einzelnen Problemen ergibt, die man zu klären versuchen muss, wenn ein abgerundetes Forschungsbild entstehen soll. Schließlich ist ja auch die Heimatforschung ein Mosaik aus vielen, vielen Steinen, Steinchen, Brocken, Formen und Farben. [3]

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Quellen