Vertriebene wurden nach dem Krieg in Herne gut integriert (WAZ 2015)

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Von Tabea Beissert

Vertriebene wurden nach dem Krieg in Herne gut integriert


Herne. Viele Menschen, die nach 1945 ihre Heimat verloren, siedelten sich in Herne an, vor allem aus Polen. Flüchtlingsunterkünfte wurden errichtet.

Dass viele Flüchtlinge aus Krisen- und Kriegsgebieten zu uns kommen, ist kein neues Phänomen: Auch nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg siedelten sich viele Vertriebene in Herne an – und trugen so zum massiven Wachstum der Stadt bei.

„Herne hat unterschiedliche Wellen erlebt“, sagt Hans-Jakob Tebarth, Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek, die auf die deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa spezialisiert ist. Schon zur Zeit der Industrialisierung seien viele Menschen aus Ostpreußen, Masuren oder Schlesien in die Emscherzone und somit nach Herne gekommen. Die sogenannten Arbeitsmigranten seien aufgrund des stark wachsenden Bedarfs an Arbeitskräften ins Ruhrgebiet gekommen, um etwa im Bergbau tätig zu werden. „Ab 1890 ist Herne durch die Migranten zur Großstadt geworden“, sagt Tebarth.

Schub nach dem Zweiten Weltkrieg

Einen massiven Schub habe die Stadt dann nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten, als sich durch Flucht und Vertreibung viele Menschen auch hier vor Ort angesiedelt hätten. Etwa zwölf Millionen Menschen, so der Historiker und Geograf, seien zum Ende des Krieges aus Ostdeutschland und den deutschen Siedlungsgebieten Osteuropas vertrieben worden oder geflohen – die meisten in ländliche Regionen wie nach Bayern. 1950 habe Herne mit rund elf Prozent Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten aber einen hohen Anteil aufgewiesen.

Ein Grund: die vergleichsweise geringe Kriegszerstörung der „Goldenen Stadt“ Herne. Die Menschen seien vor allem deshalb ins Ruhrgebiet gekommen, um bei bereits hier lebenden Verwandten und Bekannten unterzukommen. Besonders aus dem ehemaligen Ostdeutschland, heute ein Teil von Polen, habe es großen Zulauf gegeben, Vertriebene aus Niederschlesien hätten dabei die größte Gruppe gebildet. An den Nachnamen, so der Bibliotheks-Chef, erkenne man noch heute, wie viele Menschen aus diesen Gebieten hier lebten oder polnische Vorfahren hätten.

Da die Vertriebenen oft Deutsch gesprochen hätten, sei ihre Integration deutlich einfacher gewesen als etwa später etwa bei den Muslimen. Dennoch: Die Flüchtlinge damals seien von der Bevölkerung zum Teil auch als Konkurrenten um knappen Wohnraum oder Nahrungsmittel angesehen worden.

Für den Arbeitsmarkt freilich seien die vielen Vertriebenen als Bereicherung angesehen worden. Als die Wirtschaft in den 50er-Jahren wieder angelaufen sei, seien vor allem junge Männer, deren Familien auf dem Land angesiedelt worden seien, besonders bei Kriegswitwen als sogenannte Kostgänger untergekommen: „Nach Kriegsende gab es in Herne einen Arbeitskräftemangel, und die Flüchtlinge kamen unter anderem im Bergbau schnell in Lohn und Brot.“ Kurz: Wären die Flüchtlinge nicht in Herne gewesen, hätte man viel früher auf Gastarbeiter zurückgreifen müssen. Ausgleichszahlungen kamen erst später

Die vielen Flüchtlinge, sagt Tebarth, seien vor Ort einquartiert worden: Herner, denen etwa eine 80 Quadratmeter große Wohnung zur Verfügung gestanden habe, hätten auf eine Hälfte verzichten und diese bereitstellen müssen. Zum Teil seien sie auch in Notunterkünfte eingezogen. „Teilweise waren das einfache Baracken“, sagt Tebarth. Auch in sogenannte Nissenhütten – Wellblechhütten, die aus Aluminium aus der Flugzeugindustrie gefertigt wurden – seien die Flüchtlinge eingezogen. Grund: „Sie waren schnell zu errichten und billig.“

In den späten 40er- und 50er-Jahren sei die Zahl der Notunterkünfte zurückgegangen, und in den 60er- Jahren seien Doppelhäuser mit recht großen Gärten zur Selbstversorgung entstanden. In der Bundesrepublik Deutschland hätten die rund zwölf Millionen Vertriebenen dann Ausgleichszahlungen für Höfe und Häuser erhalten, die sie in ihrer Heimat verlassen mussten. „Die Flüchtlingsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein gutes Beispiel für gelungene Integration und eine echte Erfolgsgeschichte“, bilanziert Tebarth.

Wohnraum war knapp: Flüchtlinge kamen in Notunterkünften

Wohnraum war nach dem Zweiten Weltkrieg knapp. Anfang Juli 1945 hatte Herne 79 000 Einwohner, im Oktober 1946 bereits 97 000, und ein Jahr später war die 100 000-Einwohner-Marke übersprungen. So steht es im Buch „Herne 1945 - 1950, Fünf Jahre Wiederaufbau“, herausgegeben von der Stadt Herne. Demnach gab es 1947 schon mehr Menschen in Herne als vor dem Krieg – obwohl 1945 gut die Hälfte des Wohnraums durch Bomben teilweise oder in großen Teilen zerstört gewesen sei.

„Das Heer der Flüchtlinge und Vertriebenen“, so heißt es, musste in dem „verminderten Wohnraum“ genauso untergebracht werden wie die „Evakuierten und die heimkehrenden Wehrmachtsangehörigen“. Keine einfache Aufgabe also.

Die Flüchtlinge, so heißt es in dem Buch, seien teilweise in Sammeltransporten gekommen und in Schulen untergebracht worden, darunter in den Schulen Schützenplatz, Händelstraße, Bismarckstraße und Max-Wiethoff-Straße. „Die dort untergebrachten Flüchtlinge wären schon längst zu Wohnungen gekommen, wenn ihre Zahl sich nicht ständig durch neue Zugänge vermehr hätte“, schreibt der Autor. In den Gemeinschaftsunterkünften lebten Anfang 1948 rund 40 Flüchtlinge, bis Ende 1949 seien 250 hinzugekommen. Innerhalb dieser zwei Jahre seien aber 477 in Wohnungen untergekommen, so dass noch 178 in den Unterkünften gelebt hätten. Allein: Ab Anfang 1950 sei die Zahl wieder auf 250 gestiegen. Untergekommen seien die Flüchtlinge auch in zahlreichen Wohnbaracken, etwa einer zweistöckigen auf der Gräffstraße, aber auch in den Nissenhütten in Baukau, die von den Engländern eingeführt worden seien. [1]

Tabea Beissert (22. August 2015)

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Quellen