Um „Helle“ und „Bredde“

Von Leo Reiners

Um Helle und Bredde

Aus der Besiedelung der Shamrockstraße

Nachdem wir die Höfe Bergelmann und Rensinghoff besprochen haben, müssen wir, bevor wir zum nächsten Hofe, Sengenhoff kommen, das umliegende Gelände einer historischen Betrachtung unterziehen. Es waren hauptsächlich Aecker und Wiesen, die sich zu Talsohle des Westbaches senkten. An diesen zog sich auf dem Ostufer ein schmaler Waldstreifen entlang, der bei der Overkampschen Mühle begann und sich bis zur Verlängerung der Kirchhoffstraße in die Helle hineinzog.

Vom Bergelmannschen Hofe ging ein privater Verbindungsweg zur Shamrockstraße, der später zur Kronprinzenstraße ausgebaut wurde. Er verlief in seinem Nördlichen Teile über das Gelände der jetzigen Schule und mündete beim Gefängnis. An der Ecke der Shamrock – und Kronprinzenstraße entstand in den Anfängen der Bebauung dieser Gegend das Haus von Heinrich Friedrich Wilhelm Veuhoff. Das Grundstück war 1823 bei der Katasteraufnahme Gemüsegarten der Eheleute Johann Heinrich Hülsmann und Anna Catharina Baltz, die an der oberen Shamrockstraße neben Plenker wohnten. Von deren Sohn kaufte am 25. September 1874 der Schreinermeister Heinrich F. W. Veuhoff das Grundstück, der darauf ein Wohnhaus mit Anbau errichtete, zu dem später noch Stallanbau, Werkstattgebäude, Schreinerwerkstatt und eine weitere Wohnung nebst Stall kamen. Im Jahre 1903 erbte den Besitz der Bauunternehmer Karl Veuhoff, der die Gebäude 1907 abbrechen und dafür das jetzige große Eckhaus errichten ließ.

Vorher schon hatten die Veuhoffs ihren Besitz nach Norden ausgedehnt und dort ihre Schreinerei angesiedelt. (Die alte Dampfschreinerei ist 1912 abgebrannt) Dabei hatten sie auch das inzwischen an der Kronprinzenstraße entstandene kleine Nachbarhaus erworben, das sie 1935 haben abbrechen lassen, wobei leider ein junger Arbeiter durch ein umstürzendes Mauerstück tödlich verunglückte. Dieses Nachbarhaus ist von dem Maurer Hermann Berke erbaut worden, dessen Vater, der Wirt Heinrich Berke (jetzt Strickmann), der Besitzer des Grundstückes gewesen war. (Der 1901 im Alter von 73 Jahren gestorbene Vater Berke stammte aus Ickern, ein Sohn erbte die Wirtschaft, ein anderer war Schuhmachermeister und später lange Jahre Kirchenküster an der Evgl. Hauptkirche, ein dritter Bauunternehmer (Der genannte Maurer Hermann Berke), ein vierter begründete die jetzige Kramersche Wirtschaft auf der Franz-Seldte-Straße. Von den Enkeln des alten Berke sind mehrere Herner Geschäftsleute des Namens Berke allgemein bekannt).

Die Flur "Auf der Bredde", die zwischen Kronprinzen-,Shamrock-, Hermann-Göring- und Kirchhofstraße (heute "Bergelmanns Hof") lag - von ihrer "Breite" und Weite hatte sie, wie mehrere andere "Bredden" ihren Namen - , war durch eine von der Kronprinzenstraße zur Hermann - Göring- Straße laufende Grenzlinie (heute die Veuhoffsche Fabrikmauer und die Südhecke des Friedhofes) in zwei Teile geteilt. Der nördliche Teil gehörte zum "kleinen" Overkamp, der südliche zum Hofe Rensinghoff.

Die Veuhoffsche Ecke war, wie gesagt, Hülsmanns Gemüsegarten. Fast den ganzen Rensinghoffschen Teil (4 Morgen 56 Ruten) erwarb im Jahre 1875 der Wirt Heinrich Berke, der das Grundstück in mehrere Parzellen teilte. Das an Veuhoff anschließende Grundstück ließ er 1878 an einen seiner Söhne, den Maurer Hermann Berke, auf, der ein später durch einen Wohnungsanbau erweitertes Haus darauf errichtete. Dieses verkaufte Hermann Berke 1889 an den Bergmann Heinrich Jöllenbeck, von dem es 1909 an die Witwe, eine geborene Henriette Köhlhoff, und ihre 10 Kinder kam. Im gleichen Jahre kaufte es Karl Veuhoff. Im Jahre 1935 wurde es, wie gesagt, abgebrochen.

An der Shamrockstraße, östlich neben Strickmann, lag ein zum "kleinen" Overkamp gehöriges Wohnhaus. Das Grundstück hatte der Schuster Friedrich Trösken im Jahre 1864 von Vieting gt. Rensinghoff für 470 Taler gekauft. Als Hofraum - bis dahin war also das Wohnhaus errichtet worden - ging es 1873 an die Eheleute Bergmann Ludwig Wagner und Maria Elisabeth, geb. Flaskamp, frühere Witwe F. L. Trösken über. von diesen kam es 1876 auf Grund einer Subhastation an den "kleinen" Overkamp und zwar an die Eheleute Karl Schulte - Noelle und Wilhelmine, geb. Overkamp, die in zweiter Ehe den Rentner Ludwig Rensinghoff gnt. Schlenkhoff heiratete. Im Jahre 1921 erwarb es der Bauunternehmer Johann Köhne, der das Haus 1929 abbrach und unter kleiner Grundstücksabtretung an Strickmann, der daraufhin seine Saalgarderobe baute, den jetzigen Wohnhausneubau errichtete.

Die Strickmannsche Wirtschaft war 1876/77 von Heinrich Berke Senior erbaut worden, der, wie dargelegt, den Hauptteil des Vietingschen Anteils der Flur "Auf der Bredde" 1875 gekauft und 1876 in der Versteigerung noch ein Stück von dem Nachbarn Wagner hinzuerworben hatte. Er errichtete Wohnhaus und Anbauwohnung, wozu später noch Saalgebäude und andere Anbauten kamen. Im Jahre 1897 brach sein Sohn und Nachfolger das Wohnhaus mit Anbauwohnung ab, dafür entstand das jetzige dreistöckige Haus, das noch durch ein Gastzimmer, eine Gartenhalle und den jetzigen großen Saalbau bereichert wurde. Die alte Berkesche Wirtschaft stand da, wo jetzt das Gastzimmer zwischen Saal- und Wirtschaftseingang sich befindet. Im Jahre 1882 hatte der alte Berke die Wirtschaft gegen Leibzucht an seinen Sohn Heinrich übergeben, von dem sie 1903 der Wirt Hermann Kampmeyer erwarb. Von der Witwe Kampmeyer ging sie am 29. Januar 1920 an den Metzger Otto Pruchnewski, zwei Monate später an den Wirt Ernst Fischer aus Dortmund und im Dezember 1920 an den Kaufmann Hermann Strickmann über, der später den Garten erheblich erweitern und auch sonst mehrfache bauliche Verbesserungen durchführen ließ.

Jenseits des Westbaches war das erste Haus an dieser Seite der Shamrockstraße das Haus Nr. 58 von Hülsmann. Es wurde auf Markmanns Ackerland errichtet. Dieses bildete den östlichen Streifen der Flur "Auf der Helle" und lag zwischen der heutigen Straße "In der Helle" und der Hermann- Göring- Straße. Im September 1875 kaufte der Schmied Heinrich Hülsmann von der Witwe des Schreiners Joh. Eng. Bartmann gt. Markmann, Cath. Elis. geb. Berke gt. Küper, den Bauplatz und errichtete das jetzt noch stehende, in jüngster Zeit aufgestockte Haus, in dem sich seit etwa 1900 die Bäckerei Hülsmann befindet. Von dem Erbauer ging das Haus Weihnachten 1911 auf den Maschinisten Wilhelm Hülsmann über.

In der heute mit einer ganzen Reihe kleiner Häuschen besetzten Helle entstanden zur Zeit der Katasteraufnahme 1877 erst zwei Wohnhäuser. Es sind die vor der nördlichen Ecke gelegenen beiden Häuschen Nr. 14 und Nr. 16.Beide Grundstücke wurden 1878 von der Erbin des Markmannschen Ackerlandes, der schon erwähnten Witwe des Schreiners Joh. Eng. Bartmann gt. Markmann, die in zweiter Ehe den Landwirt Diedr. Wilh. Schulte gt. Kulkmann heiratete, verkauft. Das Grundstück Nr. 14 erwarb der Maurer Eduard Bornträger, das andere der Bergmann Heinrich Bockstege. Sofort begannen beide mit der Erbauung der Häuser. Das Bornträgersche ging 1897 an den Kaufmann Wilhelm Sacher und von diesem 5 Wochen später an den Bergmann Heinrich Spielbrink über. Das Bockstegesche Haus wurde 1921 an den Bergmann Otto Bockstege, 1933 an die Witwe aufgelassen.

Jenseits der Straße "In der Helle", neben den alten Klärteichen der Zeche Shamrock stand ein Wohnhaus in Fachwerk. Von 1907 ist es verschwunden. Auf alten Photographien im Heimatmuseum ist es zwischen dem tiefliegenden Backsteinhäuschen Ecke Hermann - Göring- Straße und "In der Helle" (das jüngeren Datums ist) und der Pumpstation der Zeche Shamrock, die beim Bau der neuen Kohlenschlammbecken 1934 abgebrochen wurde, zu sehen. Es dürfte von Landwirt und Gerichtstaxator Friedrich Cremer, der das Grundstück 1879 bei der Vietingschen Versteigerung erworben hatte, erbaut sein. Im Jahre 1887 kam es an die Bergwerksgesellschaft Hibernia und Shamrock. Es hat insofern eine gewisse gemeindepolitische Bedeutung erlangt, als es 1897 auf den Namen des Bergrats Karl Behrens überschrieben wurde, um ihn als Grundstücksbesitzer für die Gemeindevertretung zu berechtigen. Von ihm ist es 1907 wieder an Shamrock zurückgefallen. Danach ist es abgebrochen worden.

Die südliche Seite der Shamrockstraße ist von der Kronprinzenstraße bis zum Westbach (Hermann - Göring- Straße) auch in neuerer Zeit lange unbebaut geblieben. Das erste Haus, das hier entstand, war jenseits des Baches an der Ecke Hermann - Göring- und Shamrockstraße (heute Nr. 55) das Haus von Stüdewig. Die Parzellen, die noch zur Flur "Sengenhoffs Feld" zählten, hatten zu Kaldeweys Kotten (auf dem Steinweg) gehört. die Witwe des Georg Heinrich Kaldewey hatte den Schneider Heinrich Hülshoff geheiratet und dieser dürfte das Haus erbaut haben, denn es war schon da, als der Bergmann Theodor Stüdewig 1870 die Parzellen für 1800 Taler erwarb. Die Witwe Stüdewig, Franziska geborene Sandhaupe, heiratete in zweiter Ehe den Bergmann Bernhard Kramer, der das kleine Haus 1906 abbrechen und das jetzige dreistöckige Gebäude errichten ließ. Im Jahre 1931 ging der Besitz an die Ehefrau Hubert Dering, Maria geb. Kramer über.

Das nächstfolgende Haus war bei der Katasteraufnahme im Jahre 1877 das Haus Nr. 63. Das Grundstück hatte ebenfalls zu den Kaldeweyschen Parzellen gehört und war 1874 an den Kaufmann Heinrich Nordmann gekommen, der im gleichen Jahre einen Teil des Grundstücks an die Eheleute Ludwig Wagner und Marie Elis. geb. Flaskamp, frühere Witwe F. L. Trösken, verkaufte, die das jetzt noch stehende Wohnhaus erbauten. Im Jahre 1881 kam es an den Berginvaliden Heinrich Bergmann zu Holsterhausen, 1884 an die Eheleute Winkelier Wilhelm Berke und Henriette, geb. Bergmann, 1889 an den Bahnarbeiter Hermann Lösecke, nachdem dieser den Rest des Hofes Rensinghoff, den er bewohnte, an Shamrock verkauft hatte. Im Jahre 1920 wurde die Ehefrau Metzgermeister Anton Niggemeier, Anna geb. Lösecke, Eigentümerin, 1928, als der Niggemeiersche Neubau entstand, erwarb die Stadt Herne das Haus auf dem Tauschwege.

Das dritte und letzte Haus an dieser Stelle der Shamrockstraße war das Haus Nr. 67, das schon vor dem vorgenannten entstanden war. Der Steiger Karl Schroeder hatte das Grundstück aus dem Kaldeweyschen Besitz 1871 für 396 Taler gekauft und es 1874 noch um ein Nachbarstück erweitert. Doch dürfte er das Haus schon 1871 erbaut haben, denn damals lieh er sich 1200 Taler von dem Landwirt Stratmann gt. Westerworth in Baukau. Auf den Namen des Steigers Karl Schroeder steht es noch heute.

Was bedeutet "Helle"?

Schluss mit der Phantasie einer germanischen Opferstätte! Es ist endlich einmal an der Zeit, einem Irrtum ein Ende zu machen, der in den Herner heimatgeschichtlichen Darstellungen aus der Flur "Auf der Helle" (der Straßenname "In der Helle" ist nicht ganz ursprünglich) eine germanische Opferstätte gemacht hat. Man behauptet, das Wort hänge mit der Göttin Hel, der nordischen Göttin der Unterwelt und des Todes zusammen, die nach germanischer Vorstellung von Odin ins Niflheim gestürzt wurde, wosie das Totenreich Helheim beherrscht. (darauf ist das Wort "Hölle" zurückzuführen) Nun pflegen aber germanische Kultstätten auf Bergen, in Hainen, und an heiligen Quellen zu sein. Bei unserer Flur "Auf der Helle" haben wir aber nichts davon. Höchstens könnte hier einmal Wald gewesen sein.

Viel einfacher ist die Worterklärung, die die Helle mit der Bodenreform in Zusammenhang bringt. Helle ist nämlich dasselbe Wort wie Halde und heute noch in Helling erhalten. Helling ist die geneigte Ebene einer Schiffswerft. (von Helde lopen heißt: von Stapel laufen) "Helle" ist auch in dem Ausdruck "eine helle Stimme = hohe Stimme und in dem englischen Wort Hill = Hügel zu finden. Lübben (German. Studien II, 261) bezeichnet Helle als abhangiges Stück Land. In der Tat ist auch die "Helle" in Herne nichts anderes als eine schiefe Ebene. Darum heißt die Flur auch "Auf der Helle", nicht "in der Helle". Sie wird begrenzt von der Shamrockstraße, der Hermann- Göring- Straße, der Verlängerung der Kirchhoffstraße und reicht bis hinter das letzte Haus an der Shamrockstraße vor der sich bis zur Courrieresstraße erstreckenden Freifläche. Noch heute ist deutlich zu erkennen, dass diese Flur stark zur Hermann- Göring-Straße abfällt. Kultische Geheimnisse sind also mit der "Helle" in gar keiner Weise verbunden. [1]

Dr. Leo Reiners

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Quellen