Straßenbahnen in Wanne-Eickel

Das letzte Kapitel „Straßenbahnen in Wanne-Eickel“ ist noch nicht geschlossen. Die „Sechs“ fährt noch. In der Bogestra-Nomenklatur heißt sie heute zwar „306“ – aber sie rumpelt immer noch über ihre mehr als 60 Jahre alte Trassen. Zumindest in Wanne-Eickel.


Wolfgang Berke

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In Bochum fährt sie kilometerweit auf separater Spur, hat eine Ampel-Vorrangschaltung bekommen und geht ordentlich flott. In Wanne-Eickel zwängt sie sich durch ein einspuriges Nadelöhr (Riemker Straße), an dem die Bahnen gelegentlich aufeinander warten müssen. Und über die Hauptstraße eiert sie mal rechts und mal in der Mitte. Eigene Trasse? Nur am Hauptbahnhof.

Kann es sein, dass die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG ihre 306 nicht wirklich lieb hat? Kann es sein, dass die Bogestra Wanne-Eickel gar nicht mag? Ach Quatsch, ihre 302 schickt sie in Wattenscheid ja auch über Steinzeittrassen. Um sie dann in Ückendorf noch mal so richtig durchzuquälen. Da ist ja die Fahrt der 306 über die Hauptstraße in Eickel fast eine Edel-Promenade. Die Wanne-Eickeler Autofahrer haben sich an die Schrulligkeiten ihrer „Sechs“ gewöhnt, warten in Eickel geduldig hinter der Bahn, wenn diese zum Rein-Raus der Fahrgäste die Straße versperrt. Und sehen es ihr nach, dass sie ihnen auf der Riemker Straße gelegentlich als Geisterbahn entgegenkommt.

Andere Straßenbahnlinien in Wanne-Eickel wurden nicht mit so viel Duldsamkeit und Nachsicht behandelt. Die Linie 4 zum Beispiel, die 1896 zwischen dem Hauptbahnhof und Gelsenkirchen ihren Betrieb aufnahm und später sogar noch über die Wanner, die Dorstener und die Bielefelder Straße bis nach Herne verlängert wurde. Da reichten in den 1960ern zwei Engpässe am Glückaufplatz und auf der Gelsenkircher Straße in Röhlinghausen, um sie zum unliebsamen Verkehrsmittel zu stempeln. Sie störte den reibungslosen Fluss der Autos, und Stadtbaurat Koch war mehr als erleichtert, als die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahngesellschaft den Betrieb auf Busse umstellte, weil die 4 in Gelsenkirchen die geplante Norderweiterung der Rheinstahl-Eisenwerke blockierte. Die Linie 4 verschwand, Rheinstahl erweiterte sich nicht, und den Verkehr auf der Gelsenkircher Straße in Röhlinghausen blockieren nun die Busse, wenn sie zwischen Haltestellen und Straßeninseln ihre Fahrgäste ein- und aussteigen lassen.

Auch die beiden anderen Straßenbahnlinien, die es mal in Wanne-Eickel gab, sind längst Geschichte. Die Linie 1 wurde seit 1908 von der Vestischen Straßenbahngesellschaft betrieben und fuhr vom Wanne-Eickeler Hauptbahnhof über die Amtmann-Winter-Straße in die Hauptstraße, dann hoch zur Dorstener und über die Recklinghauser Straße nach Herten – und zeitweise sogar weiter bis nach Recklinghausen und Gelsenkirchen-Buer. Wenn man die Reise nach Norden antrat, konnte hinter Kanal und Emscher richtige Ausflugsstimmung aufkommen. Auf eigener Trasse ging es neben der Straße durchs Grüne – und ab Waldfriedhof dann pfeilgeradeaus durch den Hertener Busch. Erst die Haltestelle Zeche Ewald holte die Reisenden wieder in die urbane Wirklichkeit zurück.

Die 1 hatte zwei ernsthafte Probleme. Zum einen: Wer wollte schon nach Herten fahren? Zum anderen war in den 1970ern manches denkbar, aber keine Straßenbahn in einer Fußgängerzone. Und weil die Hauptstraße eine werden sollte, war die 1 im Weg. Also: Umstellung auf Busse. Die ehemalige Route der Linie 1 wurde ordentlich zerstückelt und über andere Straßen geführt. Wer will schon nach Herten fahren?

Die einzige Straßenbahnlinie, an der sich auch Wanne-Eickel richtig beteiligt hatte, war die Kommunale. Naja, so ganz richtig ist das nicht, denn 1908 gab es Wanne-Eickel noch gar nicht. Aber Holsterhausen gab es und Eickel. Und die stellten mit den weiteren beteiligten Gemeinden Baukau, Hordel, Günnigfeld, der Stadt Wattenscheid und dem Landkreis Gelsenkirchen ein für die damaligen Verhältnisse durchaus ambitioniertes Projekt auf die Schienen: eine Straßenbahn von Baukau durch sieben Gemeinden bis nach Wattenscheid. Von Baukau kommend zockelte die Tram über die Juliastraße und die Bielefelder nach Holsterhausen Markt. Von dort aus weiter über Bielefelder- und Königstraße zum Eickeler Markt, um sich dann über die heutige Richard-Wagner-Straße und Hordeler Straße nach Günnigfeld zu schleichen. Wenig später waren es dann mit den Verlängerungen bis Herne und Höntrop sogar neun Ortschaften, durch welche die Kommunale rumpelte.

Richtig Spaß gemacht hatte die Linie ihren Betreibern aber nie. Meist fuhr sie tiefrote Zahlen ein, und auch Beschleunigungsmaßnahmen wie etwa der Bau weiterer Ausweichstellen auf der überwiegend einspurigen Strecke konnten die Kommunale nicht ins Schwarze schubsen. Die Kommunale verhökerte Bahnen, Gleise und Fahrgäste an die „Westfälische“, aber auch die hatte wenig Glück mit dieser Verbindung, egal wie die Bahn auch genannt wurde: Mal fuhr sie als „Linie 16“ mal gestückelt als „Linie 8“, Linie F“ oder „Linie G“. 1938 machte die Bogestra dem Gegurke ein Ende, übernahm die „Westfälische“ und – stellte auf Busse um, die damals schwer in Mode kamen. Das Straßenbahndepot, das die „Kommunale“ an der Hordeler Straße gebaut hatte, nutzte die Bogestra weiter für andere ihrer Linien. Allerdings sorgte die „Kommunale“ dann noch für ein Kuriosum. Posthum, sozusagen. Während der Kriegstage erinnerte man sich daran, dass es ja mal eine verpflichtende Option gegeben hatte, noch eine Stich-Bahn vom Holsterhauser Markt zum Wanner Bahnhof zu bauen. Und die sollte jetzt bitteschön in Betrieb gehen. Die Kriegszeiten waren weniger für die Durchführung eines solches Projektes geeignet, und deshalb wurden bis 1944 nur wenige hundert Meter fertig gestellt. Als nach Kriegsende die Infrastruktur wieder aufgebaut wurde, packte man den Rest an – und hatte vom Hauptbahnhof schnell eine Straßenbahnanbindung via Wanner und Dorstener Straße zum Holsterhauser Markt. Die neue Linie 16 hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Das, woran sie angebunden werden sollte, die Straßenbahn von Herne nach Wattenscheid, war schon seit zehn Jahren nicht mehr da.

Trotzdem absolvierte die „Kurze 16“ noch tausende Fahrten, ehe sie 1955 ... Na was wohl: auf Busse umgestellt wurde.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors [1]
Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2005

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Quellen

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