Städtebilder aus dem westfälischen Industriegebiet - Herne. 1912

Am 20. Februar 1912 wurde im "General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen" folgender Artikel einer Serie über die Stadte des Ruhrgebietes veröffentlicht, welchen wir hier gerne wiedergeben. Zeichnet er doch ein schönes Bild Hernes seiner Zeit nach.[1]

Städtebilder aus dem westfälischen Industriegebiet.

6. Herne.

Wohl kein anderes Gemeinwesen im industriellen Westen hat eine schnellere Entwickelung durchgemacht, als Herne mit seinen heutigen rund 60.000 Einwohnern. Der nunmehrige Stadtkreis ist gebildet aus dem früheren Dorfe Herne nebst Altenhöfen und einem Teile von Sodingen. Zuerst genannt wird Herne um das Jahr 900 nach Christi im ältesten Werdener Heberegister und zwar unter dem Namen „Haranni“. Das Stammwort dieses Namens ist har, das heißt Schneide (des Messers), Schnad, Scheide, Grat der Höhe (vielleicht auch auf den Haarstrang beziehend). Die Bauerschaft Herne lag an der Kreuzung der alten Straßen Xanten— Dorsten—Castrop—Dortmund und Wiesdorf— Haltern.

Die politische Geschichte Hernes ist eng verknüpft mit der von Strünkede. Bis zum Jahre 1263 gehörte das Dorf Herne zu der unmittelbaren Reichsherrschaft, die die Ritter von Strünkede über alle Eingesessenen des Gerichts Strünkede und des Gerichts Castrop besaßen, dann später zur Grafschaft Mark. In der Herner Mark waren die Herren von Strünkede so berechtigt, dass sie, wenn darin Eicheln vorhanden, 30 Schweine und einen Eber ungehindert treiben durften. Auch noch viele andere Rechte besaßen die Strünkender Herrschaften. Als aber das allgemeine Landrecht eingeführt wurde, da hörte es mit ihrer Gerichtsbarkeit auf.

Wie alle Niederlassungen in unserer näheren und weiteren Umgebung, so hatte auch Herne schwer unter den Kriegswirren zu leiden, denn die Herren von Strünkede stellten sich in den Dienst der Grafen von der Mark, die mit allen Städten in Fehde lebten. In der Fehde des Grafen Engelbert von der Mark und des Erzbischofes von Köln mit der Stadt Dortmund, die sich im Jahre 1388 entspann, wurde am 2. August 1389 dem Dortmunder Söldnerführer Ritter von Raesfeld und seinen 40 Reisigen zu ihren Raubzügen alles überwiesen, was Niet= und Nagelfest war. Am Abend des 8. September brandschatzten Dortmunder Reiter zu Herne und führten von den Wiesen für 50 Gulden Vieh fort. Die Dortmunder konnten überhaupt alles brauchen, weshalb sie sehr gefürchtet waren.

Auch späterhin wurde Herne noch schwer heimgesucht von Kriegshorden. Aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges wird berichtet, dass zu Anfang März 1634 der schwedische Oberst von Wendt mit seiner Truppe, deren Weg Erpressungen bezeichneten, auf Herne zog; einige Tage später rückte er auf Bochum zu, um neue Beute zu machen. Im Mai desselben Jahres durchzog kaiserliches Kriegsvolk plündernd die Gegend. Die Kriegswirren hatten viel Elend und Armut im Gefolge.

Nach diesen kurzen historischen Darlegungen der älteren Vergangenheit wollen wir übergehen zu der neueren Geschichte Hernes. Um 1760 war Herne ein aus 116 Häusern bestehender Flecken; es besaß aber schon eine Papiermühle, die von der Schmedebecke bei Sodingen getrieben wurde. Im Jahre 1809 waren nur noch 114 Wohnhäuser vorhanden mit 575 Einwohnern. Der „Maire“ der „Municipalität Herne“, die auch das Dorf Eickel umfasste, war in der Zeit der französischen Herrschaft Kaspar Henr. Steelmann aus Eickel, der später Bürgermeister von Bochum und Herne wurde, welche Stellung er bis zum Jahre 1830 bekleidete. Ihm folgten dann die sogenannten Amtmänner.

Die Blütezeit der Stadt Herne begann eigentlich in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Jahre 1886 wurde die Personenpost Bochum=Herne=Recklinghausen durch die Herner Mark eingerichtet und zwar zunächst an Hiltrop vorbei. Später führte man sie über die in den Jahren 1839 bis 1842 erbaute Chaussee durch Riemke. Dieser Chaussee, die das Bergische Land mit dem Münsterlande verbinden sollte, folgte alsbald das Dampfroß oder wie man im Volksmunde sagte, der „feurige Wagen ohne Pferde“. Unter dem Jubel der Dorfbewohner, deren Zahl damals 999 betrug, wurde am 15. Mai 1847 die Eisenbahnstrecke Oberhausen=Dortmund mit der Station „Herne=Bochum“; eröffnet. Wer eben lausen und abkommen konnte, eilte hinaus, um den ersten Personenzug, der bei der Inbetriebnahme der Köln=Mindener Linie noch offene Wagen hatte, zu sehen. Durch die Eröffnung der Eisenbahn hob sich der Verkehr mit Bochum, das erst später eine solche Verbindung erhielt, dermaßen, dass, wie der Chronist schreibt, die Straßen fast ruiniert wurden.

Bald machte sich in der Herner Mark das Fortschreiten des Kohlenbergbaues von der Ruhr nach der Emscher bemerkbar, das Herne aus einem Ackerdorfe zu einer Industriestadt umschuf. Der erste „Pütt“ wurde im Jahre 1856 von einer englischen Gesellschaft auf Sengenhoffs Feld abgeteuft, die den Namen „Shamrock“ erhielt. Es folgten im Jahre 1864 und 1869 die Inbetriebsetzung der Kohlenschächte „Julia", „von der Heydt“ und dann „Margot“ in Baukau, sowie der weiteren Zechen in der Umgebung, „Konstantin" usw. Shamrock 1 und 2 gehören jetzt der Bergwerksgesellschaft Hibernia und beschäftigen bei Kohlenförderung von rund 950.000 Tonnen pro Jahr weit über 3000 Bergarbeiter und Beamte. Die Belegschaft von „Friedrich der Große" beträgt etwa 2800 Mann und die Kohlenförderung stellt sich auf etwa 600.000 Tonnen. „Von der Heydt" und „Julia“, beide der Bergwerksgesellschaft Harpen gehörig, zählen eine Belegschaft von zusammen 3.000 Mann und haben eine Förderung von rund 800.000 Tonnen. Konstantin 4 und 5 weisen eine Belegschaft von 1500 Mann und eine Förderung von 400.000 Tonnen auf. Um ein kleines Bild zu geben, welche Gehälter und Löhne diese hier genannten Bergwerksgesellschaften jährlich auszahlen, so sei bemerkt, dass diese im Jahre 1910 insgesamt 16.000.561 Mk. betrugen. Danach kann man in etwa bemessen, weiche Schätze Herne und seine Umgebung tief unter der Erde verborgen hat, die der fleißige Knappe unter steter Lebensgefahr an das Tageslicht fördert.

Nach und nach siedelten sich auch noch andere industrielle Betriebe im Weichbilde Hernes an. So erhielt die Stadt die Maschinenfabrik von Baum mit rund 1200 Arbeitern, die Drahtseilfabrik Geßmann, die Maschinenfabrik Flottmann u. Comp. mit rund 500 Arbeitern, Maschinenfabrik Beien mit 200 Arbeitern, die Dampfkesselfabrik von Ewald Behringhaus, die Gewerkschaft Dorn (Schraubenfabrik), die Herner Herdfabrik, das Sägewerk Schlenkhoff, das bürgerliche Brauhaus, das einen so bedeutenden Aufschwung genommen und einen Ausstoß von 60.000 Hektolitern aufzuweisen hat, die Holzindustrie von Meyer und Frühling usw. usw. Alle diese Anlagen haben Herne den Stempel einer verkehrsreichen und betriebsamen Arbeiterstadt aufgedrückt. Und für die stark bevölkerte nähere Umgebung, wie Sodingen, Börnig, Holthausen, Gerthe, Riemke, Holsterhausen und Recklinghausen=Süd bildet Herne immer mehr den Mittelpunkt des geschäftigen Lebens.

General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen größte und verbreitetste Tageszeitung Westdeutschlands 25 (20.2.1912) 50-Rathaus Herne.png

Mit dem Einzuge der Industrie stieg die Bevölkerung in ganz rapider Weise. Die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1861 2210, 1867 3398, 1871 4421, 1875 6021, 1880 7356, 1885 9868, 1890 13920, 1895 19110, 1900 27 863, 1903 30.019, 1908 57103, 1909 56 635, 1910 57 459 und 1911 59653.

Sind das nicht an amerikanische Verhältnisse erinnernde Bevölkerungsziffern? Es konnte nicht ausbleiben, dass das große Dorf Anspruch darauf machte, selbständig zu werden und in den Besitz des Städterechtes zu gelangen. Die Bemühungen waren von Erfolg gekrönt und zwar wurde Herne, das inzwischen auch einen Hafenplatz des Dortmund=Emskanals erhalten hat, am 1. April 1897 zur Stadt erhoben. Die frühere Amtsversammlung bezw. Gemeindevertretung mit dem rührigen Amtmann Schaefer und dem jetzigen Beigeordneten Cremer, der übrigens schon 50 Jahre in Herne ehrenamtlich tätig ist, an der Spitze, wurden aufgelöst und an ihre Stelle ein Stadtverordneten= und Magistratskollegium gesetzt. An die Spitze der städtischen Vertretung wählten die Stadtväter unter dem Beifall der gesamten Bürgerschaft den bisherigen Amtmann, der den Titel „Erster Bürgermeister" erhielt, der später vom Könige in „Oberbürgermeister" umgewandelt wurde. Ihm zur Seite stellte man den zweiten Bürgermeister Könen, der nach kurzer Zeit als Direktor nach Bochum zur Knappschaft übersiedelte und in Herrn Assessor Büren, dem heutigen Stadtoberhaupt, einen strebsamen, zielbewußten Nachfolger fand. Heute sind fünf besoldete Magistratsmitglieder in Diensten, die städtischen Geschäfte haben sich mit dem schnellen Wachstum der Stadt seit 1898 mehr als verfünffacht.

Es lag in der Natur der Sache, dass die junge Stadt mit der Verleihung der Städterechte auch enorme Pflichten übernehmen musste. Ganz besonderes Gewicht musste die Verwaltung auf den Ausbau des Schulwesens legen. Denn „Jung Deutschland“ stellte bald ein ansehnliches Regiment, das nach wenigen Jahren zu einem gewaltigen Heere anwuchs. Es mussten immer wieder neue Schulhäuser errichtet, neue Lehrkräfte angestellt werden, sodass der Stadtsäckel sehr in Anspruch genommen wurde. In 17 siebenklassigen Schulsystemen werden zurzeit 11 776 Volksschulkinder unterrichtet. Der von der Stadt zu deckende Fehlbetrag für die Volksschulen stellte sich im Vorjahre auf 662.700 Mk. Das ist schon etwas. Die neuen Volksschulgebäude stellen aber auch wahre Paläste dar, wie aus einem unserer beigefügten Bilder hervorgeht; der Schulbau ist für 28 Klassen eingerichtet und mit einer Turnhalle verbunden.

Die im Jahre 1868 als Rektoratschule ins Leben gerufene Oberrealschule zählt zurzeit rund 350 Schüler. Seit Ostern 1911 ist ein Progymnasium als besondere Anstalt mit der Sexta eingerichtet worden. Die staatlich anerkannte höhere Mädchenschule wird von 230 Schülerinnen besucht. Vorhanden ist ferner noch eine gewerbliche und eine kaufmännische Pflichtfortbildungsschule, sowie eine Bergvorschule.

Neben dem Schulwesen stand man noch vor dem Ausbau einer großen Reihe anderer gemeinnütziger Einrichtungen. Ein Amtsgericht hatte Herne schon 1892 erhalten, das für sechs Richterstellen eingerichtet ist, aber schon längst nicht mehr den Anforderungen genügt, weshalb im nächsten Jahre zu einem Neubau geschritten werden soll. Die Postverwaltung hat ihr altes Heim an der Bahnhofstraße schon vor zwei Jahren verlassen und ist in ihren prächtigen Neubau übergesiedelt, in dessen Nachbarschaft auch das neue Rathaus errichtet wird. Die Stadt hat vor drei Jahren mitten im Verkehr liegende 45 Morgen großen Bauernhof erworben, den sie durch Straßen aufgeschlossen hat. Dorthin kommen alle neuen öffentlichen Bauten, auch das Amtsgericht. Das im Bau befindliche Rathaus erfordert einen Kostenaufwand von 900.000 Mt., die aber von den Stadtvätern gern bewilligt wurden in der richtigen Erkenntnis, dass die Großstadt Herne auch ein würdiges Repräsentationshaus verdiene. Die alte Schule an der Mont=Cenisstraße, die bisher zu Rathauszwecken benutzt wurde, eignet sich für die städtische Verwaltung in keiner Weise mehr.

Von sonstigen Behörden haben wir hier noch ein Bergrevieramt mit einem Bergrat und zwei Berginspektoren, ein Katasteramt, Kanalbauamt, Hauptzollamt, Reichsbank, Verkehrsinspektion u. a. Von weittragender Bedeutung für die weitere Entwicklung Hernes, das im Jahre 1908 mit den Landgemeinden Baukau und Horsthausen verbunden ist, wird der schon seit Jahren erstrebte Bahnhofsneubau sein, der nunmehr in Angriff genommen worden ist; es sind dafür 12½ Millionen in Ansatz gebracht. Ebenso bürgt für eine gute Zukunft der blühenden Stadt, die im Jahre 1906 aus dem Landkreise Bochum ausgeschieden ist, der Ausbau des Dortmund=Emskanals nach dem Rhein, dessen Fertigstellung im Jahre 1914 erfolgen soll. Zum Bau eines größeren Umschlagshafens hat die Stadt große Geländeankäufe gemacht.

So hat sich denn die städtische Verwaltung, aus der im Jahre 1907 Herr Oberbürgermeister Schaefer geschieden ist, auf allen Gebieten bewährt. Insbesondere auch hat sie ihr Augenmerk auf die Hebung der Verkehrsverhältnisse gerichtet. Nach allen Seiten ist Herne mit seiner Nachbarschaft durch elektrische Bahnen verbunden, die alle auf kommunaler Grundlage unter finanzieller Beteiligung der Stadt gebaut worden sind und betrieben werden. Auf der Provinzialstraße verkehren die Straßenbahnen Herne—Bochum und Herne—Recklinghausen. Die Straßenbahn Herne— Höntrop vermittelt den Verkehr mit Wattenscheid und Eickel, die Straßenbahn Herne—Sodingen— Castrop mit den Gemeinden des Amtes Sodingen und der Stadt Castrop, und die Straßenbahn Herne—Gerthe mit dieser Gemeinde.

An nennenswerten Anlagen sind noch hervorzuheben das Gaswerk, das Elektrizitätswerk, die beiden Krankenhäuser, die zwei evangelischen und vier katholischen Kirchen, die Synagoge, sowie ferner der vor etwa 10 Jahren angelegte Stadtpark von 45 Morgen Umfang. Die Anlage erforderte einen Kostenaufwand von rund 300.000 Mk.

Das Vereinswesen blüht in Herne ebenso wie in allen Industriestädten und=Ortschaften, in hohem Ansehen stehen die Turnvereine, sowie die Freiwillige Feuerwehr. Auch leistungsfähige Gesangvereine und ein vorzüglich geleiteter Musikverein haben wir hier am Platze. Ein Stadttheater ist noch nicht erbaut, aber im Winter fehlt es auch nicht an Theatergenüssen aller Art. Außerdem sind Bochum und Dortmund in wenigen Minuten zu erreichen, um die dortigen Vorstellungen besuchen zu können. Dass wir auch über einen Mangel an „Kinos" nicht zu klagen haben, ist selbstverständlich. Was der großen Stadt Herne noch immer fehlt, das ist ein städtisches Schlachthaus. Allerdings haben die Stadtverordneten am 20. Januar 1908 den Ankauf von Grundstücken am Grenzwege zum Gesamtpreise von 186 560 Mk. beschlossen mit der Absicht, den Schlachthof dort zu erbauen. Die Errichtung wird indessen nicht eher möglich sein, als bis bei dem Umbau des Bahnhofs durch die Herstellung der von der Heydtstraße=Unterführung die nötige Vorflut geschaffen wird die Sparkasse, die durch die Spricksche Affäre in früheren Jahren so schwer heimgesucht wurde, arbeitet tadellos. Die Einlagen betrugen im Verwaltungsjahre 1909 10.295.186,06 Mk., die sich auf 8814 Sparbücher verteilten. Der Reservefonds hatte um diese Zeit die Höhe von 328.462 Mi. erreicht. Es wäre erfreulich gewesen, wenn das Institut sogleich als Herne Stadt geworden war, mit der Ausschüttung eines Reingewinnes für gemeinnützige Anlagen beginnen konnte. Das war aber nicht möglich, denn der Reservefonds musste zunächst 5 Prozent der Einlagen betragen, und dieses Ziel ist erst im vorigen Jahre erreicht worden. Man hätte solche erfreuliche Beiträge aus den Sparkassen=Zinsüberschüssen namentlich für Straßen= und Wegebauten sehr gut brauchen können. Gerade für diesen Zweck sind viele Hunderttausende aufgewendet worden. Man muss aber auch sagen, dass Herne über hübsche, breite Straßen verfügt, mit denen es sich mit allen Nachbarstädten messen kann.

Wohl mit Rücksicht auf die ständig steigende Arbeiterbevölkerung, unter der sich auch viele Ausländer befinden, ist die Regierung dazu übergegangen, für Herne die königliche Polizei einzuführen. Diese hat indessen noch keinerlei Ursache gehabt, irgendwie einzuschreiten. Wir haben eine friedliche, arbeitsame Bewohnerschaft, und die Vorgänge, die sich bei Gelegenheit des Bergarbeiterstreiks im Juni 1899 auf der Bahnhofstraße und in der Schulstraße abspielten, werden sich hoffentlich nicht wiederholen. Bei dem damaligen Zusammenstoße zwischen der Polizei und einer Anzahl jugendlicher Streikenden wurden von der Polizei mehrere Personen erschossen oder schwer verletzt.

Seitdem bewegt sich in Herne alles in ruhigen Bahnen: Nur in unserem Stadtparlamente kam es oft zu kleinen Plänkeleien, die sehr unerfreulicher Natur waren und sich bis in die neueste Zeit fortgesetzt haben. Nicht, dass es sich um Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Magistrat und dem Stadtverordnetenkollegium gehandelt hätte, nein, durchaus nicht, es kam in der Hauptsache nur ein Stadtvater in Frage, der mit der Geschäftsleitung der städtischen Verwaltung unzufrieden sein zu müssen glaubte. Selbst das Ausscheiden des Oberbürgermeisters Schaefer, mit dem er wiederholt Konflikte hatte, konnte seine Meinung nicht ändern.

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In der Abschiedsrede des Herrn Stadtoberhauptes Schaefer, die er am 2. September 1907 hielt, sagte er unter anderem:

"Meine Herren! Ich danke allen denen, die mir in diesen Jahren irgendeine Freundlichkeit und Liebe erwiesen haben. Seien Sie überzeugt, dass Sie in meinem Herzen unvergessen bleiben werden. Als ich vor 28 Jahren von Ueckendorf-Gelsenkirchen wegging, da begegnete mir auf der Straße eine alte Frau, die ich bei irgend einer Gelegenheit mal unterstützt hatte. Sie wollte mir ihre Dankbarkeit beweisen und sagte zu mir: „Ach, nun gehen Sie ja weg, das tut vielen leid. Freilich, es gibt auch welche, die freuen sich darüber.“ Und, meine Herren, so wird's auch hier sein und es wäre wunderbar, wenn es nicht so wäre. Nur wünsche ich mir, dass die Zahl derjenigen, die sich über meinen Weggang freuen, nicht allzu Groß ist..... Auf mich trifft das Dichterwort zu: „In den Ozean segelt mit tausend Masten der Jüngling, still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis.“ Ein anderes Dichterwort aber sagt: „Und neues Leben blüht aus den Ruinen!“ Meine Herren! Der alte Schaefer geht, aber hier bleibt der, den die Vertreter der Bürgerschaft in einmütiger Wahl ihres Vertrauens erwählt haben, der Erste Bürgermeister Dr. Büren. Ich weiß, die Stadt Herne fährt gut unter ihrem neuen Ersten Bürgermeister. Wer auch immer ein Geschäft aufgibt, der legt Wert darauf, dass nach ihm dasselbe in gute Hände kommt. Die Stadt Herne ist gut in den Händen des neuen Leiters aufgehoben! Ihm gilt mein Hoch!"

Was damals der Scheidende, der Herne's Ehrenbürger geworden ist, vorher gesagt hat, ist in vollstem Maße eingetroffen. Die städtische Verwaltung von Herne hat eine gute Nachfolgerschaft erhalten. ganze Männer mit weitem Blick und Verständnis für alle Bedürfnisse des so großen, aufblühenden Gemeindewesens.

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Quellen