Spaziergänge eines Dortmunder Lokalreporters 1904


Im Sommer 1904 versuchte der Staat durch einen geheimen Erwerb von Aktien eine - heute würde man von einer feindlichen Übernahme sprechen - Aktienmehrheit der Hibernis AG zu erreichen. Scheibchenweise kam das Unternehmen ans Tageslicht. Ein interessanter Bericht im General-Anzeiger für Dortmund am 27. August 1904 [1] fürt den Reporter in die Stadt Herne. Bevor Sie weiterlesen: Das Unternehmen scheiterte am 27. August 1904 in einer Aktionärsversammlung in Düsseldorf.[2]

Spaziergänge eines Dortmunder Lokalreporters.

Reise nach dem Kriegsschauplatz.

„Eine weltbewegende Schlacht steht unmittelbar bevor“, erklärte der Chefredakteur des General=Anzeigers, „Sie müssen sofort nach dem Kriegsschauplatz aufbrechen, Herr Spaziergänger!“
„Meinen Sie, dass ich noch hinkomme, ehe die Festung gestürmt ist, Herr Chefredakteur?“
„Das versteht sich, Samstag erst ist die Kapitulation und heute haben wir Donnerstag; hüpfen Sie morgen früh mal hinüber und interviewen Sie den Generalgewaltigen!“
„Großer Gott, Sie sagen hinüberhüpfen, wohin soll ich denn eigentlich?“
„Nun, wohin sonst, als nach Herne!"
Mir fiel eine Zentnerlast aufs Herz. Nein, lieber noch nach Port Arthur! Ich habe nämlich, im Vertrauen gesagt, in Herne schon einmal räsonable Senge bekommen, und das war vor 8 Jahren, als die polnischen Pferdejungen auf „Shamrock“ Krieg machten und das Militär von Münster kommen musste. Ich stand damals in Ausübung meines Reporterberufes beim Wirt Schlenkhof an der Ecke, als die Gendarmerie einen Vorstoß gegen die johlende Menge machte. Im Nu war ich im wildesten Gedränge und hatte das peinliche Gefühl, als ob mir die Gendarmen mit der flachen Klinge fortwährend links und rechts auf die Schulterblätter schlügen. Es war auch wirklich so gewesen, wie ich nachher an meinen dicken Striemen deutlich bemerken konnte. Die Gendarmen schlagen bei solchen Gelegenheiten nicht auf die sündhaftesten, sondern auf die dicksten und breitesten Schultern. Ich wollte mich damals beschweren, aber mein Rechtsanwalt, ein vernünftiger Mann, riet mir davon ab; er meinte, da sei nicht viel zu machen, denn nach dem preußischen Landrecht müsste ich die Prügel, die ich bekommen, auch behalten. Das ist sicher eine mangelhafte Gesetzgebung, aber ich beruhigte mich dabei. Mein Kollege von der „Rheinisch=Westfälischen Zeitung“, der auch etwas abgekriegt hatte, ging in seinem Blatte dagegen an und hatte den Erfolg, zu 600 Mark und in die Kosten des Verfahrens verurteilt zu werden.
Meine Leser können sich hiernach denken, wie ungern ich zum zweiten Mal auf den Herner Kriegsschauplatz ging. Aber ein Berichterstatter muss wie ein Unteroffizier auf Kommando einschwenken.
„Du solltest Dich unkenntlich machen“, dachte ich, und steckte mir alle Taschen voll von der Rheinisch-Westfälischen Zeitung, so dass sie recht in die Augen fiel, und jedermann mich für einen Aufsichtsrat von Hibernia ansehen musste.
In Herne angekommen, betrachtete ich mit Wehmut das alte, wurmstichige Bahnhofsgebäude. „Deine Tage sind gezählt“, sagte ich: „wenn Hibernia verstaatlicht und die königliche Bergwerksdirektion nach hier verlegt ist, werden die höchsten Staatsbehörden Herne mit ihrem Besuch beehren und das hält der alte Bahnhof nicht aus. Im Handumdrehen hat Herne einen neuen, ganz auf Staatskronen, ohne jeden Zuschuss, aber die Herner wollen ja von ihrem Glück nichts wissen!“
Während ich so simulierte, trat der Bahnhofsvorsteher auf mich zu. „Herr, was lungern Sie noch hier auf dem Bahnsteig umher, Sie haben wohl keine Fahrkarte und können nicht durch die Sperre?“
Einige Herner Bürger, die mit finsteren Mienen und dicken Knotenstöcken im Wartesaal gesessen hatten — wahrscheinlich warteten sie auf Möllers[3] Ankunft — traten nun auch näher. Da hieß es klug sein. Ich zeigte mein Billet und sagte nachdrucksvoll: „Herr Vorsteher, ich habe diesen alten Bahnhofsstall nur deswegen mit Interesse betrachtet, weil er die Frage in mir anregte, wie es möglich ist, dass ein Staat, der seine eigenen Geschäfte so liederlich im Stande hat, noch fremde dazu kaufen will.“
„Herr“, erwiderte der Vorsteher, „ich lasse Sie wegen Verächtlichmachens von Staatseinrichtungen augenblicklich verhaften, wenn Sie sich nicht fortscheren!
Ich ging; die Herner Bürger aber ließen jetzt jeden Verdacht gegen mich fahren und warfen mir billigende Blicke zu.

Die Stadt Herne bot trotz der kriegerischen Zeiten einen ruhigen, alltäglichen Anblick dar, aber es gährte unter der Oberfläche. Ein Junge, der neben der Obstbude gegenüber dem Bahnhofseingange blaue Pflaumen aus einer großen Tüte aß, knickte plötzlich wie ein Taschenmesser zusammen und hielt sich schmerzbewegt den Bauch.
Aha, dachte ich, das ist auch ein Sinnbild der Verstaatlichung.
Ich wandte meine Schritte zur Zeche Shamrock, um den Generaldirektor, Herrn Bergrat Behrens zu interviewen. Ich erkundigte mich beim Portier nach ihm. „Krank“, erwiderte der Mann mürrisch, „drei Ärzte sind bei ihm. Er hat die Gelbsucht!“
„Nicht möglich!“, versetzte ich bestürzt, „das kommt wohl von der Aufregung über die Verstaatlichung? Er hatte aber auch einen sehr schönen Posten.“
Als der Portier meine Anteilnahme bemerkte, taute er auf. „Es ist nicht darum, dass er seinen Posten verliert“, murrte er, „ein so tüchtiger Mann, der seinen Kram so großartig in Ordnung hält, kann seine Füße unter jeden Tisch stecken. Es ist die Niedertracht und Heimtücke guter Freunde, die ihm die Gelbsucht an den Hals geärgert hat.“
„Wieso?“
„Vor anderthalb Jahren war Minister Möller als Gast beim Herrn Bergrat und wir haben ihn herzlich empfangen mit Fahnen, Knappen= Deputationen und schönen Ansprachen. Ich habe unsern Festböller abgeschossen und zwei Finger meiner linken Hand dazu, alles dem hohen Gast zu Ehren. Und der Herr Bergrat waren überglücklich über den hohen Besuch und exzellenzten hinten und exzellenzten vorne und zeigten dem langen Menschen mit dem knifflichen Gesichte alles, was Hibernia an großartigen Einrichtungen, an Kohlen und Vermögen hatte. Und der Minister lachte immer so fett dabei, kniff die Kinnbacken zusammen wie ein Nussknacker und meinte zu unserm Herrn Bergrat: „Sie sitzen hier ja schön im Fett!“ Nachdem er alles ausgekundschaftet hat, was tut nun der lange Jesuiviter? Kauft heimlich die Aktien von Hibernia auf und will seinen Gastfreund aus dem Fetttopf werfen. Gar nichts hätte der Herr Bergrat ihm zeigen sollen, in den Schacht hätte man——“
„Um Gotteswillen, Herr Portier“, unterbrach ich ihn, „Sie reden sich ja um Ehre und Reputation bei ihrem neuen Chef.“
Damit verließ ich den braven Mann und dachte über das Wesen der anstellenden Krankheiten nach Minister Möller hat die Geldsucht und Bergrat Behrens kriegt davon die Gelbsucht.
In der Wirtschaft gegenüber dem Zecheneingang saß ein alter Hauer und starrte nachdenklich in sein leeres Schnapsglas.
„Alterchen“, fragte ich, und setzte mich zu ihm, „Sie sollen nun auch verstaatlicht werden?“
„Jo Här, dat sall wuol sien, sä segget et jo ale.“
„Nächsten Samstag wird ja die Sache entschieden.“
„Jo Här, dann maut dat wuoll siene Richtigkeit hewen.“
„Wie denken Sie darüber?“
„Jo Här, wat wäit ek, ek wäit vürl un et wäit gar nix.“
„Und was sagt denn Ihr Steiger dazu?"
„Jo, Här, dä Beamten, dä freit sik jo wuol ürwer dä Verstaatlichung, weil sä Pensiohn kriet un nich wägjaget wären könnt.“
„Und was sagen die Bergleute?“
„Dä segget gar nix.“
„Glauben Sie, dass sie es nach der Verstaatlichung besser kriegen werden?“
„Jo, Här, wat wäit ek? mien Kumpel, dä im Saarbrückenschen wiäst es, siet, vie hätt nix un tritt nix.“
„Na, dann adjüs ok!“

Ich ging zum Rathaus, um den Bürgermeister zu sprechen. „Sie kommen zu spät,“ sagte der Portier, „der Herr Bürgermeister hat soeben sein Bureau verlassen, dort geht er über die Straße.“
„Was, der da in Uniform, mit dem Degen? er will den Streit doch nicht durch ein ritterliches Turnier mit Minister Möller ausfechten!“
„Ach was,“ erwiderte der Portier, „Möller ist ja gar nicht Soldat gewesen; den Sie im Auge haben, das ist ja unser Polizeikommissar.
Ja, ja, wenn der lange Möller noch Reserveoffizier wäre, so könnte sich der Herner Bürgermeister, der Major ist, wenigstens kameradschaftlich mit ihm verständigen, aber er ist ja auch rein gar nichts.
Ich wagte mich auch in die Höhle des Löwen, in die Wirtschaft des Herrn Jean Vogel, der in der Volksversammlung so energisch gegen die Verstaatlichung gesprochen hat. Alle Tische waren besetzt und die Unterhaltung wogte lebhaft hin und her.
„Allein durch den Fortzug des Bergrats Behrens verliert die Stadt 15.000 Mark Steuern jährlich.“
„Ja, er hat wohl ein Einkommen von 200000 Mark"
„Aber will er denn nicht hier wohnen bleiben?" Herr Schultes“
„Wohnen bleiben soll er hier auch und zusehen, wie die jungen Assessoren sein schönes Werk verhunzen?"
„Und was Hibernia alles für die Stadt getan hat! Bei allen freiwilligen Sammlungen der Bürgerschaft war sie immer vorauf — und wie sie uns in der Kanalisationsfrage unterstützt hat — und die großartigen Löhne, die sie Beamten und Arbeitern zahlt. Ist's wahr, Herr Meyer?“
„Was haben wir eigentlich vom Fiskus bisher gehabt? — rein gar nichts! Bis aufs Blut gepeinigt hat er uns bei allen unsern Bausachen, obwohl wir so wie so nicht aus, noch ein wussten und die benachbarten armen Zechendörfer noch mit auf dem Halse hatten. Jetzt will er uns schlecht besoldete königliche Beamte nach hier setzen, die nur von der Hälfte ihres Einkommens Steuern bezahlen und dabei noch die doppelten Ansprüche eines gewöhnlichen Sterblichen an Schulen und sonstige kommunalen Einrichtungen erheben. Ich frage Sie blos, Herr Möller!“
„Der Dortmunder General=Anzeiger redet allerdings hohe Töne; ob er uns für den Ausfall aufkommen wird?“
„Meine Herven“, warf ich ein, indem in der Aufregung mein Inkognito ganz beiseitesetzte, „verlassen Sie sich nicht auf den General=Anzeiger, der hat selbst nicht mehr viel, weil alle Augenblicke ein Bergmann in den Schacht fällt.“
Da sahen mich die Gäste so misstrauisch an, des ich es vorzog, schnell zu verduften.
Ich setzte nun die Hacke bei Schlenkhof, Hernes erstem Gasthofe, unter. Neben mir, am große runden Honoratiorenstammtisch erscholl auch eitel Kriegsgeschrei. Ein dicker Herr, der ein fettes Blinken um den Mund hatte, so dass ich ihn für eine Schmieröllieferanten hielt, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Wo bleibt das Christentum und die Moral, wenn der Staat die heiligste Familienbande zu zerreißen wagt?“
„O Gott,“ dachte ich, „was ist der lange Möller doch für ein schlechter Mensch und dem habe ich bisher die Stange gehalten!“
„Ja“, fuhr der dicke Herr fort, „Sie wissen, das mein Onkel Aufsichtsrat in drei Bergwerksgesellschaften ist. Infolgedessen liefere ich dort Schmieröl, mein Bruder die Treibriemen, mein Vetter die Maschinen, mein Schwager das Holz, und da will nun der Staat mit rauer Hand eingreifen und vielleicht wildfremde Menschen zu Lieferungen heranziehen? Es ist zum Heulen!"
„Gestatten Sie", warf ich ein, indem ich aufstand und mein Taschentuch zog, „dass ich mit heule?“
„Na nu“, rief der Redakteur der „Herner Schnellpost", der auch mit am Stammtisch saß, „das ist ja der Spaziergänger des Generalanzeigers, auf ihn! Schindet ihn, brennt ihn, mordet ihn, piff, paff, puff!“
Ich entfloh nach dem Bahnhofe, verfolgt von Gästen, Kellnern und Hausknechten.
Sicher hätte mein Geschick sich in Herne zum zweiten Male erfüllt, wenn meine Verfolger nicht am Bahnhof durch einen gewaltigen Menschenauflauf abgelenkt worden wären. Ein furchtbarer Tumult war hier im Gange. „Wir haben ihn, wir haben den Möller!“ schrie man. Ich mischte mich unter das erregte Volk und sah zu meinem Entsetzen, dass man einen hageren Mann lynchen wollte, den die Polizei beschützte.
Unbemerkt gelangte ich in meinen Zug und saß da schweißtriefend und keuchend.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich war gerettet! Da wurde die Tür meines Abteils aufgerissen und kräftige Polizeifäuste hoben eine geknickte Gestalt hinein. Wahrhaftig, ich täuschte mich nicht— es war mein Freund Möller aus Dortmund. Er war es, der von der Menge fast gelyncht worden wäre. Wahrscheinlich hatte er an der Theke des Wartesaals in seiner bekannten gewichtigen Weise gesagt: Ich bin Möller, der bekannte und vielgenannte Staatsinnungsmann! Und da hatten ihn denn die blindwütigen Bürger für den Staatsmann Möller gehalten, der nach Herne gekommen war, um dem besiegten Gegner den Fuß auf den Nacken zu setzen. Gemeinsam durchlebte Gefahren führten unsere Herzen zusammen—
In den Armen lagen sich beide
Und weinten vor Schmerzen und Freude.

Verwandte Artikel

Anmerkungen