Sodingen während der Ruhrbesetzung

AUS DEN LEIDENSTAGEN DES AMTES WÄHREND DER BESATZUNGSZEIT DURCH DIE FRANZOSEN.


Button-DGB-Geschichtswerkstatt.png
Zurück zur Themenübersicht

Am 25. Januar 1923 wurden im Amt Sodingen die Gemeinden Sodingen und Börnig von den Franzosen besetzt. Am 22. Februar mussten bis 12 Uhr sämtliche kath. Schulen in Sodingen und die Bonifatiusschule in Börnig geräumt sein. Am 23. wurden alle Schulen besetzt. Die Kinder erhielten nur dürftigen Unterricht. Die Klassen wurden auf die Bismarckschule, und als auch diese besetzt war, auf die Peter- und Paulschule verteilt. Drei Klassen mussten sich während der Besatzungszeit mit einem Klassenzimmer behelfen.

Der 5. März brachte die V e r h a f t u n g u n d A u s w e i s u n g von Herrn Amtmann Wiethoff, angeblich, weil er die Namen der Vereinsvorsitzenden nicht nennen wollte; in Wirklichkeit aber, weil man ihn als den Amtsleiter seines passiven Widerstandes wegen beseitigen wollte. Die Ausweisung dauerte fast ein ganzes Jahr. Am folgenden Tage war von 11 bis 12 Uhr Proteststreik der Beamten, Lehrer, Geschäftsleute und der Belegschaft der Zechen. Am 21. März wurde Herr Postmeister Grove verhaftet, weil er von der Besatzungsbehörde verbotene Zeitungen hatte austragen lassen. In der Nacht vom 25. zum 26. April waren in Börnig die Telephonleitungen zerstört.

Dafür verhaftete die Besatzungsbehörde den Vorsteher, Herrn Sehrbrock, setzte ihn aber am 2. Mai wieder auf freien Fuß. Die Besetzung der Zeche Mont-Cenis am 3. Juni führte erneut zu einem Proteststreik. Am 26. Juni war vor dem Kriegsgericht in Dortmund eine Verhandlung gegen den Bürodirektor Herrn Gilsbach, weil er beim Einkauf für das französische Kasino die Mithilfe versagt hatte. Sie führte zu einer Bestrafung mit 4 Monaten Gefängnis, der sich Herr Gilsbach durch Flucht in das unbesetzte Gebiet entzog. Drückender noch lagen auf der Gesamtbevölkerung die Verkehrssperren, welche den Verkehr mit dem unbesetzten Gebiet unmöglich machten.

Das Eisenbahnunglück auf der Strecke Duisburg-Hochfeld, bei dem 18 französische Soldaten den Tod fanden, führte zu der Verkehrssperre, die bis zum 26. Juli dauerte. Eine zweite Verkehrssperre dauerte vom 13. August bis 16. September. Als im September von der Reichsregierung der passive Widerstand aufgegeben wurde, nahten bald für unser Amt ruhigere Tage.

Die Besatzung rückte in Sodingen und Börnig am 15. Januar 1924 und in Holthausen am 25. Januar 1924 ab.

Am 22. November wurde die Marienschule wieder für den Unterricht freigegeben, und am 22. Februar 1924 konnte auch in der Kaiser-Wilhelm-Schule wieder unterrichtet werden, nachdem sie über ein Jahr ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen war. In der Nacht vom 8. zum 9. September hörten an der Ostgrenze des besetzten Gebietes die Zollkontrollen auf, womit auch für Ein- und Ausreisende die Kontrolle ein Ende hatte. Die Besatzung war beendet, die Tage der Leiden waren abgekürzt, aber vor uns lag ein weites Trümmerfeld. Unsere Währung war zerfallen. Viele, die früher gern Hilfsbedürftigen halfen, waren auf die Hilfe anderer angewiesen.

Der Historische Verein Herne/Wanne-Eickel e. V. veröffentlicht diesen Artikel/Text, dieses Zitat, wortwörtlich (sic!). Jedoch weisen wir darauf hin, dass dieser Text nur im Zusammenhang seiner Entstehungszeit zu betrachten und kritisch zu hinterfragen ist. Nach wie vor hat er aber einen lokalgeschichtlichen Wert. Als historisches Dokument stellt er einen Diskussionsbeitrag dar, der heutige Sichtweisen bestätigen oder ergänzen kann.




Siehe auch

Quellen

Quelle: Knöll, Heinrich (Bearb.): Deutschlands Städtebau: Herne i.W. Berlin 1928