Knöll 1922 - Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht VII

Der Nachfolgende Artikel stammt von Stadtbaurat Heinrich Knöll und wurde in seinem Buch "Deutscher Städtebau - Herne i. Westfalen" auf den Seiten 8-26 abgedruckt.
Der Historische Verein dankt seinem Enkel Heinz-Dieter Knöll für die Abdruckgenehmigung herzlich. Der Artikel Knölls spiegelt die damalige Lage der Stadt dar und zeigt doch, dass sich die Themen grundsätzlich nicht geändert haben.

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Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht.

Von Beigeordneter und Stadtbaurat KNÖLL.

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6. Die Verkehrsverhältnisse der Stadt Herne.

a) Die Post.

Die älteste Verkehrseinrichtung der Stadt Herne ist die Post. Zum ersten Male im Jahre 1835 erhielt die damalige Gemeinde Herne durch einen einmaligen Botengang von Bochum aus eine regelmäßige Postverbindung. Ein Jahr später wurde eine Personenpost über Herne nach Recklinghausen eingerichtet. Die fortschreitende Entwicklung machte im Jahre 1872 die Umwandlung der im Jahre 1848 in Herne eingerichteten Postexpedition II. Klasse in eine Postverwaltung erforderlich. Im Jahre 1896 wurde diese in ein Postamt I mit einem Direktor als Leiter umgewandelt. 1884 wurde eine besondere Telegraphen-Betriebsstelle eingerichtet, im Jahre 1885 die ersten Fernsprechanschlüsse vorgenommen und im Jahre 1894 ein besonderes Fernsprech-Vermittlungsamt, sowie die öffentliche Fernsprechstelle eingerichtet.

Die Diensträume waren im Laufe der Zeit in verschiedenen Gebäuden untergebracht, bis sie im Jahre 1910 in das jetzige, in der Nähe des Rathauses errichtete große Postgebäude verlegt wurden.

Während sich die Zahl der Brief-Ein- und Ausgänge in der Zeit von 1880 bis 1910 verzwanzigfacht, die Zahl der Telegrammeingänge vervierfacht, der Telegrammausgänge versechsfacht, der Beamten verzehnfacht hat, haben sich im gleichen Zeitraum die Geldeinzahlungen verachtfacht und die Geldauszahlungen verzehnfacht. Die Zahl der Fernsprechanschlüsse ist in der gleichen Zeit von 6 auf 963 und bis zum Jahre 1921 auf 1207 gestiegen. In der Zeit von 1910 bis 1921 ist eine weitere Steigerung des Postverkehrs zu verzeichnen. So z. B. haben sich in diesem Zeitraum die Telegramm-Ein- und Ausgänge mehr als verdoppelt.

b) Die Eisenbahnen.

Die rasche Entwicklung der Stadt Herne ist nicht zuletzt auch auf seine günstigen Verkehrsverhältnisse zurückzuführen, die in ihren Anfängen beim Einzug des Bergbaues bereits vorhanden waren. Stellte schon die Erbauung der Provinzialstraße von Elberfeld nach Dorsten in den Jahren 1839 bis 1842 für Herne eine wesentliche Verkehrsverbesserung dar, umso mehr musste es durch die im Jahre 1847 erfolgte Inbetriebnahme der Eisenbahn von Köln nach Minden und deren Führung über Herne an Bedeutung gewinnen, zumal die eingelegte Bahnstation als nächste Eisenbahnverbindung für Bochum „Herne-Bochum" benannt wurde, weil Bochum noch keine Eisenbahnlinie hatte. Im Jahre 1873 erhielt Herne in der zwischen den Stationen Herne und Wanne neben der Hauptlinie herlaufenden Emschertalbahn eine zweite Eisenbahnverbindung nach Dortmund, und zwar über Castrop. Von 1872 bis 1896 hatte Herne eine direkte Eisenbahnverbindung über Riemke nach Bochum. Auf dieser Linie lief zuletzt ein sogenannter Thomaswagen, der Lokomotive, Tender und Personenabteile in zweistöckiger Bauart in sich vereinigte. Die Stilllegung des Personenverkehrs erfolgt nach Fertigstellung der Straßenbahn Herne-Bochum. Die ehemals von Privatleuten erbauten Eisenbahnen wurden später verstaatlicht. Der wachsende Eisenbahnverkehr hat einen Umbau der Bahnhofsanlagen erforderlich gemacht. Nach langen Verhandlungen wurde im Jahre 1914 damit begonnen. Durch den Kriegsausbruch konnte aber erst im Jahre 1917 die Fertigstellung erfolgen. ´ Die Zahl der verkauften Fahrkarten betrug im Jahre 1890 rund 170 000, 1910 rund 800 000 und 1921 rund 1 400 000 Stück. Die Wageneinläufe betrugen im Jahre 1890 rund 100 000, 1910 rund 400 000 und 1921 rund 340 000 Tonnen, die Wagenausgänge 1890 rund 1 400 000, 1910 rund 2 600 000 und 1921 rund 2 000 000 Tonnen. Durch diese Zahlen wird die heutige Bedeutung der Stadt Herne als Kohlen- und Metall-Industriestadt treffend bewiesen. In der Planung sind begriffen: eine durchgehende Eisenbahnverbindung in der Nord-Süd-Richtung von Bochum über Herne nach Recklinghausen, eine Eisenbahnverbindung von Herne über Lüdinghausen, Lünen nach Münster, sowie eine Eisenbahn von Herne nach Langendreer.

c) Die Straßenbahnen.

Herne hat 6 Straßenbahnlinien, die bis zum Jahre 1921 an verschiedenen Stellen des Stadtgebiets geendigt haben.

Als älteste Straßenbahn ist die in südlicher Richtung erbaute Straßenbahn von Herne nach Bochum anzusehen. Sie wurde von einem von der Provinz Westfalen, dem Stadt- und Landkreis Bochum gegründeten Konsortium mit je 1/3 Anteil am 21. November 1894 dem Betrieb übergeben. Bei Ausscheiden der Stadt Herne aus dem Verbande des Landkreises Bochum erhielt die Stadt den auf sie als kreisangehörige Stadt entfallenden Anteil von 33/4 v. H., um den sich dann der Anteil des Landkreises Bochum verringerte. Die Straßenbahn Herne-Bochum endigte in Herne in der Bahnhofstraße, Ecke Vinckestraße.

Die nächstälteste Straßenbahnlinie ist die am 25. Februar 1898 dem Verkehr übergebene und bis zum Jahre 1921 am Bahnhof in Herne endigende Straßenbahn von Herne nach dem nördlich gelegenen Recklinghausen, an der die Städte Herne und Recklinghausen je zur Hälfte beteiligt sind. Am 20. Dezember 1906 wurde in östlicher Richtung die Straßenbahn von Herne nach Sodingen in Betrieb genommen und am 1. Juli 1910 bis Castrop durchgeführt. Die ursprüngliche Endstrecke in Herne durch Heinrichstraße, Neu- und Brunnenstraße wurde im Jahre 1910 wegen zu geringer Benutzung wieder aufgegeben und dafür die Straßenbahn in der Schulstraße weitergeführt und die Endstelle in die Vinckestraße verlegt. An dem Unternehmen sind beteiligt die Stadt Herne mit 50 v. H., die Stadt Castrop und die Gemeinde Sodingen mit je 20 v. H. und die Gemeinde Börnig mit 10 v. H.

Am 16. Januar 1908 in Betrieb genommen, stellte die vom Landkreis Gelsenkirchen und den zum Landkreis Bochum gehörenden Gemeinden Baukau und Hordel erbaute und seit dem Jahre 1913 an die Westf. Straßenbahn G. m. b. H. verpachtete Kommunale Straßenbahn von Herne über Eickel nach Höntrop die Verbindung nach dem Westen her. Die Endstelle dieser Straßenbahnlinie war bis zum Jahre 1921 die Friedrichstraße an ihrer Einmündung in die Bahnhofstraße. Nach Eingemeindung der Gemeinde Baukau nach Herne ist der Anteil der ersteren von 18 v. H. an die Stadt Herne übergegangen.

Zur Aufschließung der an der südöstlichen Grenze des Stadtgebietes an der Schachtanlage IV/V der Gewerkschaft Constantin der Große entstandenen Siedlung wurde am 11. November 1907 eine weitere Straßenbahnlinie bis zur Endstelle an der evangelischen Kirche an der Einmündung des Steinweges in die Bahnhofstraße erbaut und von der Westfälischen Straßenbahn G. m. b. H. übernommen. Im Jahre 1909 wurde diese Straßenbahn bis nach Gerthe verlängert.

Als 6. und letzte der von Herne aus strahlenförmig ausgehenden Straßenbahnen ist im Jahre 1913 unter Übernahme der Bürgschaft durch die Stadt Herne von der Westfälischen Straßenbahn die Linie von Herne in nordöstlicher Richtung über Horsthausen nach Pöppinghausen erbaut und in Betrieb genommen worden. Die ursprünglich geplante Weiterführung nach Bladenhorst und Einmündung in die bestehende Straßenbahn über Bahnhof Rauxel, Habinghorst nach Henrichenburg musste wegen Ausbruch des Krieges verschoben werden. Die Straßenbahn endigte in Herne bis zum Jahre 1921, wie die Straßenbahn Herne-Sodingen-Castrop, ebenfalls in die Vinckestraße an deren Einmündung in die Bahnhofstraße.

Die Endigung der vorgenannten 6 Straßenbahnlinien an 5 verschiedenen Stellen des Stadtgebiets hatte für die Bevölkerung große Nachteile, weil ein Übergang von einer zur anderen Linie nicht möglich und nur eine Straßenbahn bis an den Bahnhof herangeführt war. Es ist deshalb als ein erheblicher Fortschritt zu verzeichnen, dass es der Herner Stadtverwaltung nach langen, mühevollen Verhandlungen im Jahre 1921 gelungen ist, dass die beteiligten 4 Straßenbahngesellschaften, sowie die an diesen beteiligten Gemeinden und Gemeindeverbände der Zusammenführung sämtlicher Straßenbahnlinien und der Durchführung des Gemeinschaftsbetriebes in Herne zugestimmt haben. Durch Einbau einiger Gleisverbindungen und Weichen wurde unter weitgehendster Benutzung der vorhandenen Gleisanlagen neben der Zusammenführung sämtlicher Straßenbahnen der zweigleisige Ausbau auf der Bochumer- und Strünkederstraße von der evangelischen Kirche am Steinweg bis zur Endstelle des Dortmund-Ems-Kanals erreicht.

Am 21. Dezember 1921 fand die landespolizeiliche Abnahme und gleichzeitig die Betriebseröffnung statt. Nur die Wagen der Straßenbahn Herne-Recklinghausen fahren bis zu ihrer neuen Endstelle in der Vinckestraße. Die Wagen sämtlicher übrigen Linien fahren in süd-nördlicher Richtung durch die Schulstraße und in nordsüdlicher Richtung durch die Bahnhofstraße. Die Wagen der Straßenbahn Herne-Bochum und Herne-Sodingen-Castrop haben ihre Endstelle am Empfangsgebäude, während die Straßenbahn-Linien nach Höntrop und Gerthe miteinander verbunden sind, die Wagen also von Höntrop nach Gerthe und umgekehrt über Herne durchfahren. Die Wagen der Straßenbahn Herne—Röhlinghausen fahren in einer Schleife durch die Bahnhofstraße bis zur evangelischen Kirche und durch die Schulstraße zurück.

Gleichzeitig mit der Durchführung des Gemeinschaftsbetriebs in Herne wurde durch den Bau und die Inbetriebnahme der Strecke Eickel II-Wanne das fehlende Verbindungsstück für eine Straßenbahnverbindung von Herne nach Bahnhof Wanne hergestellt, die mit Rücksicht auf die derzeitigen ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse vorerst genügen muss.

d) Die Wasserstraßen.

Dem gewaltigen Aufschwung der im Emschertal angesiedelten Kohlen- und Eisenindustrie waren bereits in den 80er Jahren die vorhandenen Eisenbahnen nicht mehr gewachsen. Zur Bewältigung des riesenhaft anwachsenden Massengüterverkehrs konnten auch die Bahnanlagen nicht ins Uferlose erweitert werden. Deshalb wurde, dem Drängen der Industrie, die eine Wasserstraßenverbindung mit der Nordsee und dem Rhein forderte, nachgebend, durch Beschluss des damaligen Abgeordnetenhauses vom 25. Mai und 10. Juni 1886 die Staatsregierung ermächtigt, den Bau einer Kanalstrecke von Dortmund bzw. Herne nach der unteren Ems in Angriff zu nehmen. Fälschlicherweise wurde der Kanal „Dortmund-Ems-Kanal" benannt, obwohl die Hauptstrecke in Herne beginnt und Dortmund nur durch einen Stichkanal angeschlossen ist.

Die in den Jahren 1893 bis 1896 erbaute Kanalstrecke von Herne bis Henrichenburg hat an ihrer Endstelle in Herne einen Hafen, der, hoch gelegen, bis zur Strünkederstraße reicht, an dem auch die Zeche Friedrich der Große I/II liegt. Während im Jahre 1911 im Hafen 193 Personendampfer, 1378 Schlepper und 1683 Segelschiffe mit insgesamt 52 000 Tonnen Fracht ankamen, verließen ihn im gleichen Zeitraum 1873 Schlepper, 1664 Segelschiffe mit insgesamt 480 000 Tonnen Fracht. Im Jahre 1921 gingen im Hafen 1846 Personendampfer, 1162 Schlepper und 1085 Schleppkähne mit 390 051 Tonnen ein und 1067 Schlepper und Segelschiffe mit 329 826 Tonnen Fracht aus.

Die Wasserstraßenverbindung mit dem Rhein wurde durch den im Jahre 1908 in Angriff genommenen und im Jahre 1915 dem Verkehr übergebenen Rhein-Herne-Kanal hergestellt. Südlich der Emscher angelegt, hat dieser Kanal östlich der nach Recklinghausen führenden Strünkederstraße eine Doppelschleuse, während er unmittelbar jenseits der nordöstlichen Grenze des Herner Stadtgebiets mit dem Dortmund-Ems-Kanal verbunden ist. Diese günstige Lage an zwei bedeutenden Wasserstraßen verbürgt der Stadt Herne eine weitere aufwärtsstrebende Entwicklung. Liegt doch der Kanal im Emschertal wie ein Riesenmagnet, der alles wirtschaftliche Leben anzieht. Wenn bereits heute im Süden des Industriegebietes, wo keine schiffbare Wasserstraße vorhanden ist, in der industriellen Entwicklung ein gewisser Stillstand festgestellt werden muss, während sich im Emschertal die bereits vorhandene Industrie fortgesetzt erweitert und neue Industrie ansiedelt, so ist das nicht zuletzt auf das Vorhandensein des Kanals zurückzuführen.

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