Knöll 1922 - Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht VI

Der Nachfolgende Artikel stammt von Stadtbaurat Heinrich Knöll und wurde in seinem Buch "Deutscher Städtebau - Herne i. Westfalen" auf den Seiten 8-26 abgedruckt.
Der Historische Verein dankt seinem Enkel Heinz-Dieter Knöll für die Abdruckgenehmigung herzlich. Der Artikel Knölls spiegelt die damalige Lage der Stadt dar und zeigt doch, dass sich die Themen grundsätzlich nicht geändert haben.

Aufgrund der Größe des Artikels ist dieser geteilt worden.

Häuser an der Nordstraße.
Schloß-Strünkede-Straße kurz nach der damaligen Fertigstellung
Horsthausener Bergmannssiedlung um 1922

Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht.

Von Beigeordneter und Stadtbaurat KNÖLL.

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5. Tiefbau, Städtereinigung, Stadtgarten und Friedhöfe. a) Der Straßenbau.

Über den Zustand der Straßen vor dem Jahre 1882, in welchem Jahre die damals vorhandenen Straßen Benennungen erhielten, schreibt der seit dem Jahre 1879 als Amtmann, später als Bürgermeister und Oberbürgermeister in Herne tätige, jetzt in Darmstadt im Ruhestand lebende Oberbürgermeister a. D. Schaefer in seiner „Geschichte der Stadt Herne 1912" Seite 88: „Früher waren die Straßen und Wege in Herne eigentlich nur hart und fest bei Frostwetter. In den übrigen Jahreszeiten half man sich mit dem Allheilmittel, der Kohlenasche. Man füllt die Löcher damit aus. Dieses Verfahren hatte zwei Vorzüge, nämlich die Einfachheit und die Möglichkeit, die Arbeit bald wiederholen zu können. „Die Verhältnisse lagen damals - etwa bis 1882 - ganz anders wie heute. Selbst die Geistlichkeit trug hohe Stiefeln und abends eine Laterne. Es waren meist knorrige westfälische Gestalten, denen man begegnete. Man nahm den Zustand der Wege hin wie der Orientale sein Kismet."

Diesen Missständen wurde in den folgenden Jahren aber arg zu Leibe gerückt. Als hauptsächlichste Befestigungsart wurde die Chaussierung, bestehend aus Ruhrkohlensandstein, Hochofenschlacke und Basaltkleinschlag, gewählt, während man mit der Wahl der gepflasterten Straßen noch zurückhaltender war. Die Erkenntnis, dass die chaussierten gegenüber den gepflasterten Straßen mehr Unter-haltungskosten verursachen und durch erhöhte Staubentwicklung die Straßenreinigung verteuert wird, ebenso gesundheitliche Gefahren geschaffen werden, hat dazu geführt, dass vom Jahre 1888 ab die gepflasterten Straßen mehr und mehr bevorzugt wurden.

Vor dem Jahre 1897 war das Verhältnis der chaussierten zu den gepflasterten Straßen 6,5 :1. Heute ist es 2,8:1. Hierbei sind allerdings die Fahrdämme der Bochumer, Bahnhof- und Strünkederstraße, die sich im Eigentum und in Unterhaltung der Provinz befinden, nicht berücksichtigt. Alles in allem sind heute in der Stadt Herne vorhanden: 113 705 qm Groß- und 18 336 qm Kleinpflaster, zus. 132 000 qm Fahrbahnpflaster (davon rd. 28 500 qm in Eigentum und Unterhaltung der Provinz), rd. 304 500 qm chaussierte Straßen, rd. 66 700 m Bordsteine, rd. 38 300 qm mit Platten und Mosaikpflaster befestigte Bürgersteige und rd. 115 900 qm Aschebürgersteige.

b) Der Der Kanalbau.

Bereits in den 90er Jahren wurden die ersten Straßenkanäle in Herne auf Grund von zwei, in den Jahren 1894 und 1896 aufgestellten Kanalisationsentwürfen ausgeführt. Die im Jahre 1904 durch Anlage eines neuen Tiefentwässerungsgrabens verbesserte Vorflut wurde gar bald durch eingetretene Bodensenkungen wieder gestört. Die Herstellung einer geordneten Kanalisation ist eben nur dann möglich, wenn auch die Vorflutverhältnisse geordnet sind. In dieser Hinsicht sah es aber bis kurz vor dem Kriege, wie in den übrigen rheinisch-westfälischen Industriestädten und -Gemeinden, so auch in Herne übel aus.

Die Emscher war von jeher der Hauptvorfluter (zugleich Gemarkungsgrenze) für das gesamte Herner Stadtgebiet. In ganz unregelmäßigem Verlaufe, zum Teil weitbauchige Schleifen bildend, führte sie ihre Wassermengen in ost-westlicher Richtung dem Rheine zu. Die durch den Bergbau in den letzten Jahrzehnten eingetretenen Bodensenkungen haben aber den Wasserabfluss stellenweise vollständig gestört. Durch den Zufluss der stark verunreinigten, teer- und giftstoffhaltigen Zechen- und Fabrikabwässer, vermehrt durch die ungeklärt eingeleiteten fäulnisfähigen häuslichen Abwässer aus den immer größer werdenden Gemeinden wurde außerdem das ehemals klare Emscherwasser derart verschmutzt, dass die darin lebenden Forellen allmählich eingehen und auch alle anderen Lebewesen absterben mussten. Die durch Vorflutstörungen infolge Bodensenkungen entstandenen Überschwemmungen führten zu solchen Missständen und gesundheitlichen Gefahren, dass nach langen schwierigen Verhandlungen durch Gesetz vom 14. Juli 1904 die Emschergenossenschaft ins Leben gerufen wurde. Dieser fiel die Aufgabe zu, unter Beteiligung der Bergwerke und anderer gewerblicher Unternehmungen, Eisenbahnen und sonstiger Anlagen, sowie der Gemeinden die Emscher und ihre Nebenbäche in ihrem ganzen Verlaufe durch das Industriegebiet bis zum Rheine unter Berücksichtigung der noch zu erwartenden Bodensenkungen zu vertiefen und zu begradigen. Im Jahre 1911 waren die Arbeiten so weit gediehen, dass die Emscher in das fertige neue Bett bei Koopshof im Nordwesten der Stadt eingeleitet werden konnte. Im Herbst 1912 war die ausgebaute Emscher bis Mengede fertiggestellt und in Betrieb genommen.

Bei einem Längsgefälle von 1 : 13 400 hat die neue Emscher im Herner Stadtgebiet eine Sohlenbreite von 5,80 m, eine Breite von 10,60 m zwischen den beiden Bermen und eine Breite von 25 bis 28 m in Geländehöhe. In der Längsrichtung ist auf den seitherigen Verlauf und die damit zusammenfallende Gemarkungsgrenze keine Rücksicht genommen. Größenteils in gerader Richtung, nur von wenigen sehr flachen Krümmungen unterbrochen, weicht sie von diesem stellenweise erheblich ah oder durchschneidet ihn. Die durch die ehemals ungeklärte Einleitung der Schmutz- und Regenwasser in die Emscher veranlassten Missstände wurden durch die Erbauung einer Kläranlage „Herne-Nord" westlich der Strünkederstraße und südlich der Emscher beseitigt. Da die Stadt Herne in ihrem überwiegenden Teile durch den Rhein-Herne-Kanal von der Emscher und der Kläranlage getrennt ist, müssen sämtliche Nebenvorfluter der Emscher mittels Dücker den Kanal unter dessen Sohle durchqueren. Mit dem Ausbau der Emscher wurde auch die Tieferlegung der für den weitaus größten Teil des Herner Stadtgebietes vorhandenen Nebenvorfluter, des Ost- und Westbaches, begonnen. Der bisherige Kanalisationsentwurf musste einer Umarbeitung unterzogen, der früher ausgeführte Tiefentwässerungskanal tiefer gelegt werden, wie auch für einige früher hergestellte Kanäle wegen der durch eingetretene Bodensenkungen gestörten Vorflut neue Vorfluter geschaffen werden mussten. Im Übrigen hat die in Herne ausgeführte Kanalisation den an sie gestellten Ansprüchen bisher genügt. Die gewählten und eingebauten Rohrweiten waren in der Lage, die ankommenden Wassermengen zu fassen und abzuführen.

c) Die Straßenreinigung und Müllabfuhr.

Die Straßenreinigung war von jeher Sache der Haus- und Grundbesitzer. Von 1895 ab erfolgte die Abfuhr des Straßenkehrichts auf Kosten der Gemeinde, während die Reinigung selbst den Anliegern belassen wurde. Mit der Einrichtung des städtischen Fuhrparkes am 1. Juli 1907 wurde auch die Straßenreinigung selbst von der Stadt übernommen. Nachdem im Jahre 1897 in Herne eine Ruhrepidemie aufgetreten war, wurden vom 1. Oktober 1903 ab zunächst durch einen Privatunternehmer und nach Einrichtung des städtischen Fuhrparks am 1. Juli 1907 durch diesen die häuslichen Abfallstoffe abgefahren. Der Fuhrpark, der außer der Straßenreinigung und der Müllabfuhr auch noch die Fäkalienabfuhr, d. h. die Fortschaffung der in Gruben gesammelten Fäkalien aus den nicht an die Kanalisation angeschlossenen Häusern, sowie die Abfuhr der mit der Bahn ankommenden Straßenbaustoffe, die Anfuhr der Heizstoffe für die städtischen Gebäude zu er-ledigen hat, wird bis jetzt mit Pferden auf einem angemieteten Grundstück betrieben. Durch die hohen Ausgaben für Futterkosten der Pferde ist jedoch die teilweise Umgestaltung des Städtische Siedlung an der Hafenstraße (errichtet 1920) Pferdebetriebes in den elektrischen Betrieb beschlossen worden. Die erforderlichen Fahrzeuge sind bereits bestellt und sollen bis Mitte November 1922 in Betrieb genommen werden. Gleichzeitig soll bis dahin der gesamte Fuhrpark nach dem zu diesem Zweck von der Stadt vor mehreren Jahren angekauften Düngelmannshof verlegt werden.

d) Der Stadtgarten.

Durch die fortschreitende industrielle Entwicklung wurden die, ehemals als kleine Wäldchen vorhandenen natürlichen Erholungsstätten immer mehr verdrängt. Deshalb wurde auf Grund eines Wettbewerbsausschreibens im Osten der Stadt der im Jahre 1906 begonnene und 1908 fertiggestellte, etwa 9 ha große Stadtgarten angelegt. Durch Anlage eines kleinen Teiches, Wiesen, Buschwerk und Blumenbeeten ist der Stadtgarten zu einem Fleckchen Erde geworden, auf dem man alle Sorgen des Alltags vergessen kann. Der starke Besuch beweist, dass er bis jetzt seinen Zweck voll und ganz erfüllt hat. Im Jahre 1909 wurde außerdem am Haupteingang von der Parkstraße aus das Stadtgartengasthausgebäude fertiggestellt, das sich mit seiner freundlichen äußeren Ausgestaltung seiner Umgebung anpasst. Gleichfalls am Haupteingang ist ein 1800 qm großer botanischer Garten für die Schulen angelegt worden. Ferner werden seit 1921 vor dem Haupteingang zwei Mustergärten betrieben, wo von städtischen Gärtnern der Herner Bevölkerung auf Wunsch unentgeltliche Ratschläge über Gemüsebau erteilt werden.

e) Die Friedhöfe.

Zu den Grünflächen und Erholungsstätten eines Stadtgebietes müssen auch die Friedhöfe gerechnet werden. Während die alten Friedhöfe,- wo kein anderes, für die Bebauung weniger geeignetes Gelände, wie z. B. ehemalige Festungsgürtel usw. zur Verfügung steht, die gegebensten Flächen für gärtnerische Anlagen sind, werden die neueren Friedhöfe von vornherein schon so angelegt, dass die eigentlichen Grabfelder von den Wegen aus kaum sichtbar sind. Der älteste Begräbnisplatz in Herne war der frühere evangelische Friedhof an der alten evangelischen Kirche. Er wurde bis 1850 benutzt und dient heute als Marktplatz. Im Jahre 1841 wurde von der evangelischen Kirchengemeinde ein neuer Friedhof an der Kirchhofstraße angelegt. Die Schließung erfolgte im Jahre 1883. Trotzdem werden auch heute noch Erbgruften belegt. Der dritte evangelische Friedhof an der Kirchhofstraße wurde mit Ausnahme von Erbgruften am 1. August 1905 für Bestattungen in Reihengräbern geschlossen. Über die Umgestaltung beider Friedhöfe in gärtnerische, der Allgemeinheit zugängliche Anlagen haben bereits Verhandlungen zwischen der Stadt und der evangelischen Kirchengemeinde stattgefunden.

Für die Leichen der katholischen Kirchengemeinde wurde im Jahre 1865 an der Marienstraße der erste Begräbnisplatz und nach dessen Schließung im Jahre 1891 an der Mont-Cenis-Straße ein zweiter Friedhof angelegt, der sich wie der erste ebenfalls als zu klein erwiesen hat und im Jahre 1907, abgesehen von Erbgruften, vollständig belegt war. Außerdem hat die israelitische Gemeinde im Jahre 1879 einen eigenen Friedhof an der Strünkederstraße angelegt, der noch etwa 70 Jahre ausreichen wird. Im Herbste 1904 wurde dann auf Kosten der Stadtgemeinde an der Wischerstraße im südöstlichen Stadtteil in einer vorläufigen Größe von 3,75 ha ein kommunaler Friedhof angelegt, auf dem am 1. August 1905 die erste Bestattung erfolgte und der die Bezeichnung „Südfriedhof" führt. Die Begräbnisfelder waren ursprünglich nach Konfessionen getrennt. Seit 1920 finden jedoch die Beerdigungen ohne Rücksichtnahme auf die Konfession und ohne getrennte Begräbnisfelder statt.

Für die in den Herner Lazaretten verstorbenen Kriegsteilnehmer wurde im Jahre 1915 ein besonderer Ehrenfriedhof angelegt, auf dem 91 deutsche Krieger und 25 Kriegsgefangene (Franzosen, Belgier, Russen, Engländer und Italiener) bestattet sind.

Im Jahre 1909/10 wurde auf dem Südfriedhof an seiner höchsten Stelle eine die ganze Umgebung kuppelartig überragende Friedhofskapelle mit Leichenhalle errichtet. Der Friedhof hat jetzt nach zweimaliger Erweiterung eine Gesamtgröße von 10,15 ha (= 40,6 preuß. Morgen) und erfüllt durch seine durchaus musterhafte Anlage, seine sorgfältige Pflege und Unterhaltung den weiteren Zweck als Erholungsstätte.

Nach den Eingemeindungen von Baukau und Horsthausen hat die Stadt Herne dann auch deren frühere Gemeindefriedhöfe übernommen. Der Baukauer Friedhof erhielt die Bezeichnung „Nordfriedhof", der Horsthausener „Ostfriedhof".

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