Knöll 1922 - Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht V

Der Nachfolgende Artikel stammt von Stadtbaurat Heinrich Knöll und wurde in seinem Buch "Deutscher Städtebau - Herne i. Westfalen" auf den Seiten 8-26 abgedruckt.
Der Historische Verein dankt seinem Enkel Heinz-Dieter Knöll für die Abdruckgenehmigung herzlich. Der Artikel Knölls spiegelt die damalige Lage der Stadt dar und zeigt doch, dass sich die Themen grundsätzlich nicht geändert haben.

Aufgrund der Größe des Artikels ist dieser geteilt worden.

Verwaltungsgebäude der Hibernia AG vor 1922

Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht.

Von Beigeordneter und Stadtbaurat KNÖLL.

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4. Das Wohnungswesen der Stadt Herne.

Die Errichtung von Wohnungen war früher der privaten Bautätigkeit überlassen. Nur wo diese nicht ausreichte oder wo die Schaffung eines Stammes sesshafter Arbeitskräfte erstrebt wurde, hat sich die Industrie entschlossen, Werkwohnungen zu erstellen. Wo auch dies nicht ausreichte oder wo man glaubte, unter Zuhilfenahme der staatlicherseits zu diesem Zwecke gebotenen billigen Geldquellen eine Herabsetzung der Baukosten und Mieten zu erreichen, haben sich gemeinnützige Bauvereine gebildet, die dem bereits vor dem Kriege bestehenden Wohnungsmangel starke Erleichterung verschafft. In Herne wurden die Wohnungen in erster Linie von der privaten Bautätigkeit erstellt. Die ältesten Werkwohnungen sind die von Engländern nach Abteufung der Schachtanlage Shamrock I/II errichteten schmucklosen niedrigen Einfamilienhäuser an der Mulvanystraße. Städtebaulich nicht günstiger wirken die alten Kolonien der Gewerkschaft Friedrich der Große nördlich der Hafenstraße und östlich der Scharnhorststraße im Stadtteile Horsthausen, sowie die alte Kolonie der Zechen von der Heydt und Julia an der Baukauer Straße. Dagegen hat die Gewerkschaft Constantin der Große bei ihrer Schachtanlage IV/V an der Wiescherstraße an der südöstlichen Ecke des Herner Stadtgebietes eine Kolonie errichtet, die bereits den Stempel der neuen Zeit trägt, während die Gewerkschaft Friedrich der Große in neuester Zeit bei ihren Schachtanlagen III/IV auf der nordöstlichen Ecke des Stadtgebietes für ihre Belegschaft eine Siedlung geschaffen, die die künstlerische Hand verrät und das Bestreben zu erkennen gibt, dem Arbeiter nicht nur eine Wohnung, sondern auch ein Heim zu geben.

Der Ausbruch des Weltkrieges hat die Wohnungsneubautätigkeit mit einem Schlage unterbrochen. Der Mangel an Arbeitskräften, die fast ausschließlich zum Heeresdienst eingezogen waren oder in der Rüstungsindustrie beschäftigt wurden, hat es zum Teil verhindert, dass vor dem Kriege angefangene Wohnungen fertiggestellt wurden. Die Nachkriegszeit hat keine nennenswerte Besserung gebracht, weil die von Reich und Staat als Baukostenzuschüsse zur Verfügung gestellten Mittel zu gering waren, um die durch eine nahezu fünfjährige stillliegende Neubautätigkeit fehlenden Wohnungen in kürzester Zeit zu ersetzen. Dann aber auch schritten die Verhandlungen über die Gewährung der Baukostenzuschüsse zu langsam vorwärts, weil eine Einigung über die Art der Bauausführung und die Höhe der Baukosten nicht erzielt werden konnte, so dass die baulustigen Bauvereine und Privatleute, die in großer Zahl vorhanden waren und sich auch schon unter nennenswerten geldlichen Opfern die erforderlichen Plan- und Rechnungsunterlagen verschafft hatten, durch inzwischen eingetretene Teuerungen von ihrem Bauvorhaben Abstand nehmen mussten. So hat sich denn die Stadt Herne, nachdem bereits durch die Wohnungszählung vom. 25. April 1918 bei einer Gesamtwohnungszahl von 13 209 nur 27, also 0,2 v. H. leerstehende Wohnungen festgestellt wurden (vergl. „Der Wohnungsbau im Industriegebiet, einst und jetzt", Abschnitt 8, Herne, den 24. 4. 1921), Ende des Jahres 1919 entschließen müssen, mit Hilfe von Baukostenzuschüssen des Reiches und Staates 135 Wohnungen in massiver Bauweise, und zwar 2 Wohnungen an der Kirchhofstraße, 30 Wohnungen an der Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße und Behrensstraße (hinter dem Rathaus), 15 Wohnungen an der Ecke König- und Kirchhofstraße und die übrigen unter Ausfüllung von Baulücken im Stadtteil Baukau an der August-, Jobst-, Berta- und Hafenstraße, zum Teil als Einfamilienhäuser in Angriff zu nehmen. Im Herbst 1920 waren sämtliche Wohnungen fertiggestellt und bezogen. Außerdem wurden von der Stadt drei Dauerwohnbaracken aus alten Heeresbeständen am Grenzweg errichtet und damit 15 weitere Wohnungen geschaffen.

Die trotz der Gewährung von Sanierungszuschüssen geleisteten erheblichen Zuschüsse veranlassten die Stadt, im Jahre 1921 nicht selbst zu bauen, sondern gemeinschaftlich mit Hilfe der Industrie eine gemeinnützige Baugesellschaft m. b. H. zu gründen, die mit Hilfe von Landesdarlehen im Jahre 1921 insgesamt 38 Wohnungen an der Hohenzollern- und Königstraße in Angriff genommen hat. Während diese bereits fertiggestellt und bezogen sind, hat die Herner gemeinnützige Baugesellschaft im Baujahr 1922 mit der Errichtung weiterer 12 Wohnungen an der Bochumer- und Strünkeder Straße begonnen, wie auch noch die Stadt außerhalb dieser Baugesellschaft insgesamt 81 Wohnungsneubauten an der Strünkeder-, Schul- und Marienstraße, Hohenzollern-, Marien- und Goethestraße und Wischerstraße in Angriff genommen hat. Bei allen diesen Neubauten ist von dem Grundsatz ausgegangen worden, keine neuen Stadtteile zu erschließen, wodurch hohe Straßenbaukosten erforderlich werden, sondern die innerhalb des bebauten Teiles des Stadtgebietes an vorhandenen fertigen Straßen vorhandenen Baulücken mit Wohnungsneubauten auszufüllen, um nicht nur Ersparnisse an Straßenbaukosten und eigentlichen Baukosten infolge Anbau an vorhandene Giebel zu erzielen, sondern auch um die an Baulücken sichtbaren hässlichen Brandgiebel und den Einblick in die Hinterfronten zu verdecken und auf diese Weise das Stadtbild zu verbessern. Eine weitere Entlastung des Wohnungsmarktes ist durch die aus Mitteln der Kohlenabgabe errichteten Wohnungen der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten für das rheinisch-westfälische Steinkohlengebiet in Essen und deren Tochtergesellschaft, der Bergmannssiedlung Herne G. m. b. H. erreicht worden. Diese Wohnungsneubauten liegen an den verschiedensten Stellen des Stadtgebietes, die größten Siedlungen im Anschluss an die Siedlung der Gewerkschaft Friedrich der Große bei Schachtanlage III/IV, dann eine auf dem. Gelände zwischen Herne und Sodingen nördlich der Mont-Cenis-Straße, weitere an der Schlossstraße im Zusammenhang mit 6 von der Baugenossenschaft Eigenheim mit Hilfe von Reichsdarlehn aus dem Jahre 1920 errichteten Wohnungen, an der Wiescherstraße, der Gräff- und Hiberniastraße, der Shamrockstraße, der Sedan- und la Rochestraße, der Dietrichstraße und eine auf Grund eines Wettbewerbsausschreibens im Frühjahr in Angriff genommene Siedlung an der Bismarck- und Moltkestraße. Soweit als möglich, sind auch diese Bauten an vorhandenen fertigen Straßen unter Ausfüllung von Baulücken in Angriff genommen worden. Zum Teil sind die vorgenannten Bauten fertiggestellt und bezogen, zum Teil erst angefangen. [...]

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Einzelnachweise