Knöll 1922 - Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht III

Der Nachfolgende Artikel stammt von Stadtbaurat Heinrich Knöll und wurde in seinem Buch "Deutscher Städtebau - Herne i. Westfalen" auf den Seiten 8-26 abgedruckt.
Der Historische Verein dankt seinem Enkel Heinz-Dieter Knöll für die Abdruckgenehmigung herzlich. Der Artikel Knölls spiegelt die damalige Lage der Stadt dar und zeigt doch, dass sich die Themen grundsätzlich nicht geändert haben.

Aufgrund der Größe des Artikels ist dieser geteilt worden.

Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht.

Von Beigeordneter und Stadtbaurat KNÖLL.

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D) Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Herne.

1. Die Lage der Stadt Herne.

Geographisch liegt Herne an der Emscher, etwa 8 km nördlich von Bochum, von dem es nur durch die Gemeinde Riemke getrennt ist und in ungefähr gleicher Entfernung südlich der Stadt Recklinghausen, an dessen südlichen Stadtteil Recklinghausen-Süd es längs dem ehemaligen Laufe der Emscher angrenzt. Das Gelände des südlich der letzteren gelegenen 1702 ha großen Stadtgebietes ist in seinem nördlichen Teil, dem Emschertal, mehr flach und eben und steigt dann nach Süden hin bis zur sogenannten Herner Mark sanft an.

2. Die bauliche Entwicklung der Stadt Herne.

Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Herne ist ein Schulbeispiel und kennzeichnend für die meisten Städte und größeren Gemeinden des rhein-westf. Industriegebietes. Alles, was im Abschnitt C über den Einfluss der Industrie und den Vergleich mit amerikanischen Städten allgemein vorausgeschickt worden ist, gilt auch im Einzelnen für Herne. Wenn wir weiter den Werdegang der Stadt Herne mit der im Abschnitt B geschilderten städtebaulichen Entwicklung älterer Städte vergleichen, so müssen wir einen anderen Maßstab anlegen und berücksichtigen, dass die letzteren im Laufe der Jahrhunderte bereits Blütezeiten gesehen haben, während Herne bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts als unbedeutendes Dorf nicht weit über die Grenzen der engeren Heimat hinaus bekannt geworden ist. Was Herne geworden ist, verdankt es in erster Linie dem Kohlenbergbau und den industriellen Werken, die sich in den letzten sieben Jahrzehnten hier angesiedelt haben. Wohl ist festgestellt worden (siehe „Geschichte der Stadt Herne" von Hermann Schaefer, Herne 1912, Seite 7), dass der älteste Teil des ehemaligen Dorfes Herne vor Erfindung des Schießpulvers mit Gräben, Wällen und Palisaden befestigt gewesen ist. Diese Befestigung war aber von so geringem Umfange und einfacher Ausführung, dass sie im Laufe der Zeit fast ganz verschwunden, auch für den weitaus größten Teil der heutigen Bewohner unbekannt und auf die spätere Entwicklung ohne Einfluss geblieben ist. Sie hatte die engere Umgebung des alten Marktes und der im 11. oder 12. Jahrhundert erbauten, nach Fertigstellung der in den Jahren 1873 bis 1875 erbauten neuen evangelischen Kirche abgebrochenen alten romanischen Dorfkirche umschlossen und ist noch heute von der Südwestecke des alten evangelischen Friedhofes an der Kirchhofstraße aus als schmale und flache in gebrochenem Linienzug verlaufende Talmulde, den ehemaligen tieferen Wallgraben darstellend, erkennbar. Dieses und die evangelische Kirche und den alten Markt umgebende Stadtgebiet ist daher als der älteste Stadtteil der Stadt Herne anzusehen. Die Straßen sind im Gegensatz zur weitaus großen Mehrzahl der Straßen des übrigen Stadtgebietes schmal und krumm und verraten auch dadurch die alte Vergangenheit. Von den alten niedrigen Fachwerksbauten sind nur noch einzelne erhalten. Die übrigen haben mehrgeschossigen, stattlicheren, massiven Neubauten weichen müssen.

Die Fläche dieses ältesten Stadtteiles ist zu klein, als dass sich an dieser Stelle allein ein überwiegendes Geschäftsviertel für eine Stadt von 70 000 Einwohnern mit einer größeren, stark besiedelten Umgebung hätte entwickeln können. Außerdem haben sich die im Abschnitt C genannten ersten Zechen und industriellen Werke, die ersteren wegen der Lage in ihren Grubenfeldern, die letzteren wegen der günstigeren Verkehrslage an der etwa 1 km nördlich von Alt-Herne verlaufenden Köln-Mindener Eisenbahn, fast ausschließlich in größerer Entfernung westlich und nördlich von dem ältesten Stadtteil angesiedelt. Da auch die Zechen und Werke zum Teil Wohnungen für ihre Beamten, Angestellten und Arbeiter in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstelle errichtet haben, sind innerhalb des Gesamtstadtgebietes einschließlich der am 1. April 1908 eingemeindeten Stadtteile Baukau und Horsthausen, einzelne getrennt liegende, mehr oder weniger in sich baulich abgeschlossene Kolonien entstanden, die, teilweise durch private Bauten ergänzt, durch Zwischenbauten an den Verbindungsstraßen mehr und mehr in baulichen Zusammenhang mit der Innenstadt gebracht werden. Als Hauptgeschäftsviertel und Stadtkern ist zweifellos die von dem vorgenannten ältesten Stadtteil in nordnordwestlicher Richtung nach dem Bahnhof verlaufende 22 m breite Bahnhofstraße mit ihren nach außen hin mehr oder weniger in reine Wohnstraßen übergehenden Seitenstraßen anzusehen. Hier reiht sich Geschäftshaus an Geschäftshaus. Dazwischen liegen Gasthäuser, Schauspielunternehmungen, Lichtspielhäuser usw. Hier strömt die kaufende, ihrer Erholung oder ihrem Vergnügen nachgehende Bevölkerung aus Herne und Umgebung zusammen, so dass namentlich Sonntags und Werktags nach Arbeitsschluss die etwa zwei Drittel der Gesamtstraßenbreite in Anspruch nehmenden Bürgersteige kaum ausreichen. Das übrige Stadtgebiet weist, wie bereits angedeutet, durch die eigenartige industrielle Besiedlung keinen einheitlichen baulichen Charakter auf. Zwischendurch sieht man noch stellenweise, aus der Zeit vor der industriellen Besiedlung stammend, in westfälischer Bauart alte Bauernhöfe, auf denen zum Teil noch heute die Nachkommen der alteingesessenen Bauernfamilien ihre Felder bestellen. Zum großen Teil sind aber die alten Bauerngüter mit Wohnhäusern und allem Zubehör zur Vermeidung weiterer für entstehende Bergschäden infolge Bodensenkungen zu zahlenden Entschädigungen von den Zechen käuflich erworben worden. Von Zechenangehörigen bewohnt, zum Teil durch Umbauten verändert, zum Teil auch, weil mit dem durch die Wohnungsnot hinausgeschobenen Abbruch gerechnet wurde, nicht mehr mit der Liebe und Sorgfalt wie von den früheren Bewohnern unterhalten, lassen diese alten in andere Hände übergegangene Bauernhäuser den früheren anheimelnden Eindruck vermissen.

Die bauliche Entwicklung der Stadt Herne wird am besten durch die über das Stadtgebiet sich erstreckenden Pläne aus den Jahren 1842 (vor der industriellen Ansiedlung), 1897 (nach der Stadtwerdung), 1898 (nach der Eingemeindung von Baukau und Horsthausen) und 1922 veranschaulicht. Die Erweiterung des Straßennetzes zeigt, wie man früher den Bau gerader Straßen bevorzugt hat und erst in neuerer Zeit vor dem Weltkriege dazu übergegangen ist, die Fluchtlinien- und Bebauungspläne nicht nur mit Reißschiene und Winkel zu bearbeiten, sondern die Straßen unter Berücksichtigung der Gelände- und Verkehrsverhältnisse in das Stadtgebiet hineinzulegen. Auf diese Weise ist man, wie in alter Zeit, wieder auf Straßen mit gekrümmter Linienführung gekommen. Es muss aber bei Aufstellung von Bebauungsplänen ebenso sehr vor gekünstelten, krummen Straßen, wie vor den früher üblichen auf jeden Fall geraden Straßen gewarnt werden. Natur, Gelände und Örtlichkeit, sowie die beabsichtigte Bebauung, ebenso die Richtung, Art und Stärke des zu erwartenden Verkehrs müssen maßgebend sein.

Aus den vier genannten Stadtplänen geht aber auch hervor, dass die bauliche Entwicklung so rasch vor sich gegangen ist, dass ein Zusammengehen der angrenzenden Gemeinden wegen Schaffung von Hauptverkehrs- und Verbindungsstraßen nicht möglich war. Die Stadt Herne hat in der Nordsüdrichtung zwischen Bochum und Recklinghausen, der alten Provinzialstraße, eine solche Hauptverkehrsstraße, die dem heutigen Verkehrsbedürfnis aber auch nicht mehr ganz genügt, zumal namentlich der Teil der Bahnhofstraße zwischen Bochumer Straße und Steinweg durch Einengungen eine Gefahrstelle für den Schnellverkehr bildet.

In ostwestlicher Richtung fehlt es aber an jeder durchgreifenden Straßenverbindung zwischen Dortmund-Castrop über Herne nach Eickel, Wanne, Gelsenkirchen. Die Lösung dieser Aufgabe ist dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk vorbehalten geblieben, auf den in einem späteren Abschnitt 7 noch näher hingewiesen werden wird. [...]

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