Knöll 1922 - Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht

Der Nachfolgende Artikel stammt von Stadtbaurat Heinrich Knöll und wurde in seinem Buch "Deutscher Städtebau - Herne i. Westfalen" auf den Seiten 8-26 abgedruckt.
Der Historische Verein dankt seinem Enkel Heinz-Dieter Knöll für die Abdruckgenehmigung herzlich.

Der Artikel Knölls spiegelt die damalige Lage der Stadt Herne und zeigt doch, dass sich Themen grundsätzlich nicht geändert haben.

Aufgrund der Größe des Artikels ist dieser geteilt worden.

Schloss Strünkede (Innenhof) vor 1922

Die Stadt Herne in städtebaulicher Hinsicht.

Von Beigeordneter und Stadtbaurat KNÖLL.

A) Die Bedeutung des Städtebaues im Allgemeinen.
Was uns die Geschichtsforscher von der Lebensweise und dem Kulturstande früherer Völker berichten, haben sie nur zum Teil den in Archiven aufbewahrten Urkunden und schriftlichen Überlieferungen entnommen. Die wertvollsten und zuverlässigsten Quellen ihrer Erzählungen sind die noch erhaltenen alten Bauwerke, Ruinen, Mauer- und Pfahlreste, die, zum Teil noch mit Inschriften, Zeichen und Wappen versehen, die überlieferten Urkunden und Aufzeichnungen alter Geschichtsschreiber ergänzen, aber auch ohne diese, als stumme Zeugen vergangener Zeiten, von den Lebensgewohnheiten, den Leiden und Freuden der ehemaligen Bewohner erzählen können. Die ergiebigsten Quellen dieses Teiles der Geschichtsforschung sind da zu finden, wo die Menschen am dichtesten angesiedelt waren, in den Städten, wo in der Regel alle Menschenklassen und Berufsarten vertreten waren. Deshalb liefern wir auch heute noch in unserem Städtebau den nach uns kommenden Geschlechtern den wertvollsten Geschichtsstoff. Archive, Bücher und Schriftensammlungen können, wie die Geschichte selbst beweist, in bewegten Zeiten oder durch Unverstand restlos vernichtet werden. Dagegen kann wohl eine Stadt durch Feuer oder bei kriegerischen Ereignissen dem Erdboden gleich gemacht werden, ohne daß die mit dem Boden verbundenen oder die bei der Zerstörung verschütteten Bauteile der Vernichtung anheimfallen. Aus ihnen lassen sich erst die wertvollsten Schlüsse ziehen.
B) Die städtebauliche Entwicklung älterer Städte.
Jedem Städtebild ist der Stempel seiner Zeit aufgedrückt. Zum Bauen gehört Geld und ein gewisser Wohlstand. Deshalb konnten die Prachtbauten, Paläste, Burgen, Schlösser, Rathäuser, Kirchen, Patrizier und Zunfthäuser früherer Jahrhunderte nur in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwunges entstehen. Die mittelalterlichen Blütezeiten des Handwerks und des Handels waren immer von einer regen Bautätigkeit begleitet. In der reichen architektonischen Ausgestaltung der errichteten Gebäude haben die Erbauer ihren Wohlstand äußerlich zum Ausdruck gebracht. Dagegen ist eine allgemeine Begleiterscheinung des wirtschaftlichen Niederganges eines Volkes eine geringe oder gar vollständig ruhende Neubautätigkeit. Die aus solchen Zeiten der deutschen Geschichte spärlich erhaltenen Gebäude sind in der Regel nur einfache Bauten ohne nennenswerten Schmuck, den die herrschende Not und Armut nicht gestattet hat. Wenn man aber vom deutschen Städtebau im allgemeinen Sinne spricht, denkt man in erster Linie an die meist im Mittelalter gegründeten Städte mit einer alten Entwicklungsgeschichte. Die Blütezeit des Handels hatte auch das Handwerk befruchtet, das, in Zünften zusammengeschlossen, innerlich und äußerlich erstarkte. Für gute und kunstgerechte Arbeit war reichliche Bezahlung gesichert. „Handwerk hat einen goldenen Boden" hieß es damals. Die freien Städte namentlich machten sich die günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse zu nutzen, indem sie den Zuzug vom Lande mit dem Schlagwort „Stadtluft macht frei" zu fördern suchten. Mit an erster Stelle stand zur damaligen Zeit das Bauhandwerk, das berufen war, unter der Leitung kunstsinniger Baumeister und unter der strengen Aufsicht einer, die Ziele des Städtebaues fördernden Baupolizei der Stadt das äußere Gepräge zu geben. Sind doch die wie aus einem Guss zusammengefügten Städtebilder aus jener Zeit noch heute vorbildlich für die Lösung städtebaulicher Aufgaben. Man muss die Leistungen der damaligen Baumeister und Bauhandwerker umso höher einschätzen, als ihnen nur eine von Festungsmauern, Erdwällen und Gräben umgebene, eng begrenzte Fläche zur Verfügung stand, ganz abgesehen von den wenigen und einfachen Hilfsmitteln, auf die sie bei der Bauausführung angewiesen waren. Die Ausdehnung des Städtebaues über die Grenzen des Festungsgürtels hinaus blieb einer späteren Zeit vorbehalten und setzte insbesondere ein, nachdem durch die gewaltige Umwälzung in der Volkswirtschaft und der gesamten Lebenshaltung im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Erfindungen, der Technik, der Industrie und des Verkehrs, die ehemals schützenden Festungsmauern, Wälle und Gräben ihre Bedeutung verloren hatten, ja hemmend und hinderlich für die städtebauliche Entwicklung geworden waren. Städte mit einer alten Entwicklungsgeschichte haben daher heute noch auf der ehemals von Festungswerken umgebenen Fläche wegen der günstigen Verkehrslage zu dem neueren Vorstadtteilen als Stadtkern und dichtbesiedeltsten Stadtteil eine sich mehr und mehr als überwiegendes Geschäftsviertel entwickelnde Innen oder Altstadt mit engen und krummen Straßen, während die neueren Vorstadtteile, frei von jeder Einengung in der Fläche, sich weiträumiger, mehr als ausgesprochene Wohn oder Industrieviertel mit breiten und leider oft, den damaligen Anschauungen entsprechend, fast ausschließlich geraden Straßen entwickelt haben. Die Innen oder Außenstadt trennenden, entbehrlich gewordenen Festungsgürtel boten im letzten Jahrhundert, als das gesundheitliche Bedürfnis für den Zutritt genügender Mengen sauerstoffreicher Luft für die Bewohner erkannt worden war, Gelegenheit zur Schaffung von Grünanlagen.

Fortsetzung

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