Jüdische Friedhofskultur

Der Friedhof einer jüdischen Gemeinde unterscheidet sich in vielen Punkten von kommunalen oder christlichen Friedhöfen. Im Kontext zur deutschen Geschichte sind erhaltene jüdische Friedhöfe als Denk- und Mahnmale einer vernichteten religiösen und politischen Kultur – auch in Herne und Wanne-Eickel – zu betrachten, die es zu erhalten gilt. Durch die nationalsozialistischen Zerstörungen ist die Zahl der vollständig erhaltenen jüdischen Friedhofsanlagen extrem vermindert worden. In Deutschland gibt es „an die 2.000 jüdische Friedhöfe“ (lt. Zentralarchiv/Honigmann, uni-heidelberg.de). Das umfasst Friedhöfe im eigentlichen Sinne genauso wie Massengräber und Gräberfelder des Holocaust und andere Grabstätten. Herne und Wanne-Eickel befinden sich in der glücklichen Lage, dass die alten jüdischen Friedhöfe erhalten geblieben sind. Das ermöglicht aufschlussreiche Rückschlüsse auf die Geschichte der Synagogengemeinden Herne und Wanne-Eickel, so zum Beispiel, welche Glaubensströmungen in den jeweiligen jüdischen Gemeinden vorherrschend waren.

Nach biblischer Tradition gehört dem Toten sein Grab bis zur Endzeit. Das Grab ist das Haus des Toten bis zum jüngsten Gericht. Im Ergebnis heißt das, dass jüdische Gräber nicht für einen bestimmten Zeitraum wie etwa 30 Jahre, sondern für die ‚Ewigkeit‘ angelegt sind. Aus diesem Grunde können jüdische Friedhöfe nicht aufgelassen oder zu Parkanlagen umgewandelt werden.

Die Ehrung des wehrlosen Toten ist in der jüdischen Glaubenswelt ein ethnisches Gebot. Jede Beschädigung der Friedhofsanlage, des Grabes oder des Steins stellt eine Störung der Totenruhe dar. Umbettungen von Gräbern dürfen nur in Ausnahmefällen unter rabbinischer Aufsicht und unter Beachtung der halachischen Vorschriften geschehen (= jüdische Gesetzessammlung, von Halacha, in diesen rechtlichen Auslegungen des schriftlichen Kanons der Tora spiegeln sich die unterschiedlichen Meinungen der Rabbiner, Weisen und Gelehrten wider. Sie zielen auf Verhaltensregeln, die das gesamte Leben der Gläubigen betreffen. Historisch ist die Halacha ein Teil des Talmuds. Sie gehört zur sogenannten mündlichen Überlieferung, die sowohl in Jerusalem als auch in Babylon seit der Zeit nach der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels und dem babylonischen Exil festgehalten wurde). Eng verbunden mit den Besonderheiten jüdischer Friedhöfe sind die Trauer- und Begräbnisbräuche. Anders, als im Christentum haben sich diese Traditionen seit dem 18. Jahrhundert kaum verändert: Wurde in der Synagogengemeinde bekannt, dass ein Mitglied im Sterben lag, trugen Mitglieder der Beerdigungsbruderschaften oder Frauenvereine dafür Sorge, dass der Sterbende nicht allein bleiben musste. Nach Eintritt des Todes wurden auch die Versorgung des Toten sowie die Vorbereitung und Durchführung der Beerdigung übernommen. Die Angehörigen waren ausgenommen, damit diese den verstorbenen Menschen so in Erinnerung behalten konnten, wie er zu Lebzeiten ausgesehen hatte. Der Sarg bestand aus einfachem Holz. Vielfach wurde ihm ein Säckchen Erde aus dem heiligen Land beigefügt. Allgemein sollte bei Beerdigungen kein übermäßiger materieller Aufwand betrieben werden, weil er finanziell schwächere Gemeindemitglieder beschämen würde oder zum seelischen Schmerz noch geldliche Probleme kommen könnte.

Wie im Islam ist auch im jüdischen Glauben eine bestimmte Ausrichtung der Gräber wichtig: Sie werden mit der Kopflage so ausgerichtet, dass bei der Auferstehung des Toten das Angesicht gen Jerusalem schaut. Die theologische Vorstellung, dass vor dem Tod alle Menschen gleich sind, schlug sich auch in einer schlichten Grabgestaltung nieder. Gerade die Anpflanzung von Blumen oder Ziersträuchern stören nach traditionellem jüdischem Verständnis diese Schlichtheit. Aus traditioneller Sicht verzichtete man auch deshalb auf Blumenschmuck, da die Toten nicht mit gärenden, säuernden oder sonstigen Nebenprodukten der Zersetzung (Blumen verwelken) verunreinigt werden sollten. Die Gräber ließ man mit Efeu oder Gras überwachsen.

Auch für nichtjüdische Männer ist es Pflicht, auf einem jüdischen Friedhof ebenso wie in einer Synagoge eine Kopfbedeckung zu tragen

Nach dem Besuch des Friedhofs wäscht man sich die Hände, weil die Nähe der Toten kultisch unrein macht.


Ein besonderer Brauch:

Ein spezifisch jüdischer Brauch, der sich bis heute auf allen jüdischen Friedhöfen beobachten lässt, ist die Ehrung des Toten durch ein vom Besucher auf den Grabstein abgelegtes Steinchen. Noch immer fehlt eine belegbare Herleitung dieser Gewohnheit, die jedenfalls nicht in den über 600 Geboten und Verhaltensregeln der jüdischen Überlieferung enthalten ist und auch nicht in der Bibel angesprochen wird.

Zur Erklärung wird einmal auf die Bestattungspraktiken von Wüstenvölkern verwiesen, die Steine auf die Gräber legten, um sie so vor dem Zugriff von wilden Tieren, Geiern oder Schakalen zu schützen. Jeder, der an einem solchen Grab entlang kam, legte einige Steine zum Schutz hinzu. Eine weitere Erklärung verweist auf die jüdische Tradition einer möglichst schlichten Bestattung; anstelle von Blumen werden Steine abgelegt. Damit wird der Verstorbene geehrt und nicht vergessen.

Insgesamt gibt es rund 40 Erklärungen. Da verwundert es kaum, dass es auch eine antisemitische Deutung gibt: Im Volksglauben in Bayern und Schlesien wird das Hinterlegen der Steine auf jüdischen Gräbern als Versuch gesehen, dass Juden bei der Wiederauferstehung sofort Steine zur Hand haben, um Christus steinigen zu können.

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Anmerkungen

Text von Kurt Tohermes in: Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel (Ausstellungsdokumentation), Seiten 61 und 62, Herausgeber: Der Oberstadtdirektor der Stadt Herne, 1987; überarbeitet und erweitert von Jürgen Hagen, 2013