Jüdische Bürger in der Herner und Wanne-Eickeler Kommunalpolitik

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Autor Kurt Tohermes
Erscheinungsdatum 1987, in: Sie werden nicht vergessen sein, S. 26 - 28

Nach dem Emanzipationsgesetz von 1869 gab es zunächst keine rechtlichen Beschränkungen der politischen Betätigung jüdischer Bürger mehr. Der Liberalismus als geistige Grundströmung hatte die politische Kultur der Zeit geprägt, und so war es nicht verwunderlich, dass sich einige der ansässigen Juden im politischen Spektrum des Liberalismus betätigten. Von der Nationalliberalen Partei bis zu den Sozialdemokraten reichte im Wesentlichen das politische Engagement der Herner und Wanne-Eickeler Juden. Zwischen 1848 und 1922 nahm die Anzahl der Juden in Herne und Wanne-Eickel zwar zu, ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung ging aber zurück. Diese Tendenz ist in ganz Deutschland zu beobachten. In den Ruhrgebietsstädten wurde diese Entwicklung aufgrund von Zuwanderungen durch das jüdische Industrieproletariat aus dem Osten abgemildert. Auswanderung, Geburtenrückgang oder Austritt aus der Gemeinde verminderten den jüdischen Bevölkerungsanteil. Unter diesen Ausgangsbedingungen konnte sich - im Gegensatz zu einem politischen Katholizismus, wie er in der Zentrumspartei deutlich wurde - kein politischer Judaismus bilden.

Isi Geitheim (mitte) zu Besuch bei Freunden in Wanne-Eickel, 1964

Eine politische Karriere war für einen Herner oder Wanne-Eickeler Juden nur in Parteien möglich, in denen die politischen Programme nicht von Antisemitismus durchzogen waren. In Unterschied zur Entwicklung im Reich war die politische Kontinuität von 1869 bis 1933 in Herne und Wanne-Eickel größer, was sich personell und inhaltlich aufzeigen lässt. Von 1869 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war die hiesige Kommunalpolitik im Wesentlichen personenmäßig gebunden. Einfluss hatten Geschäftsleute und Honoratioren, auch wenn sie sich parteipolitisch nicht engagierten oder keine Stellung im Stadtrat hatten. Gruppen wie Stammtische, Vereine oder Feuerwehr bildeten politische Austauschforen. 1907 gelang es Bernhard Rose als erstem Juden, ein politisches Mandat in dem Gebiet der heutigen Stadt Herne zu gewinnen, als er zum Gemeindevertreter in Wanne gewählt wurde. Die erhaltenen Wahlakten der Gemeindeverordnetenwahl von 1908 widerlegen deutlich die Mär von den "reichen Juden". In der ersten Abteilung, in der die Reichsten wählten, waren keine Juden wahlberechtigt, Jüdinnen sowieso nicht, denn es gab noch kein Frauenwahlrecht in Deutschland. In der zweiten Abteilung, in der der Mittelstand wählte, stellte die jüdische Bevölkerung 14 Wahlberechtigte. Alle anderen Juden mussten ihre Stimme in der dritten Abteilung abgeben.[1] Erst die Demokratie der Weimarer Republik [2] brachte der jüdischen Bevölkerung mehr politisches Mitspracherecht, da nun die Stimme eines Arbeiters, Angestellten oder kleinen Gewerbetreibenden bei Wahlen so viel zählte wie die eines Bergwerksbesitzers. Bei den ersten freien, gleichen und geheimen Kommunalwahlen in Herne konnten Dr. Siegmund Lobenstein für die SPD und Moritz Gans für die liberale DDP einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung erringen. In Wanne wurde Bernhard Rose (DDP) wiedergewählt, und in Eickel zog Arthur Kronheim (DDP) in die Gemeindevertretung ein. In der Folgezeit verrichteten diese Politiker einen großen Anteil der "politischen Kleinarbeit" in Ausschüssen aller Art, sie konnten jedoch keine kommunalen Führungspositionen übernehmen. Diese Tendenz schlug sich auch innerhalb der Parteien nieder. Höhere Funktionen als 2.Schriftführer oder 1.Kassierer konnten die heimischen Juden auch in demokratischen Parteien nicht erreichen.

Außerhalb von SPD und DDP engagierte sich nur ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung. Kurt Baum aus Herne verließ die Synagogengemeinde, weil er sich den Ideen der KPD verbunden fühlte. In Wanne unterstützte der Schuhhändler Isi Nussbaum offen die KPD, ohne allerdings Mitglied zu werden oder die Synagogengemeinde zu verlassen. Die mehrheitlich liberale oder sozialdemokratische Einstellung der hiesigen Juden kommt ebenfalls im Engagement für die Volkshausgemeinschaft, den Arbeiter-Samariter-Bund oder die Kaufmannsvereine zum Ausdruck. Anlässlich der Ermordung des jüdischen Außenministers Walter Rathenau [3] kam es im Juni 1922 in Wanne zu einer Demonstration von 15.000 Bürgern, die gemeinsam von SPD, USPD, KPD und dem Kaufmännischen Verein Wanne-Eickel unter Vorsitz von Sally Baum organisiert wurde. Mit dem Niedergang des Deutschen Liberalismus verloren auch die Herner und Wanne-Eickeler DDP-Ortsvereine ihre Mandate in den Kommunalparlamenten. Dr. Lobenstein war nach 1929 der letzte jüdische Bürger, der gegen die Nationalsozialisten politisch kämpfen konnte. Nach der Machtübernahme wurde er als Jude und Sozialdemokrat besonders angegriffen. 1934 floh er nach Amerika und konnte so sein Leben retten. Kurt Baum schloss sich nach der Machtergreifung dem Widerstand an, wurde später verhaftet und ermordet. Auch Isi Geitheim aus Wanne schloss sich einer Widerstandsgruppe an und druckte Flugbätter gegen den Nationalsozialismus. Die meisten der politisch engagierten jüdischen Bürger setzten sich jedoch nach ihrer politischen Entrechtung innerhalb von jüdischen Organisationen für ihre bedrohten Mitbürger ein.

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Quellen

Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel (Ausstellungsdokumentation), Herausgeber: Der Oberstadtdirektor der Stadt Herne, 1987

Anmerkungen