Flugplatz Wanne-Herten

Schaefer 1912

Der Gedanke, im Industriebezirk einen Flugplatz zu errichten, tauchte 1911 auf. Anfänglich marschierten die Interessen zusammen, trennten sich dann aber in die Gruppe Gelsenkirchen=Essen mit einem Flugplatz in Rotthausen und in die Gruppe Wanne=Herten mit einem Flugplatze gleichen Namens. Man trat in Herne mit dem Ersuchen heran, sich bei Wanne=Herten zu beteiligen. Wagemutig bewilligten im März 1912 die Stadtverordneten 100000 Mk. zu dem auf 800000 Mk. festgesetzten Gesellschafts=Kapital. Beide Plätze wurde angelegt und Pfingsten 1912 dem Betrieb übergeben.
Der Platz in Herten führt die Bezeichnung: Flugplatz Wanne=Herten. Er ist in einer Größe von rund 400 Morgen[1] dem Eigentümer Grafen Nesselrode für 50 Mk. für Morgen und Jahr abgepachtet worden, und kann auf 1000 Morgen Fläche vergrößert werden. In der kurzen Zeit von 2 Monaten rottete man den aufstehenden Wald aus und sorgte für Entwässerung, Einebnung sowie Umfriedung. Eine Ballonhalle für einen Parseval=Ballon, Schuppen für Flugzeuge, eine Tribüne für Zuschauer, Erfrischungs= und Verwealtungsräume wurden erbaut, ebenfalls in kürzester Frist. Die in Auftrag gegebene Lieferung eines lenkbaren Parseval=Luftschiffs [s.u.] erfolgte rechtzeitig.
Bei der Einweihung des Flugplatzes taufte die Erbprinzessin von Meiningen, Schwester unseres Kaisers[2], das Luftschiff, dem unterbreiteten Wunsche gemäß auf ihren Namen "Charlotte".
Das Flugplatz=Unternehmen trägt die Firma Rheinisch=Westfälische Flug= und Sport=Gesellschaft m.b.H. Vorsitzender ist gegenwärtig Beigeordneter Weiberg in Wanne. Dort nahm die Gesellschaft ihren Sitz. Dem Aufsichtsrat gehören aus Herne an die Herren Dr. Büren, Dr. Sporleder und Vogel.
Es bildete sich auch ein Sportverein unter dem Namen Westfälisch=Märkischer Luftfahrerverein mit dem Sitz in Herne. Vorsitzender ist z.Zt. Bürgermeister Dr. Sporleder, und Schriftführer J. Vogel. Der Verein zählt gegenwärtig 650 Mitglieder.
Die Nähe der Flugplätze Wanne=Herten und Gelsenkirchen=Rotthausen rief einen starken Wettbewerb zwischen Beiden hervor, der auf die Dauer das finanzielle ergebnis der Anlagen ungünstig beeinflussen dürfte. Es sind daher Bestrebungen im Gange, eine gütliche Einigung zwischen beiden Unternehmen herzustellen.

Bericht Gemeinde-Angelegenheiten 1922

"Als weiteres bedeutsames Verkehrsunternehmen wurde von der Stadt Herne in Gemeinschaft mit dem Amte Wanne und dem Amte Herten im Jahre 1911/12 ein Flugplatz ins Leben gerufen. Zu diesem Zwecke wurden umfangreiche Waldungen auf Hertener und Wanner Gebiet hart an der westlichen Stadtgrenze Herne´s ausgerodet und planiert. Es wurden Fliegerschuppen und eine Luftschiffhalle angelegt, die zunächst für Luftschiffe des halbstarren Systems berechnet war.
Es war beabsichtigt, diese Halle zu vergrößern, damit auch Verkehrs=Luftschiffe des ganzstarren Systems (Zeppelin=Luftschiffe) ein Obdach finden konnten. Der Flugplatz wurde Pfingsten 1912 im Beisein der Taufpatin des Parseval=Luftschiffes (Nr. 12) Charlotte, erbprinzessin von Sachsen=Meiningen, und einer großen Menschenmenge eröffnet. Zur Erlangung der staatlichen Konzession ist es nicht gekommen, da der im Jahre 1914 ausgebrochene Weltkrieg das Flugunternehmen vollständig lahm legte. Auch die dem Deutschen Reich in dem Versailler Vertrag im Jahre 1919 auferlegten Härten, die das gesamte deutsche Luftfahrtwesen mit einem Schlage brach legte, trugen dazu bei, daß die Gesellschaft schließlich der Auflösung anheim fiel und das ausgedehnte Unternehmen stillgelegt werden mußte."

Parseval-Luftschiffe

Unter der Bezeichnung Parseval entstanden unter August von Parseval zwischen 1909 und 1919 insgesamt 22 Luftschiffe. Später wurden noch einige Luftschiffe unter der Bezeichnung Parseval-Naatz-Prinzip gebaut.

Die Schiffe wurden früher mit der männlichen Form beschrieben. Es hieß: Der Parseval, ähnlich wie es auch bei den Zeppelinen der Fall war. [3]

PL 12 Charlotte

  • Auf „Charlotte“ getauft,
  • Gebaut für „Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatz-Gesellschaft mbH Wanne-Herten“, dort für Rundfahrten genutzt
  • Erste Fahrt: 11. Mai 1912
  • PL 12 wurde bis 1914 als Passagier- und Werbeluftschiff genutzt.
  • 82 m lang, 14 m Durchmesser
  • Antrieb: 2 NAG-Motoren mit je 81 kW (110 PS)
  • Volumen: 8000 m³
  • Höchstgeschwindigkeit: 48 km/h

Vor 100 Jahren - Tollkühne Wanner und ihre fliegenden Kisten

WAZ 26.05.2012 Text: Bernd Nickel Es war zu der Zeit, da nannte man Piloten noch „tollkühne Männer“ und ihre Flugzeuge „fliegende Kisten“. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm der uralte Traum der Menschen vom Fliegen Konturen an. Nicht weniger tollkühn als die Männer in ihren fliegenden Kisten waren damals die Ambitionen der Wanner. 1909 nahm bei Berlin der erste deutsche Flughafen – Johannistal – den Betrieb auf. Da wollten die Wanner nichts verpassen und weihten schon zu Pfingsten 1912 ihren eigenen Flugplatz ein – genau vor 100 Jahren.

40 000 Menschen, so berichtete die „Wanner und Eickeler Zeitung“, strömten damals auf das Flugplatz-Gelände. Und weil es nicht auf Wanner sondern nördlich der Emscher knapp auf Hertener Gebiet lag, hieß das Projekt „Flugplatz Wanne-Herten“. Die erste Version „Flugplatz Wanne im Hertener Wald“ hatten die Verantwortlichen, allen voran der damalige Beigeordnete und Wannes späterer Amtmann Friederich Weiberg, einen Monat vor der feierlichen Eröffnung, verworfen. 300 Morgen auf der Stadtgrenze

300 Morgen groß war das Gelände und durch die Linie 1 der Vestischen Straßenbahngesellschaft optimal mit dem Wanne-Eickeler Hauptbahnhof verbunden. Die eigens gegründete Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatzgesellschaft – zu deren Gesellschaftern das Amt Wanne, die Gemeinde Herten und die Stadt Herne gehörten – stand in starker Konkurrenz zu dem Flugplatz-Projekt Gelsenkirchen-Rotthausen. Am Ende eröffneten beide ihre Flugplätze gleichzeitig zu Pfingsten 1912. Allerdings hatte Wanne sich einen Trumpf gesichert: Zum Preis von 392 369 Mark in Gold wurde ein Luftschiff aus der Parseval-Baureihe von der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft angeschafft. Im Gegensatz zur Konkurrenz in Rotthausen, die Verbandsflugplatz war, konnte der Flugplatz Wanne-Herten nun den regulären Flugbetrieb aufnehmen.

Rechtzeitig zur Eröffnung sollte die Halle für Parseval 12 fertig werden. Scharen von Zimmerleuten kletterten eifrig montierend in der Holzkonstruktion herum. Die Herner Zeitung notiert in diesem Zusammenhang einen Rekord und zwar „in schneller und erfolgreicher Beendigung eines Streiks“. Nach fünf Minuten lenkten die Arbeitgeber ein und gewährten 10 Pfennig Gefahrenzuschlag für die Zimmerei in schwindelerregender Höhe – womit der Stundenlohn von 60 auf sagenhafte 70 Pfennig schoss.

Am Eröffnungstag selbst herrschte schlechtes Wetter. Kühl war’s, der Wind wehte in gefährlichen Böen, und die Sonne ließ sich kaum blicken. Stattdessen strahlte das Volk im Deutschen Kaiserreich. Denn mit der königlichen Hoheit Charlotte, Erbprinzessin von Sachsen-Meinigen, wohnte immerhin die Schwester seiner Majestät des Kaisers Wilhelm höchstselbst der Zeremonie auf dem Feld zwischen Wanne und Herten bei.

Und so verstand es sich auch für die Untertanen quasi von selbst, dass sie ihr neues Parseval-Luftschiff auf den Namen „Charlotte“ tauften.

Das Ritual bewahrte die „Charlotte“ allerdings nicht vor den Unbilden des Wanner Wetters. Bei Windstärken um die 14 Sekundenmeter fand die Taufe nicht im Freien, sondern in der 35 Meter breiten und 100 Meter langen Luftschiffhalle statt. Nur gut, dass man die Zimmerleute ordentlich bezahlt hatte.

Der erste Weltkrieg stürzte den Flugplatz Wanne-Herten später auch in finanzielle Turbulenzen. Der verlorene Krieg tat ein Übriges. In den folgenden Jahren stiegen nur noch Segelflieger und am Ende (bis 1994) immerhin noch Modellflugzeuge von dort aus in die Lüfte.

Und eines ist sicher: Sie kommt nicht mehr zurück, die gute, alte Zeit der tollkühnen Wanner und ihrer fliegenden Kisten.

Auf dem Flugplatz Wanne-Herten tummelte sich in den Jahren nach der Eröffnung die Prominenz. Der Stummfilm-Star Asta Nielsen war zu Gast. Ebenso gaben regelmäßig „Flieger-Asse“ wie Fokker oder Lübbe Proben ihrer Kunst. 1913 machte der Berlin-Paris-Pionier Audemars in Wanne Zwischenstation. [4]


Flughafen Wanne-Herten

Initiiert durch den damaligen Beigeordneten Weiberg landete am 20. Juni 1911 auf einem Grundstück in Wanne ein Parseval-Luftschiff, die Geburtsstunde des Flugplatzes Wanne-Herten. Unter der Führung Weibergs gründete sich 1912 die „Rheinisch-Westfälische Flug- und Sport-Platz-Gesellschaft m.b.H. Wanne“, deren Kapital neben den Gemeinden Wanne und Herten auch die Stadt Herne, der Großgrundbesitzer Graf Droste zu Vischering von Nesselrode-Reichenstein in Herten, Direktor Arthur Müller aus Berlin-Charlottenburg, die Eickeler Brauerei Hülsmann und der Hauptmann Hermann Hans Waldemar Herwarth von Bitterfeld zeichneten. Friedrich Weiberg übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat der Gesellschaft. Während zunächst nach nur wenigen Monaten ein betriebsbereites Gelände den Fliegern zur Nutzung übergeben werden konnte, einschließlich einer Tribüne, die bis zu 1000 Besucher fasste, Flug- und Ballonhalle, setzten bereits vor dem Ersten Weltkrieg finanzielle Schwierigkeiten ein, so das am 6. Mai 1916 ein Konkursantrag gestellt werden musste. Die Abwicklung endete erst im Laufe der 1920er Jahre.[5]

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Quellen

  1. 1 pr. Morgen = 2553,22 m2
  2. Prinzessin Charlotte von Preußen, vollständiger Name Victoria Elisabeth Augusta Charlotte von Preußen VA (* 24. Juli 1860 in Potsdam; † 1. Oktober 1919 in Baden-Baden) war ein Mitglied des Hauses Hohenzollern und durch Heirat Herzogin von Sachsen-Meiningen (1914–1918). Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_von_Preu%C3%9Fen_(1860%E2%80%931919)
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Parseval-Luftschiff#PL_12_Charlotte
  4. http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-herne-und-wanne-eickel/tollkuehne-wanner-und-ihre-fliegenden-kisten-id6695281.html#plx146189836
  5. Die Geschichte des Flugplatzes Wanne-Herten. auf wanne-eickel-historie.de, abgerufen am 5. Januar 2014.