Die Vergessenen - jüdisches Industrieproletariat in Herne und Wanne-Eickel

Der Originaltext/Artikel dieser Seite stammt von Kurt Tohermes und wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet.
Autor Kurt Tohermes
Erscheinungsdatum 1987, in: Sie werden nicht vergessen sein, S. 23 - 25

Spricht man mit älteren Hernern und Wanne-Eickelern über die jüdische Bevölkerung vor 1933, so hört man immer wieder die Bemerkung, dass die "Juden alle reich" gewesen seien. Im weiteren Gespräch wird auch schnell die Ursache dieses Missverständnisses klar. Man erinnert sich besser an die Namen jüdischer Geschäftsinhaber auf der Bahnhofstraße in Herne oder der Hindenburgstraße (heute Hauptstraße) in Wanne-Eickel als an die Namen jüdischer Industriearbeiter. Diese gab es auf dem Gebiet der heutigen Stadt Herne in nennenswerter Zahl seit dem Ende des Ersten Weltkrieges. Vereinzelt lassen sich jüdische Bergarbeiter schon ab 1876 nachweisen. Fakten über sie herauszufinden ist schwierig, da sie in der Regel als Kostgänger bei anderen Bergarbeiterfamilien wohnten. Sie meldeten sich polizeilich meist nicht an und erschienen deshalb nicht im Einwohnerverzeichnis.

Nach der Niederlage Deutschlands und Österreichs im Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Zarenreiches durch die bolschewistische Revolution kamen die jüdischen Industriearbeiter in drei Untergruppen in den hiesigen Raum. General Pilsudski [1] versuchte mit französischer Hilfe, einen neuen polnischen Staat zu sammeln und löste Teile aus den drei zusammengebrochenen Kaiserreichen. Am 27.12.1918 begann der Posener Aufstand [2], in dem der deutsche Bevölkerungsanteil sich gegen dieses Vorhaben zu wehren versuchte. Daraufhin wurde die deutsche Verwaltung aus Posen und Westpreußen ausgewiesen. Die junge Weimarer Republik musste 1919 die Gebiete offiziell abtreten, und 750.000 Deutsche wanderten nach Westen, darunter zahlreiche Juden (1. Gruppe). In den bäuerlichen Gebieten der nun zu Polen gehörenden Teile der Ukraine entwickelten sich Kämpfe zwischen der Unierten Kirche, Juden und der Intelligenz auf der einen und den polnischen Behörden auf der anderen Seite. Diese Kämpfe führten zum polnisch-russischen Krieg [3], der erst im Frieden von Riga 1921 beendet wurde. Viele der besitzlosen Mitglieder der starken jüdischen Minderheit flüchteten in diesem Krieg in die USA, nach England oder nach Deutschland (2. Gruppe). Die dritte Gruppe, die unter dem Pauschalbegriff "Ostjuden" verstanden wurde, bestand aus den jüdischen Einwohnern der ehemaligen österreichischen Provinzen West- und Ostgalizien, von denen der größere Teil an Polen fiel, der kleinere an die Tschechoslowakei. So hatten alle drei Gruppen bei ihrer Ankunft in Herne verschiedene Staatsbürgerschaften.

In der Sprache der Wanne-Eickeler Nationalsozialisten liest sich die Geschichte natürlich anders: "Alle die galizischen und sonstigen Ost-Juden, die aus dem Osten mit verlaustem Kaftan über die Grenze schlichen, aber schon bald dank der Instinktlosigkeit und Gutgläubigkeit der deutschen Volksgenossen ein gutes Geschäft aufziehen konnten, erreicht wieder der Arm des Gesetzes. Aus den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens, die dem schwarzen und roten Klüngel eine bereitwillige Aufnahme verdanken, werden wieder staatenlose Juden." Mit dem "schwarzen und roten Klüngel" waren die Katholiken, die Sozialdemokraten und die Kommunisten gemeint, die von den Nazis wie die Juden als internationale Verschwörer abgestempelt wurden.

Grabstein eines Ostjuden auf dem jüdischen Friedhof am Hoverskamp

Eine genaue Zahl der ostjüdischen Einwanderer lässt sich nicht feststellen. In Herne lag sie 1920 ungefähr bei 225 Personen. Die Fluktuation in diesen Gruppen der Arbeiterschaft war sehr hoch. Es tauchten überall Emigranten dieser neuesten Einwanderungswelle auf; sie suchten nach Arbeit und fanden keine; oder sie arbeiteten einige Tage und verschwanden wieder. Sie versuchten, sich polizeilich anzumelden: es wurde ihnen abgeschlagen. Oder man verweigerte ihnen die Ausgabe von Lebensmittelkarten und zwang sie dadurch, weiterzuziehen. Wenn sie Arbeit gefunden hatten, bekamen sie keine Wohnung. Oder sie wurden an ihrer Arbeitsstelle verhöhnt und gingen deshalb nicht wieder zur Arbeit. Arbeitslos gingen sie, oft hungernd, frierend, ohne Geld und ohne Wohnung zur jüdischen Gemeinde, bekamen dort eine Mahlzeit und eine Eisenbahnfahrkarte, irgendwohin, wo sie wieder zur jüdischen Gemeinde gingen und wieder weitergeschickt wurden. In den Wartesälen der Bahnhöfe lagen sie herum, in jüdischen und christlichen Herbergen, für die Behörden unkontrollierbar. So fehlte jede Möglichkeit der statistischen Erfassung. Die Synagogengemeinde Wanne-Eickel befasste sich am 14.09.1919 erstmals mit dieser Problematik. Sie wies auf die Verpflichtung hin, den Glaubensbrüdern aus dem Osten, die in hiesiger Gegend Arbeit suchen, die weitgehendste Unnterstützung angedeihen zu lassen." Viele Juden suchten Beschäftigung im Ruhrbergbau, doch die Landesarbeitsämter in Münster und Düsseldorf, noch mehr die Abteilung Bergbau des Landesarbeitsamts Münster in Bochum nahmen gegen die jüdischen Arbeiter eine ausgesprochen feindliche Haltung ein. Die Bochumer Stelle ging sogar so weit, die Zechenverwaltungen vor der Einstellung jüdischer Arbeiter zu warnen. Als Reaktion auf diese Vorgehensweise gründeten junge Zionisten ein jüdisches Arbeitsamt in Duisburg, welches auch die ostjüdischen Arbeiter in Herne, Eickel und Wanne betreute. Die lokalen Zechen verhielten sich unterschiedlich bei der Einstellung jüdischer Arbeiter. Während auf der Zeche Pluto in Wanne einige Juden Arbeit finden konnten, waren 1920 auf den Herner Zechen Hibernia und Shamrock keine jüdischen Arbeiter beschäftigt. Um ihre schwierige soziale Lage zu verbessern, gründeten die jüdischen Arbeiter in Herne eine Ortsgruppe des Verbandes ostjüdischer Organisationen. Viele der jüdischen Arbeiter wollten sich nicht dauerhaft in Herne oder Wanne-Eickel niederlassen. Sie sahen die Arbeit im Bergbau oder in der Metallindustrie als Möglichkeit, sich das Geld für eine Überfahrt nach Amerika zu verdienen.

Nach der Besetzung Hernes durch die Franzosen 1923, gingen viele Ostjuden nach Belgien und Frankreich, weil sie in den dortigen Zechen bessere Verdienstmöglichkeiten erwarteten. So sank 1923 die jüdische Bevölkerung in Herne von 530 auf 386. 1930 lebten im Raum Herne nur noch 80 - 100 ostjüdische Arbeiter. Nicht nur in sozialer, sondern auch in religiöser Hinsicht unterschieden sich die Ostjuden von den eingesessenen Juden. In der Regel brachten die Zuwanderer aus ihrer Heimat ein orthodoxeres Religionsverständnis mit, als es in Herne vorherrschte. Besonders die liberalen Synagogen wurden abgelehnt, weil dort mit Orgel und gemischtem Chor nach ihrer Meinung unjüdische Elemente eingeflossen waren. In beiden Städten hielten die ostjüdischen Gemeinschaften eigene Gottesdienste ab. Wie spannungsgeladen die Atmosphäre innerhalb der Herner Synagogengemeinde war, zeigen Ausschnitte aus den Protokollen der Repräsentanten- und Vorstandssitzungen. So äußerte sich Rechtsanwalt Dr. Lobenstein: "Die Betgemeinschaft der Ostjuden ist eine besondere Gemeinschaft und als polnische, gegen das Deutschtum gerichtete Gruppe zu betrachten." Noch weiter ging der Repräsentantenvertreter Salomon: "...und wenn die Kasse auch überflüssiges Geld hätte, würde man für ostjüdische Einrichtungen keinen Pfennig übrig haben, denn die Ostjuden kommen arm hierher, werden reich und wollen unser Gotteshaus nicht besuchen." Hinter der offensichtlichen Polemik wird die Angst vieler Herner Juden deutlich, um die Früchte des Kampfes für ihre bürgerliche Emanzipation gebracht zu werden. Den ostjüdischen Arbeitern ging es um ein Festhalten an ihrer jahrhundertealten Tradition. Dieser unüberbrückbare Konflikt brach auch in anderen Synagogengemeinden des Ruhrgebiets auf.

Die Nationalsozialisten machten sich diese Spannung zunutze, indem sie zunächst vermehrt die Ostjuden angriffen. Sie wollten damit eine Solidarisierung beider Gruppen verhindern, bis ihre Macht gefestigt worden war. Nach der Machtübernahme zielten die antisemitischen Maßnahmen der Nazis stets zuerst gegen die Ostjuden. So traf auch die erste Großdeportation von Juden aus Herne die Ostjuden. Am 27.10.1938 begann die sogenannte "Ostjudenaktion" damit, dass die Polizei den jüdischen Bürgern polnischer Staatsangehörigkeit befahl, sich für einen Abtransport fertigzumachen. Allein 37 namentlich bekannte Herner wurden an die polnische Grenze deportiert. Aufgrund der vorhandenen Unterlagen muss angenommen werden, dass alle dem Holocaust zum Opfer fielen.

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Quellen

Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel (Ausstellungsdokumentation), Herausgeber: Der Oberstadtdirektor der Stadt Herne, 1987

Anmerkungen