Die Strike=Unruhen im Bochumer Distrikt (Baltimore 1899)

Originaltext aus Der Deutschen Correspondenten Baltimore 1. Juli 1899 S. 1 [1]

Button-DGB-Geschichtswerkstatt.png
Zurück zur Themenübersicht

Der nachfolgende Text ist kritisch zu betrachten. Zur historischen Einordnung siehe: Herner Aufstand 1899

Die Strike-Unruhen im Bochumer - Distrikt.

"Die Zahl der strikenden Grubenarbeiter zu Herne im Bochumer-Distrikt war gestern auf ungefähr 7000 gestiegen, doch ereigneten sich keine weiteren Ruhestörungen. Viel dazu beigetragen hat sicherlich die Energie, welche die Behörden entwickeln: zwei Bataillone Infanterie, eine Eskadron Kavallerie und alle im Kreise abkömmlichen Gendarmen werden herbeigezogen und üben einen Patrouillendienst aus, der alle Unruhen im Keime ersticken kann.

Daß die Regierung Dies ernstlich beabsichtigt, beweist, daß der commandirende General des (westphälischen) 7. Armeecorps. General d. Ins. v. Mikusch-Buchberg, sich persönlich nach Herne begeben hat. Er ist dort im „Hotel Schlenkhoff" abgestiegen. Das selbe macht einen recht kriegerischen Eindruck, da vor dem Thore die Doppelposten im Innern berittene Ordonnanzen und auch eine Menge Infanteristen stehen, welche auf Fahrrädern gleichfalls Ordonnanzdienste thun sollen. General v. Mikusch hat außer dem die Sache noch ganz praktisch angefangen. Um es den jüngeren, unruhigen polnischen Elementen unter den Strikenden ganz klar zu machen, daß er nicht mit sich spaßen lasse, hat er den Befehl von der Ausgabe von je 60 scharfen Patronen pro Mann in die Öffentlichkeit gelangen lassen.

Der General hat in Herne ungefähr 2000 Mann Truppen zu seiner Disposition, und Das ist mehr, als erforderlich, um jeden Widerstand im Keime zu ersticken. Außerdem geht die Polizei streng vor. Sie hat bis jetzt 15 Revolver confiszirt! und die beiden polnischen Agitatoren Dobrozerski und Adamski, welche einen Zechen-Direktor mißhandelt hätten, in Untersuchungshaft abgeführt.

So hat sich denn die Situation erheblich gebessert. Die strikenden polnischen Grubenarbeiter beginnen, einzusehen, daß sie durch Gewaltthätigkeiten ihre Lage nur verschlimmern könen.

Die Deutschen hielten sich von Anfang an und halten sich noch dem „Strike der Dummen" ferne auf direktes Anrathen der sozialistischen Arbeiterführer. Uebrigens stellt sich heraus, daß die Zahl der in den Kämpfen zwischen der Gendarmerie und den strikenden Polen Verwundeten beträchtlich größer ist als zuerst angenommen wurde.

(Später)— Ein Theil des bei Herne zusammengezogenen Militärs wird bald wieder nach seinen Garnisonsorten abrücken, und die Zechen „Shamrock" und „Friedrich der Große" werden die Kosten der militärischen Besetzung des Distrikts zu tragen haben, deren Zahlung die Gemeinde Herne zu leisten ablehnte, weil sie noch unter den Folgen des großen Streiks von 1889 leiden. Ueber die Vorgänge von vorgestern und gestern werden noch interessante Einzelnheiten bekannt. Gestern, am Peter- und Pauls-Tage, rückten die Striker mit einr Fahne vor die Wohnung des Zechendirektors Brinkmann und luden diesen spöttisch ein, eine Kahnpartie mit ihnen zu unternehmen, weil sie hierbei die beste Gelegenheit hätten, ihn zu ertränken. Brinkmann beantwortete die Einladung mit einigen Revolverschüssen und verzog sich eilends unter den Schutz der Truppen.

Daß die Gendarmen nicht gefackelt haben, geht aus einem Funde hervor, der im Thorweg eines Hauses in Herne, in welchem sich polnische Striker mit ihrem Anhang befanden, gemacht wurde. In dem Thorweg wurde nämlich ein blutiges Etwas gefunden, das sich bei näherer Besichtigung als ein abghauens Frauenohr darstellte."

Verwandte Artikel

Quellen