Der Buschmannshof, die Wiese und das Nevegal

Eigentlich hätte es den Buschmannshof gar nicht geben dürfen, genauer gesagt den breiten Grünstreifen von der Hauptstraße bis zum Bahnhof.

Danke ...
... an Angelika Palm, die sich noch lebhaft an Nevegal und Selbstschutz erinnert, und an Peter Möller, der den Märchenwald liebte.
Weihnachten am Buschmannshof
Am Buschmannshof wurde in den 1960er Jahren für Kinder in der letzten Woche vor Weihnachten immer ein kleiner Märchenwald aufgebaut. Zu sehen waren Hänsel und Gretel, Sterntaler, Schneewittchen und Dornröschen. Diese Märchenfiguren wurden mit kleinen Lampen angeleuchtet und waren für alle Kinder ungemein spannend. Und sie waren praktisch. Vor allem, wenn am Heiligabend das Christkind und seine kleinen Helferlein etwas Zeit und Ruhe brauchten, um die Bescherung vorzubereiten.

So mancher Vater packte dann seine Kinder in den VW Käfer und fuhr mit ihnen zum Buschmannshof. Dort tauchten die Kleinen mit glänzenden Augen in die Märchen ein, ließen sich die Geschichten zum x-ten Mal erzählen – und nach einer Stunde ging es durchgefroren wieder ab nach Hause, wo in der Zwischenzeit alles aufs Feinste vorbereitet war.

Wolfgang Berke

Hof Buschmann um 1900, der Namensgeber für die Grünzone in der Innenstadt, wurde 1927 endgültig abgerissen.

Als es durch das enorme Bevölkerungswachstum in Wanne-Eickel immer enger wurde und jeder freie Quadratmeter zugebaut werden musste, sparte man das beachtliche Stück einfach aus. Fehlende Ideen? Planerische Weitsicht? Man weiß es nicht, aber mit der riesigen Grünfläche vor dem Bahnhof steht Wanne-Eickel im Ruhrgebiet ziemlich einzigartig da. Bis 1927 stand noch ein Bauernhof, wo heute die Bus- und Bahntrasse zum Hauptbahnhof führt. Nachdem Bauer Buschmann in Wanne-Eickels Innenstadt schon längst kein Land mehr gesehen und den Hof verkauft hatte, wurde dieser nach über 20 Jahren Leerstand schließlich abgerissen. Erst 1952 besann man sich der Historie und taufte ein kleines Sträßchen auf den Namen der Bauern, die hier seit dem 15. Jahrhundert ansässig waren.

Im Sprachgebrauch galt aber nicht nur die kleine Straße, sondern die ganze Anlage mindestens bis zur Wibbeltstraße als Buschmannshof oder kurz Buschi. Kernstück des Buschmannshofs war für die Jugendszene in den 1960ern und 1970ern das grüne Karree zwischen Hauptstraße, Amtmann-Winter-Straße, Wibbeltstraße und Am Buschmannshof, kurz Wiese genannt. Hier traf sich bevorzugt nach Schulschluss und noch bevorzugter am Samstag nach Schulschluss (wir mussten samstags noch in die Schule!) alles, was am Austausch von Informationen, Szene-Tratsch und Zigaretten Interesse hatte. Was natürlich ein ums andere Mal die Ordnungshüter auf den Plan rief, war es doch strengstens untersagt, öffentliche Grünflächen zu betreten oder gar drauf zu liegen, was wir natürlich taten, wenn es nicht gerade regnete oder fror. Also: Aufmarsch der Grünen – kollektiver Abmarsch von der Wiese. Abmarsch der Grünen – kollektive Wiederinbesitznahme.

Auf der Wiese wurde abgecheckt, wo man abends hingehen sollte, wer mit wem ging, welche Musik sich lohnt und wer noch etwas Geld für Fiffi hatte. Dahinter verbarg sich ein furchtbarer Wermut-Verschnitt der ziemlich betrunken machte und weniger als eine Mark kostete. Geringe finanzielle Sorgen hatten diejenigen, die beim Selbstschutz im Peckelsenhaus einen Kursus machten. Zwar musste man samstags den ganzen Tag in den Ausbildungsräumen oder im Bunker an der Amtmann-Winter-Straße verharren, Gummipuppen beatmen oder Holzpuppen mit Wolldecken löschen, aber die Aufwandsentschädigung von satten acht Mark war's wert.

Im Nevegal, einer kleinen Eisdiele an der Hauptstraße (zwischen der Metzgerei Schweisfurth und Profittlich), war man mit soviel Geld fein raus. Der kleinste Eisbecher, an dem man sich verdammt lange festhalten konnte, kostete 50 Pfennig, die Musikbox nudelte für eine Mark fast eine halbe Stunde und für eine Schachtel Camel, die man großzügig unter den Anwesenden verteilen konnte, reichte es auch noch locker. Bis 1970 war das Nevegal neben der Wiese die angesagteste Schüleradresse, nicht etwa, weil der Laden besonders originell war, sondern einfach nur wegen seiner strategisch günstigen Lage, in guter Nähe zum Mädchengymnasium. Hier konnte man die ersten zarten Bande zum (zumeist) anderen Geschlecht knüpfen, Cliquen bilden, das Wochenende planen und, wenn es sein musste, auch mal eine Band gründen.

Anfang der 1970er Jahre lief die Hertie-Cafeteria dem Nevegal den Rang ab, warum auch immer. Auch die Wiese litt unter der unverständlichen Zugkraft der Hertie-Cafeteria. Gut, die frisch gebackenen Autobesitzer mussten nicht mehr nach einem Parkplatz suchen, sondern rauschten ins Hertie-Parkhaus. Parkgebühr wurde bei Verzehr erstattet. Aber in der Cafeteria konnte man nicht liegen, wenigstens nicht richtig. Und die Ordnungshüter dort hießen Kellner.

Als die Hertie-Treffen aus der Mode kamen, erlebte die Wiese leider keine Renaissance mehr. Wie auch, sie war ja in der Zwischenzeit zur Hälfte zubetoniert worden. An die Stelle der bequemen Grünfläche war jetzt eine extrem hässliche Anlage mit einer Anhäufung von Scheußlichkeiten getreten, die irgendwelche Stadtplaner wohl für schick und zweckmäßig hielten. Brunnen, Bänke, Pavillons, Gehwegplatten, „Spiel“platz: eine einzige Katastrophe. Weiter hinten, fast außer Sichtweite von der Hauptstraße, trifft sich heute die Szene. Allerdings nicht mehr wie früher die der Schüler, sondern die Drogen- und Alkoholszene.


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Quellen

Der Buschmannshof, die Wiese und das Nevegal Der Buschmannshof, die Wiese und das Nevegal