Das Leben in der Kolonie der Zeche Friedrich der Große 3/4

Nach dem 1. Weltkrieg wurden immer mehr Arbeiter im Bergbau gebraucht, weshalb es große Werbeaktionen vor allem in Ostdeutschland und Polen gab.

So kamen auch viele Polen nach Herne-Horsthausen. Für die erste Zeit wurden sie im Ledigenheim untergebracht, das wir »Bullenkloster« nannten. Aber dann kamen die Familien nach oder die Ledigen fanden die richtige Frau und alle brauchten eine Wohnung. Schon bald reichten die Wohnungen für die vielen Bergleute und ihre Familien nicht mehr aus. Die Bergwerksgesellschaft baute wegen der Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren eine neue Kolonie nahe der Zeche Friedrich der Große. Es gab Wohnhäuser verschiedener Größe. Ein Typ stach dabei besonders hervor.

Diesen Typ, in dem auch ich groß geworden bin, möchte ich hier näher beschreiben. Eingedenk der Tatsache, dass man den Arbeitern keinen so großen Lohn zahlen wollte oder konnte, sollte Haus, Garten und Stall in der Lage sein auch für die Ernährung zu sorgen. Und man war bei der Planung sehr sorgfältig, auch die Miete war entsprechend niedrig.

Das Haus bestand aus zwei Hälften, mit zwei Eingängen und einem kleinen Hof an jeder Seite. Für eine Familie standen vier Zimmer zur Verfügung, in der Regel als Küche, Wohnzimmer und zwei Schlafzimmer genutzt. Im Keller befanden sich eine Waschküche und ein Kellerraum. Jeder Arbeiter erhielt kostenlos ausreichend Kohlen für den Winter, die außer den Kartoffeln im Keller eingebunkert wurden. Die Heizung war also kostenlos. Zum Anzünden der Öfen brachte der Bergmann seiner Frau Brennholz mit; den sogenannten »Mutterklotz«.

An jeder Haushälfte war ein Stall angebaut, in dem auch die Plumpstoilette untergebracht war. Im Stall hielt man in der Regel ein Schwein, das im Herbst geschlachtet wurde. Außerdem Kaninchen und oft gab es auch einen selbst gebauten Hühnerstall. Im geräumigen Dachboden brachten einige Bergleute auch ihre Brieftauben unter. Der Garten war groß genug für den Anbau von Kartoffeln, vielen Gemüse- und Obstsorten.

Zusammen mit Fleisch und Wurst vom Schwein, dem Fleisch von den Kaninchen und den Eiern von den Hühnern war man gut versorgt. Margarine, Brot, Zucker, Salz, Mehl usw. holte man sich vom Kaufmann.

Der Obst- und Gemüsehändler Neugebauer rief immer laut: »Äpfel, Birnen, Tomaten, Erbsen, Wurzeln, Kartoofeln!«, mit einem ganz langen »ooo« zum Schluss. Und wenn dann der Gaul seine »Äpfel« fallen ließ, dann musste ich diese für unseren Garten aufsammeln.

Der Milchmann brachte jeden Morgen frische Milch und die war nicht, wie heute »pasteurisiert«, oder »länger haltbar«. Auf einem Teller in den Keller gestellt gab es Dickmilch mit einer gelben Schicht oben drauf. Darauf noch etwas Zucker, lecker. Versucht das mal heute mit der behandelten Milch.

Nicht vergessen wollen wir den »Klüngelkerl«, der mit seinem Wagen durch die Straßen fuhr und auf einer kleinen Blechflöte eine Melodie blies, die ich heute noch im Ohr habe. Alles, was man an Abfall hatte oder fand: Lumpen, Eisen, andere Metalle usw. konnte man ihm bringen und bekam als Kind dafür ein kleines Spielzeug oder ein paar Pfennige.

Es gab Lebensmittelgeschäfte, einen Metzgerladen und eine Wirtschaft »Kasino Stegmann«. Eine Bank gab es nicht. War auch nicht nötig, denn die Bergleute bekamen eine Lohntüte mit ihrem Geld. Ein großer oder kleiner Teil blieb gleich beim Kasino Stegmann, denn die staubigen Kehlen mussten angefeuchtet werden.

Es war schon erstaunlich was unsere Väter und Mütter in dieser Zeit geleistet haben. Heute ist alles so einfach. Wenn man etwas braucht, geht man einkaufen. Das konnte man sich damals nicht leisten. Selbst ist der Mann und selbst ist die Frau war angesagt. Natürlich mussten die Erzeugnisse des Gartens verarbeitet werden und einiges wurde auch davon für den Winter in Gläsern eingemacht.

Ein weiteres großes Treiben gab es, wenn wir Sauerkraut machten. Dazu konnte man sich eine große Reibe ausleihen, auf der die Kohlköpfe über die Messer gerieben wurden. Das gab riesige Mengen geschnittenen Kohl. Der Kohl wurde dann mit Salz in einem Holzfass eingebracht, bis dieses Fass bis oben gefüllt war. Dann machte man noch Druck von oben, legte eine Holzplatte oben drauf und darauf noch einen Stein. Nach langer Lagerung war das Sauerkraut fertig und wir konnten den ganzen Winter davon leben.

Ähnlich ging es zu, wenn wir Rübenkraut machten. Die Rüben mussten klein gehäckselt werden und wurden dann in einem Kessel gekocht, bis Rübenkraut daraus entstand. Man musste immer wieder die Masse umrühren und wir Kinder halfen dabei. Das reichte dann für ein Jahr.

Obst wurde oft eingemacht oder zu Marmelade verarbeitet. Mein Vater stellte auch Obstwein selbst her. Dazu stand ein Weinballon Gärbehälter in der Küche in dem es immer geheimnisvoll blubberte. Der sogenannte Beerenwein war berühmt für den schweren Kopf am nächsten Tag.

Die meisten Einmachgläser brauchte man für das Fleisch vom Schwein, das wurde fertig gegart eingemacht. Man brauchte gute Kenntnisse, um die verschiedenen Wurstsorten zu machen. Für die Leber- und Blutwurst brauchte man gutes Wissen über die besten Kräuter. Auch die Mettwurst wurde immer lecker. Bestimmte Wurst, Schinken und Speckseiten mussten geräuchert werden. Sie kamen danach in Stoffsäcke und hingen oben im Flur an der Decke. Ein wunderbarer Duft zog durch das Haus.

Außer kochen und putzen konnte die Mutter aber auch schneidern, stricken, stopfen, häkeln, sticken und Vieles mehr. Ein alter Mantel vom großen Bruder wurde auseinander getrennt auf die andere Seite gedreht und daraus ein Mantel für den kleinen Bruder gefertigt.

Wenn bei uns Waschtag war, nahm die Arbeit für Mutter immer überhand und wir halfen auch dabei mit. Die Wäsche wurde mit der Hand, Seife und Bürste gewaschen. Später hatten wir eine hochmoderne Waschmaschine. Die arbeitete aber nicht mit Strom, sondern mit Wasserdruck. Es war das Modell 40 der Firma Miele. Zu seiner Zeit das Modernste, was auf dem Markt war. Die Mechanik war erstaunlich. Das Wasser machte Druck auf den Kolben oben auf der Waschmaschine, der fuhr also hin und her. Das wurde dann in eine Drehung umgeleitet und die hölzernen Paddel im innern drehten sich hin und her. So wurde die Wäsche hin und her bewegt und kam ganz sauber heraus. Dann hatten wir eine kleine Mangel, die ich meistens bediente. Die presste das Wasser aus der Wäsche.

Die großen Wäschestücke wie Bettwäsche, Tischtücher usw. kamen zur Mangel. Keine Heißmangel wie heute. Stellt Euch einen riesigen Kasten vor, der mit großen Steinen belastet war. Den konnte man mit einer großen Kurbel bedienen. Unter dem großen Kasten waren große Holzrollen mit einem langen Tuch drum herum. In dieses Tuch legte man die Wäsche und drehte diese auf die Rolle. Die Rollen kamen unter den Kasten und durch die Kurbel rollte der riesige Kasten über die Rollen bis die Wäsche darin völlig geplättet war.

Wir Kinder wurden einmal in der Woche in einer Zinkwanne gebadet. Das Wasser wurde vorher auf dem Herd in der Waschküche erwärmt. Ich als letztes Badekind bekam kaltes Wasser. Denn es gab kein frisches Wasser für jedes Kind und dann war das Wasser auch schon etwas trüber.

Es war schon erstaunlich was unsere Mütter und Väter alles konnten und machten. Natürlich bekamen wir Kinder unsere Haare zuhause mit der Haarschere vom Opa geschnitten. Wenn die Schuhe abgelatscht waren, dann wurden sie vom Vater besohlt. Aber Schuhe waren nur für Sonntags. Ansonsten liefen wir im Winter mit Holzschuhen und im Sommer barfuss.

Alle Schreinerarbeiten machte unser Vater selbst. Sogar die komplizierteste Eckenverzahnung hatte er drauf. Auch jede Art von Metallarbeit kam bei ihm vor. Er konnte wunderbar löten. Wenn der Vater etwas zu Hause bastelte, brauchte er dazu Material. »Das haben wir auf der Zeche zufällig gefunden«, erzählt mein Bruder Willi. Wir fuhren mit dem Leiterwagen (Handwagen) zur Zeche und holten offiziell Abfallschwarten. Das war erlaubt, aber unter diesen Schwarten versteckten wir Holz zum Basteln aus der Schreinerei und Eisen aus der Schlosserei.

Viele Väter die Übertage tätig waren, ließen sich ihr Mittagessen von der Frau an das Tor der Zeche bringen. Bei uns war es die Aufgabe der Kinder, dem Vater das Essen im Henkelmann in das Kesselhaus bringen, denn er durfte aus Sicherheitsgründen das Kesselhaus nicht verlassen.

Die Bergleute vor Ort bekamen ja guten Lohn und später auch eine hohe Rente. Aber wiegte das die Nachteile der Arbeit auf? Wer wirklich täglich dem Staub im Stollen ausgesetzt war, der war oft mit vierzig Jahren schon Invalide. Das war die Staublunge (Pneumokoniose), die keine lange Lebenserwartung zuließ. Ich habe ein Bild von einem 42jährigen, ehemaligen Bergmann vor Augen, wie er alle paar Schritte an unserem Zaun stehen blieb und erst wieder Luft holen musste. Und nicht lange danach ging der Trauer zug durch unsere Straße.

Beliebt waren bei uns Kindern Spiele mit Knickeln (Murmeln). Die aus Ton gebrannten Kugeln wurden mit der Hand geschnippt, so dass sie gegen einen anderen Knickel stießen und diesen in ein Loch beförderten. Für das Spiel mit dem Peitschendop (Kreisel) benötigte man außer dem Dop noch eine selbst gefertigte Peitsche. Das Band an der Peitsche wurde um den Dop gewickelt und dann mit Schwung gezogen. Dann kreiselte der Peitschendop auf glatter Fläche. Weitere Schläge mit der Peitsche hielten ihn in Drehung und man konnte auch Figuren mit dem Dop machen.

Wir Kinder spielten oft im Wäldchen, oder tobten am Hafen, bauten uns wilde Flöße und schipperten kreuz und quer im Hafen herum, sprangen von der Mauer und tauchten so weit es ging. [1]


Verwandte Artikel

Quellen

  1. Ein Artikel von Heinrich Anton Behrend