Boxbude und Raupe auf dem Schützenplatz

Als Kinder nannten wir die Freifläche in der Stadtmitte nur Schützenplatz.

Friedhelm Wessel [1]

Dort bauten mehrfach im Jahr Schausteller Raupe, Scooter, Karussells und sogar Boxbuden auf. Aber auch Zirkusdarbietungen oder eine große Werbeveranstaltung der noch jungen Bundeswehr lockte bis Mitte der 1960er-Jahre Herner auf dieses Mehrzweckareal. Mit dem Bau des neuen Sparkassengebäudes ab 1966 endete dort jedoch alles. Zirkus und Kirmes gab es von nun an nur noch auf dem Ersatzplatz zwischen Lackmanns Hof, Forellstraße und Westring.

Vor allem im Frühjahr und Herbst, wenn Schausteller auf dem Schützenplatz ihre Buden und Fahrgeschäfte aufbauten, strömten Halbwüchsige in die Stadtmitte, um beim Aufbau von Scooter und Co. zu helfen. Zur Belohnung gab es danach nämlich die heißbegehrten Freikarten.

Ich half ebenfalls mal aus, fand aber wegen anderer familiärer Verpflichtungen kaum Zeit dazu, doch die Kirmes übte als Junge einen besonderen Reiz auf mich aus. Eines Tages stand ich so interessiert vor der Boxbude. Nicht irgendeine, sondern „Seilers Boxbude“, sie war landauf, landab wohlbekannt. In jenen Tagen beherrschten Faustkämpfer wie Heinz Neuhaus und Hein ten Hoff die Schlagzeilen und Boxsport war ungeheuer populär. Neugierig beäugte ich die Bude und schaute interessiert dem Geschehen zu. Alles lief hier nach einem vorher festgelegten Ritual ab: Die Boxer der verschiedenen Klassen wurden unter anderem wortreich mit Anzahl der Siege dem grölenden Publikum vorgestellt. Wer wollte, konnte aus der Zuschauermenge zu einem Faustkampf antreten. Bei einem Sieg winkte dann ein stattliches Preisgeld. So staunte ich nicht schlecht, als ich Onkel Hermann, den jüngeren Bruder meiner Mutter, unter den angepriesenen Faustkämpfern entdeckte. „Hermann, der Rheinlandmeister im Halbschwergewicht“, kündigte der Hallensprecher meinen Onkel an. „Rheinland ja, Boxmeister nein“, denn mein Oberhausener Onkel liebte zwar den Boxsport, konnte aber als Wechselschichtler als Grubenelektriker und später als Elektrosteiger auf der Zeche Haniel in Bottrop, nie an einem richtigen Trainingsbetrieb teilnehmen. Er liebte einfach den Faustkampf. Als Hermann mich in der ersten Reihe entdeckte, zwinkerte er mir zu. Später holte er mich durch einen Hintereingang ins Zelt. Ob er an jenem Tag auf dem Schützenplatz in den Ring stieg, weiß ich leider nicht mehr.

Am folgenden Tag stand ich daher wieder vor der Boxbude und wartete auf den „Rheinlandmeister aus Oberhausen“. Doch der war an diesem Sonntag nicht auf der Bühne. Eigentlich wollte ich schon enttäuscht den Platz verlassen, als ich meinen Onkel im Publikum entdeckte. Diesmal mimte er wohl den Herausforderer. Und diesmal kam es sogar zu einem Kampf, bei dem viel Blut in den Ringstaub floss. Erst Jahre später, als ich Onkel Hermann bei einem Familientreffen auf diesen Faustkampf in Herne ansprach, lachte er und meinte: „Das war doch alles nur Schau, es war nur Theaterblut“. Die Auftritte in Seilers-Bude wurden wohl recht gut entlohnt, denn Onkel Hermann hatte sich damals das Geld für eine neue Kücheneinrichtung innerhalb einer Saison zusammengeboxt. [2]


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Einzelnachweise

  1. Dieser Text wurde von Friedhelm Wessel zur Verfügung gestellt. Der Text darf nicht ohne Genehmigung verändert oder weitergegeben werden.
  2. Ein Artikel von Friedhelm Wessel