Aus der Geschichte der Bahnhofstraße IV

Von Leo Reiners


Aus der Geschichte der Bahnhofstraße

IV.

Auf die Häuserreihe die sich um 1870 von der Kirchhofstraße bis zur späteren Behrensstraße hinzog, folgte, durch eine lange Lücke getrennt, an der südlichen Ecke der Von-der-Heydt-Straße eine kleine Häusergruppe. Das erste Haus dieser Gruppe ist nicht in den alten Katasterkarten enthalten. Es war nämlich, trotzdem es schon lange vor der Neumessung von 1877 bestand, nicht eingemessen. Das wird, da die Vermessung von Gebäuden zum Kataster nicht Zwang ist, öfter vorgekommen sein, so dass die Karten, welche die zwischen 1823 und 1870 vorhandenen Gebäude enthalten, nicht ganz vollständig sind.

Bahnhofstraße 63

Das Haus, das wir meinen, ist heute die Wirtschaft Osthold, Bahnhofstraße 63. Das Grundstück gehörte, wie die ganze Ecke Von-der-Heydt- und Bahnhofstraße, der 1. evgl. Pastorat. Von dieser kaufte es 1857 der Lehrer Clemens August Westerhoff, der in diesem Jahre angeblich aus Gesundheitsrücksichten seinen Dienst quittierte und Kaufmann wurde, für 579 Taler 22 Sgr. (Es handelte sich um 54 Ruten 30 Fuß. Im Jahre 1831 hatte Boos für 32 Ruten an der Ecke Kirchhofstraße nur 111 Taler gegeben.[Anm. 1] >Es war also eine ganz erhebliche Steigerung der Grundstückspreise an der Bahnhofstraße eingetreten, nachdem die Bahnhofstraße zur Provinialstraße ausgebaut worden und der Bahnhof Herne entstanden war.) Lehrer a.D. Westerhoff erbaute auf dem Grundstück sogleich ein Haus. Dazu benötigte er Geld. Der Reichsgraf Otto v. Westerholt Gysenberg [Anm. 2] gab ihm ein Darlehen von 2000 Talern und übernahm außerdem Wechselverbindlichkeiten in Höhe von 3000 Talern. Für diese insgesamt 5000 Taler stellte Heinrich Schmidt zu Sodingen die selbstschuldnerische Bürgschaft, wofür Westerhoff ihn 1865 den Besitz verpfändete. Es kam aber bald zur Versteigerung, in der Schmidt zu Sodingen das Anwesen erhielt. Er verkaufte es 1867 für 6800 Taler an den Kaufmann Waldemar Rochol weiter. Dieser erbaute 1898 anstelle des alten ein neues Haus mit Wirtschaft, eben die heutige Wirtschaft Osthold. Das Haus kam 1905 an seine Witwe, die eine geborene Ernestine Baltz war, 1908 war der Wirt Eduard Klüsener Eigentümer, seit 1923 gehört es der Ehefrau Julius Eising, Emilie geb. Meinhardt.

In der Von-der-Heydt-Straße folgt das Haus des

Maurers Wagner und dahinter die kath. Notkirche

Beide lagen auf demselben Grundstück. Dieses hatte der Maurer Moritz Wagner im Jahre 1857 von der evgl. Gemeinde zu Herne für 385 Taler gekauft und darauf ein Haus mit den heutigen Hausnummern Von-der-Heydt-Straße 3, 5 und 7 erbaut. Das Hinterhofgelände verkaufte er 1860 an die kath. Gemeinde, erwarb er aber 1874 wieder. Schließlich fand eine Teilung statt. Das Besitztum Nr. 5/7 (heute Flake) ging von der Witwe des Maurers Wagner in den Besitz des Händlers und Wirtes Heinrich Leushacke über, 1910 erwarb es das Bürgerliche Brauhaus, 1911 der Wirt Heinrich Finkemeyer, 1925 der Wirt Wilh. Flake. In diesem Jahre erfolgte auch der Umbau des Wohn- und Wirtshauses. Das Haus Nr. 3 hatte mit der Zeit einen Schlachthausanbau erhalten, denn der Metzger Friedrich Wilhelm Schmitz hatte es erworben. 1908 wurde der Kaufmann Michael Brücken in Hagen Eigentümer, 1910 der Kaufmann Heinrich Klein, der es 1911 umbaute.

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Und nun die kath. Notkirche. Sie war

die erste katholische Kirche in Herne

seitdem 1561 die Einführung der Reformation begonnen hatte. Nach rd. 300 Jahren waren so viele Katholiken zugewandert, dass ihre Zuteilung zur Pfarrei Eickel sich nicht länger tragbar erwies. Es musste ([1858]]) ein eigener Gottesdienst in Herne eingerichtet werden, der zunächst von Eickel aus wahrgenommen wurde, dann blieb der Vikar von Eickel, Gustav Schmelzer war es, in Herne wohnen und wurde 1861 bei der Errichtung der kath. Gemeinde Herne der Missionsgeistliche. 1862 wurde Kaplan Schwartz, 1873 Kaplan Strickmann sein Nachfolger. Der Neuaufbau eines katholischen Gemeindelebens in Herne ging von Eickel aus. Die dortige Gemeinde war es auch, die die Grundstücke für die erste Kirche ankaufte. Nachdem die katholische Mission zu Herne 1861 errichtet worden war und staatliche Anerkennung gefunden hatte, wurde der Besitztitel auf sie überschrieben. Den Antrag dazu stellte 1863 der Eickeler Kirchenvorstand selbst (gezeichnet: Hachmann, Pfarrer, Bönninghaus, Dubel).

Das Kirchengrundstück bestand aus zwei Teilen, aus der Parzelle I 447/151 und der Parzelle I 444/151. Das Urgrundstück I 151, es war die Ecke Von-der-Heydt- und Bahnhofstraße, gehörte der evgl. 1. Pastorat. Die Parzelle I 447*151 wurde, wie schon ausgeführt, dem Maurer Moritz Wagner lt. Vertrag vom 30.1,1860 abgekauft. Sie war 19 Ruten 80 Fuß groß und lag hinter seinem Hause. Die Parzelle I 444/151, die 46 Ruten 30 Fuß umfasste, lag neben dem Wagnerschen Grundstück und gehörte dem Schmied Sassenhoff, der es, ebenso wie Wagner, 1857 von der evgl. Gemeinde gekauft hatte. Dadurch, dass die katholische Gemeinde diese Grundstücke im Jahre 1860 erwarb, kam das Kuriosum zustande, dass die erste katholische Kirche nach der Reformation auf einem Grundstück entstand, das 3 Jahre vorher noch der evgl. Pastorat gehört hatte. Diese wiederum hatte es bei der Teilung der Gemeinheit Koppelheide erhalten.

Auf dem angekauften Grundstück wurde Kirche und Schule errichtet. Aber er dauerte nicht lange, da war die Zahl der Katholiken so groß geworden, daß die Bonifatiuskirche an der Bahnhofstraße, die 1874 eingeweiht wurde, die kleine Missionskirche ablösen musste. Das Grundstück, das dem Maurer Wagner abgekauft worden war und auf dem die Kirche stand, wurde im Jahr 1874 an Wagner zurückverkauft, während die Parzelle I 444/151 an den Druckereibesitzer Peter Walter, den Begründer der Herner Zeitung, für 1300 Taler verkauft wurde. Hier befindet sich die Herner Zeitung noch heute. Interessant ist auch der Vertrag, indem der Maurer Wagner die Kirche und das Kirchengrundstück verkauft wird. Als Verkäufer trat Kaplan Gerhard Strickmann auf. Der Kaufpreis wurde auf 816 Taler vereinbar, wovon 500 auf das Kirchengebäude entfielen. Ausgeschlossen vom Verkaufe waren „das auf dem Kirchturm befindliche Glöckchen (es hängt heute im Marienhospital), die in der Kirche befindliche Orgel, Bänke auf der Orgelbühne und das Grab für die Charwoche“. Der Ankäufer verpflichtet sich, das Kirchengebäude zu keinerlei weltlichen Zwecken zu benutzen und sobald als möglich abzubrechen. Der Kaufkontrakt wurde vom Kirchenvorstand (Gez. Carl von Berneck, Karl Herrgott, Franz Kraus) und vom bischöflichen Generalvikariat in Paderborn genehmigt.
Zu der Gebäudegruppe an der Ecke der Von-der-Heydt- und Bahnhofstraße gehörte auch das Haus :‘‘‘Von-der-Heydt-Straße 17‘‘‘. Die Parzelle wurde 1864 von dem Tagelöhner Heinrich Ruhe für 350 Taler erworben. Vorbesitzer war der Bauer Georg Wilh. Koppenberg, dessen Vorfahr das Grundstück bei der Teilung der Gemeinheit Koppelheide erlangt hatte. Ruhe erbaute auf dem Grundstück ein Haus, das seit 1908 der Fuhrunternehmer Heinrich Ruhe besitzt.

Das letzte Haus der genannten Gebäudegruppe war das Haus

Kampstraße 7

Der „Gutsbesitzer“ Diedrich Overkamp hatte das Grundstück 1867 von der evgl. Gemeinde gekauft und an den Bergarbeiter Heinrich Sundermeier weiterverkauft. Er hatte ihm nicht nur 525 Taler Kaufgeldrückstand gestundet, sondern ihm auch 1375 Taler Darlehen zur Erbauung eines Hauses auf dem Grundstück gegeben. Da aber Sundermeier die Zinsen nicht zahlen konnte, ging das Besitztum wieder auf Overkamp über. Im Jahre 1876 erwarb es das Ehepaar Bäcker Aloys Rocholl und Emma geb. Pohle, 1896 der Bergmann Karl Haas. Die Witwe seines Sohnes Louis Haas heiratete den Händler Karl Doll. Jetzt gehört das Grundstück mit dem noch in ursprünglicher Gestalt erhaltenen Hause dem Maurer Karl Doll jr.
Bevor wir im Zuge der Bahnhofstraße weitergehen, sei das einige sonst noch 1870 auf der Von-der-Heydt-Straße verzeichnete Haus erwähnt, es ist das

Haus Nr. 52

Die Parzelle gehörte von der Gemeinheitsteilung her dem Kötter Diedrich Arnold Grüter vom Steinweg, von dem sie 1865 der Schreinermeister und Wirt Wilhelm Sehrbruch für 420 Taler (60 Ruten) erwarb. Dieser erbaute darauf ein Haus. 1867 kaufte der Wirt Heinrich Bohnenkamp das Anwesen für 1800 Taler, 1872 ging es für 2475 Taler auf den Bäcker Fr. Wilh. Asbeck über. Dieser erwarb im gleichen Jahre auch noch die Nebenparzelle. Im Jahre 1898 wurde Eigentümer der Bäcker und Wirt Heinrich Nordsiek jr. Einen Teil des Besitzes erwarb von ihm der Kaufmann Wilhelm Nordsiek, den Rest (Nr. 52) im Jahre 1902 der Kaufmann Wilhelm Sacher. Im Jahre 1898 war das alte Haus abgebrochen und der jetzige Bau errichtet worden. [1]

Dr. Leo Reiners

Dazu vom gleichen Tage: Die Errichtung der Missionsgemeinde Herne (Herner Anzeiger 1935)

Anmerkungen

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Einzelnachweise

  1. Leo Reiners 16. November 1935 Herner Anzeiger