Das alte Dorf Herne vor 120 Jahren - Amtliche Katasterkarten und ein Modell im Museum (Brandt 1938)
Am 30. November 1938 wurde in der Herner Zeitung ein Artikel vermutlich von Karl Brandt über das alte Dorf Herne veröffentlicht. [1]
Das alte Dorf Herne
Amtliche Katasterkarten und ein Modell im Museum
Die ältesten Häuser
(!) Herne, 30. November.
Bei unseren mehrfachen Mitteilungen über das Emschertal=Museum im Schloss Strünkede haben wir auch ein ausgezeichnetes Modell von AltHerne erwähnt. Dieses wurde von Herrn Amann[2], Bahnhofstraße, im Museum nach den Katasterunterlagen vom Jahre 1824 angefertigt. Jüngst hat dann eine Herner Photohandlung große Teilphotovergrößerungen dieses Modells ausgestellt. Naturgemäß fanden sowohl das Modell im Museum als auch die Vergrößerungen starke Beachtung. Im Folgenden eine Beschreibung von Altherne um 1824.
Wie reizvoll muss das alte Dorf Herne ausgesehen haben! Freilich haben wir keine Augenzeugen, die uns davon berichten könnten, aber die amtlichen Katasterkarten, die auf Befehl der Regierung in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in ganz Preußen angefertigt werden mussten, geben uns ein getreues Abbild damaliger Zeit. Da sind die Grundrisse der Gebäulichkeiten eingezeichnet worden, ebenso die Gemüsegärten, Obstgärten, Wälder, Ackerland, Teiche, Straßen, das Spritzenhaus, der Friedhof und die alte Kirche. Alles ist maßstäblich wiedergegeben; so kann an Hand der alten Karten unser Spaziergang durch Alt=Herne beginnen.
Wir kommen die jetzige Bahnhofstraße herauf. Sie war schon damals angelegt, eine Straße, die von schmutzigen Abflussgräben flankiert, von einigen zerzausten Bäumen begrenzt und mit tiefen Fahrfurchen, Wasserpfützen und Morast Stellen durchzogen war. So sehr wir unsere Augen auch anstrengen, nirgendwo sehen wir ein Haus. An der oberen Bahnhofstraße steht rechts ein bäuerliches Anwesen, es ist das Besitztum von Cremer, heute erhebt sich dort ein modernes Geschäftshaus „Cremers Hof". Damit sind wir an dem Südrand des Dorfes Herne angelangt. Noch ein paar Schritte weiter, und vor uns liegt auf der mäßigen Bodenerhebung ein malerisches kleines Dorf, dessen Mittelpunkt die alte Bruchsteinkirche ist. Wohin die Augen schauen, überall ist frisches Grün. Auf der linken Seite des Dorfrandes bis etwa zu dem heutigen Haus Boldt an der Kirche liegt eine einzige Grünfläche, Gemüse= und Obstgärten. Gegenüber auf der rechten Seite stehen nur einschließlich des Spritzenhauses bis zur heutigen Shamrockstraße 8 Häuser.
Zum alten Kirchplatz
Wir gehen am alten Besitztum von Schulte-Kortnack vorbei. Frischer Brotgeruch dringt in unsere Nasen; seit mindestens 1600 backen die Kortnacks in Herne Brot! Jetzt sind wir gleich hinter Kortnacks am Besitztum von Bonenkamp (heute Ecke Bahnhofstraße und Haranniplatz, Haus von Schiltgen). Dort biegt wie heute noch eine kurze Straße zum alten Kirchplatz ab. Dort, wo sich auf unserem Bilde das Kreuz befindet (am unteren Rand), stehen wir jetzt. Vor uns liegt der Kirchplatz. Noch einige Schritte weiter und wir können ihn fast ganz überschauen. In der Mitte steht die altehrwürdige Kirche. Fast 700 Jahre ist sie alt. Der massige Turm ist zu uns gewendet. Stände doch diese romantisch schöne Kirche heute noch, ein Kleinod besäßen wir, auf das wir stolz sein könnten! Um die Kirche gruppieren sich die letzten Ruhestätten der Herner Bürger, Grabsteine aus dem 16. und 17. Jahrhundert stehen darauf. Seit mindestens 1000 Jahren begraben hier die Herner ihre Toten.
Von der Kirche und dem Kirchplatz wenden wir uns zu den in der Nähe liegenden Häusern. Rechts steht das Fachwerkhaus von Rembert und links das Haus Bonenkamp. Sofort hinter dem Hause Bonenkamp steht das längliche Gebäude von Kortnack mit angebauter Backstube. Links daneben steht ein kleineres und niedriges Häuschen. Rechts von dem Hause Rembert sehen wir die Scheune von Rembert und daneben noch eine Ecke des Besitztums von Asbeck. Darüber sehen wir mit der Längsachse parallel zum Kirchplatz stehend, etwa die Hälfte eines länglichen Gebäudes, die alte Schule, die um 1850 wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste. Es wurde dann ein Ziegelsteinbau als Schule errichtet, der um 1910 der Spitzhacke zum Opfer fiel. Hinter dem Schulgebäude lugt ein großer Fachwerkbau hervor, es ist das Haus von Conrad Cremer sen. Links daneben steht eine Scheune, die zum Anwesen Cremer gehört. Der große Bau dahinter ist das Haus von Hentrery. Was wir bisher beschrieben haben, liegt also rechts der Kirche. Links vom Kirchturm sehen wir auf unserem Bilde weitere Fachwerkhäuser; zunächst die Giebelwand eines kleinen Hauses und ein Stück Fachwerk der Scheune von Hentrey. Links daneben schaut die große Giebelwand mit der Delentür des Hauses von Eberhard Strüter hervor, sowie die Scheune dieses Anwesens und dahinter das Haus von Kopfermann am Steinweg. Das Straßenstück, das sich auf unserem Bilde in der linken Ecke oben zeigt, gehört zum Steinweg. Man muss sagen zum alten Steinweg, denn die Linienführung ist heute ein wenig anders. Auf der anderen Seite des Steinwegs liegt das Anwesen von Heinrich Koch, vorn das große Wohnhaus und dahinter mit einer Ecke sichtbar die Scheune. Das Fachwerkhaus, das wir ganz oben links in der Ecke sehen, gehört zum Besitztum Feldmann.
Am Steinweg
Das Besitztum Koch sprang als Eckgrundstück in den alten Steinweg vor, so dass dieser hier eine Biegung machte, um hinter Koch wieder den geradlinigen Verlauf zu erhalten. Die Verhältnisse lagen damals etwa so: Wenn wir von der Bahnhofstraße in den jetzigen Steinweg eingebogen wären (vor etwa 100 Jahren), so wären wir geradeaus nur etwa in Höhe der heutigen Willi Woidestraße gekommen. Hier hätten wir uns

scharf nach rechts (Süden) wenden müssen, wären also ein Stück in die Willi=Woide=Straße eingebogen und dann im großen Bogen um das Besitztum Koch herum wieder auf den geradlinigen Steinweg. Am Grundstück Feldmann begann wieder der geradlinige Steinwegverlauf. Heute hat man einfach den Steinweg durchverlegt; das Besitztum Koch verschwand dabei. Auf unserem Bilde sieht man deutlich den Bogen, den man an Kochs Anwesen machen musste. An der Feldmannschen Scheune, die wir ganz oben links im Bilde sehen, mündet der heute längst begradigte Steinweg geradlinig aus.
Unser Bild müssen wir nur noch wenig beschreiben. Links von der Kirche sehen wir Bäume, sie gehören zum großen Pastoratsgarten. Quer zur Längsachse unseres Bildes steht das Pfarrhaus, das heute noch steht. Zwischen dem Pastorat und der Kirche sehen wir einen niedrigen langgesteckten Bau, das Haus von Conrad Cremer junior. Das Haus wurde Reuster genannt, weil man durch einen großen Torbogen im Hause vom Kirchplatz auf die heutige Willi=Woide=Straße gelangen konnte. In diesem Torbogen ist übrigens vor etwa 60 Jahren das erste Fass Petroleum aufgestellt und literweise verkauft worden; es war das erste Petroleum, das in Herne verkauft wurde!
So haben wir denn den Kern des alten Dorfes Herne kennengelernt. Die Möglichkeit dazu gab uns die alte Katasterkarte; das Bild verdanken wir im Museum aufgestellten Modell, das nach der Katasterkarte angefertigt worden ist.
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Quellen
- ↑ Vgl. Online Quelle auf Zeitpunkt.NRW
- ↑ Handlungsgehilfe Johannes Amann, oder Lehrling Ernst Amann, beide Bahnhofstraße 27.
